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Alkoholmissbrauch«Nach dem Nachtessen beginne ich zu trinken»

Alkoholabhängigkeit ist weitverbreitet. Jetzt sollen Hausärzte stärker mit Suchtfachstellen zusammenarbeiten, um Betroffenen besser helfen zu können.

In der Nordwestschweiz leben 25’000 alkoholabhängige Menschen.
In der Nordwestschweiz leben 25000 alkoholabhängige Menschen.
Foto: Pino Covino

Abends dürstet es Evelyne Meier* nach Cognac. Bei einem Gläschen bleibt es nicht: Je länger der Abend, desto häufiger schenkt sie nach. Der Konsum des Weinbrands ist zum alltäglichen Ritual geworden.

Angefangen hat es vor ein paar Jahren. «Abends, nach dem Nachtessen, beginne ich zu trinken», so Meier. «Nicht wahnsinnig viel, aber zu viel und regelmässig.» Pausen einzulegen, «schaffe ich nicht». Die bald 60-Jährige trinkt nicht allein. Ihr Mann trinkt mit, allerdings ist er lediglich Genusstrinker.

Meiers Alkoholproblem war kürzlich Thema bei ihrer Hausärztin. Und «wir kamen zum Schluss, dass jetzt etwas gehen muss», so Meier. Sie meldete sich bei der Stiftung «Blaues Kreuz / Multikulturelle Suchtberatung beider Basel» (Musub) an. Ihr Mann war beim ersten Gespräch mit der Hausärztin zwar nicht dabei. Er wird jedoch in einer der nächsten Sitzungen, die seit einigen Wochen mit dem Suchttherapeuten geführt werden, dazustossen.

Es war nicht schwer, ihn für diesen gemeinsamen Termin zu gewinnen. Im Gegenteil: «Er ist froh, dass ich das Problem angehe.» Nach einer Analyse ihres Trinkverhaltens entwickelte Meier zusammen mit dem Suchttherapeuten Strategien, wie sie das ritualmässige Trinken unterbrechen und reduzieren kann. Sie treffen sich im ersten Monat wöchentlich, heute alle 10 bis 14 Tage. «Ich führe genau Buch. Und ich habe mir Ziele gesetzt, wie viel ich trinken möchte. So bin ich nicht unter Druck, sofort nichts mehr zu trinken.»

Früherfassung entscheidend

Mit Suchterkrankungen werde in der medizinischen Grundversorgung seit Jahren stiefmütterlich umgegangen, sagt der Psychiater Andreas Manz. Oft würden lediglich die medizinischen Folgen der Problematik behandelt. Die Sucht als Ursache bleibe jedoch oft unbearbeitet. «Vor allem diejenigen Menschen, bei denen der Alkoholkonsum noch keine sichtbaren Spuren wie schwere Schädigung der Gesundheit, Zerstörung des familiären Netzwerkes oder einen Knick in der beruflichen Karriere hinterlassen hat, können von der Suchtberatung bisher nur selten erreicht und erfasst werden.»

In der Nordwestschweiz leben 25000 alkoholabhängige Menschen. Und 100000 Personen würden Alkohol missbräuchlich, das heisst regelmässig in zu grossen Mengen, zu oft oder zur falschen Zeit konsumieren, erläutert Manz. Doch nur jede zehnte Person, die in der Nordwestschweiz lebt, wird einer entsprechenden Therapie zugeführt. Zu wenig. Deshalb haben Manz und die Stiftung Blaues Kreuz / Musub einen neuen Ansatz entwickelt, mit dem das Problem angegangen wird.

Dabei geht es vor allem um die Früherfassung einer Alkoholkrankheit. Wo ginge das besser als bei den Hausärzten? Sie sind es, die in der Regel jährlich mindestens einmal mit ihren Patienten Kontakt haben. Es besteht also bereits ein gewisses Vertrauensverhältnis. Sie sind es, die deren Probleme kennen. Vermutet ein Hausarzt bei seinem Patienten Alkoholmissbrauch, so schlägt er ihm einen Termin mit einem Suchtberater der Suchtfachstelle vor, um das Alkoholproblem anzugehen. Doch zunächst findet gemeinsam ein etwa halbstündiges Gespräch beim Hausarzt statt.

Nebst dem Betroffenen und dem Hausarzt ist ein Suchtberater und nach Möglichkeit ein Angehöriger mit dabei. Die fortsetzenden Gespräche, mit denen das Problem konkret angegangen wird, werden in einer der Fachstellen in Basel, Liestal oder Münchenstein geführt. Das Eingangsgespräch beim Arzt übernimmt die Krankenkasse. Die weiteren Gespräche bei der Suchtberatung sind kostenlos.

Überschaubarer Starterfolg

In einer ersten, längeren Pilotphase arbeitete die Suchtberatungsstelle mit dem Ärztenetz Nordwest zusammen, das etwa 60 Ärzte umfasst. Einige dieser Ärzte hätten der Suchtberatung bisher 60 Alkoholbetroffene zugewiesen, sagt Martin Kofmel, Bereichsleiter Soziale Arbeit beim Blauen Kreuz. Wenige, wie es scheint. Doch für die Mitglieder der Ärztevereinigung besteht selbstverständlich keine Verpflichtung, am Programm teilzunehmen. Um dem Angebot zu grösserer Resonanz zu verhelfen, soll es nun auf weitere Hausarztpraxen ausgeweitet werden. Keine einfache Aufgabe. Denn die Hausärzte stehen laut Kofmel «unter enormem Zeitdruck» und seien «mit grosser Themenvielfalt konfrontiert». Ausserdem brauche es für dieses Thema «eine gewisse Sensibilisierung und Herzblut für das Thema Sucht, kurzum: Es braucht Bereitschaft, dies zu tun

Mittlerweile sind 200 Hausärztinnen und Hausärzte angeschrieben worden. «Es können sich selbstverständlich alle Hausärzte, die Interesse haben, an diesem Programm beteiligen.» Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Aktion der Suchtfachstelle. Sie sucht vielmehr eine langfristige Zusammenarbeit mit den Arztpraxen. Damit können, so Psychiater Andreas Manz, Patienten aus der Alkoholsucht herausgeführt werden, «deren übermässiger Alkoholkonsum bereits erkennbar ist, der aber noch keine massiv negativen Folgeerscheinungen gezeitigt hat». So wie derzeit Evelyne Meier, die für das Ende ihrer Therapie nur einen Wunsch hat: mit ihrem Mann zu einem feinen Essen ein Glas Wein trinken zu können. «Und das wars.»

* Name erfunden



4 Kommentare
    michael thomas

    Von den immer zahlreicheren Obdachlosen, werden die meisten zu Alkoholikern. Billiger Schnaps macht das krank sein, hungern und langsame krepieren erträglicher.