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Christine Richards RundschauMundmaske mit Hannibal-Lecter-Effekt

Für Bankräuber unerlässlich, für Basler an der Fasnacht auch, aber sonst so? Was es mit dem Gesichtsschutz so auf sich hat.

Mundschutz der besonderen Art: Anthony Hopkins als Hannibal Lecter in «Das Schweigen der Lämmer».
Mundschutz der besonderen Art: Anthony Hopkins als Hannibal Lecter in «Das Schweigen der Lämmer».

Frühlingserwachen überall. Die Bäume grünen, die Blumen blühen, die Vögel vö... Ende der Durchsage. Sonnenklar, der Frühling ist da. Natürlich sollte man jetzt über die Natur schreiben. Hier ein paar harsche Worte über die Bärlauch-Epidemie in unseren Suppentellern, dort eine Hymne zum Lobe der Natur. Leider ist das Virus ebenfalls naturgemacht, also läuft diese Kolumne wieder auf Corona hinaus.

Heute ein Beitrag zum Thema Schutzmasken. Das sind jene Dinger, die einem erst in den Sinn kommen, wenn man vergessen hat, sie mitzunehmen. Braucht man sie im Supermarkt, liegen sie im Auto. Sucht man sie im Auto, liegen sie daheim. Zieht man sie daheim an und schaut in den Spiegel, kommt man sich erst recht blöd vor. Wie ein Chefarzt im OP nur ohne entsprechendes Honorar.

Die Schutzmaske trat ziemlich überraschend in unser Leben. Zu Beginn der Corona-Krise galt die Mundmaske als Utensil für die Völker Asiens, für Ausnahmetalente wie Michael Jackson oder für Leute, die zu Panikattacken neigen. Erinnern wir uns an die erste Ansage, sie lautete: Die Dinger sind nutzlos. Dieser Befund war hilfreich, insoweit es sowieso keine Schutzmasken gab. Drei Wochen später machte das Wort von Virologen die Runde: So ein Mundschutz ist gar nicht so übel. Er schützt zwar nicht den Träger, wohl aber alle anderen in seiner Umgebung. Ein so mancher hatte zum damaligen Zeitpunkt schon keine Umgebung mehr, sondern sass im Stübchen daheim, drehte am Däumchen oder durch. Den Experten folgend, wem sonst, kam es zur nächsten Ansage: Die Politik machte sich für das Tragen von Schutzmasken stark. Am Ende, also dort, wo wir heute sind, steht die allgemeine Maskenpflicht zur Debatte. Schutzmasken schützen. Damit durchgesetzt hat sich endlich der gesunde Menschenverstand, wie ihn jedes Kind besitzt, das sich an einem frostklaren Wintertag einen Schal ums Gesicht wickelt.

«Gäll, du kennsch mi nid?»

Das Tragen von Masken ist keine neue Mode. Von den Ureinwohnern in Papua-Neuguineas bis zu den Bewohnern Basels an der Fasnacht, überall tragen sie Masken oder wenigstens einen dicken Nasenring. Speziell erinnert sei in diesem Zusammenhang an Berufsgruppen, für die das Maskentragen geradezu Pflicht ist, weil reiner Selbstschutz. Damit meine ich Bankräuber und Einbrecher aller Art. Strumpfmasken sind hier Basics der Berufskleidung. Es gibt nichts Bemitleidenswerteres als einen Bankräuber, der sein nacktes Gesicht in die Überwachungskamera einer Bankfiliale streckt. Für die Ermittler von «Aktenzeichen: XY … ungelöst» ist ein mundschutzloser Räuber, falls man das so formulieren darf, ein gefundenes Fressen. Nebenbei: Die Zunft der Einbrecher hat es in diesen Tagen besonders schwer. Denn Kevin ist nicht mehr allein zu Haus; auch die Eltern sitzen daheim und bewachen ihr Eigentum. Ein Langfinger möchte man während der Corona-Krise lieber nicht sein; der Staat springt nicht einmal für Kurzarbeit ein.

Zurück zur Mehrheitsgesellschaft. Normalzustand in unseren Breiten ist das unverhüllte Antlitz, egal wie krumm und schief es beschaffen sein mag. Sein Gesicht verlieren, das will niemand. Zur hohen Kunst der Diplomatie gehört es, dass der Gegner auf jeden Fall sein Gesicht wahren kann. Die Kubakrise 1962 ging glimpflich aus, weil Kennedy und Chruschtschow beim Rückzieher ihr Gesicht wahren konnten. Beide konnten die Siegermaske tragen, ihre Entourage der Scharfmacher beruhigte sich. Das symbolische Maskenspiel gehört zum zivilisierten Miteinander. Die Schutzmaske hingegen, wie sie Corona verordnet, ist ein Schock.

Letzte Woche besuchte ich meine Mutter im Altersheim. Ein Treffen ist nur am Haupteingang erlaubt, in vier Metern Abstand an der geöffneten Glastür. Ich trug erstmals Mundmaske. Meine Mutter sass starr und stumm. Ich lächelte, aber das konnte sie nicht sehen. Ich redete, aber es kam keine Antwort. War sie schlagartig schwerhörig geworden und musste alles von den Lippen ablesen? Keine Ahnung. Meinerseits: rufen, schreien und gestikulieren. Mütterlicherseits: Verwunderung, Staunen und Schrecken. Fazit: Mundmasken haben einen gewissen Hannibal-Lecter-Effekt. Man muss sich an sie gewöhnen. Wir bleiben dran.