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Engagierte JungunternehmerMit Pilzen die Welt retten

Ein Basler Start-up-Unternehmen sagt Styropor den Kampf an und entwickelt ein Verpackungsmaterial aus Pilzen.

Das Team hinter Mycrobez: Quint Lurvink, Produktion, Moritz Schiller, CMO, Leunard Benjamin, Produktion, Jonas Staub, CTO, und Mosas Pilscheur, CEO (von links nach rechts).
Das Team hinter Mycrobez: Quint Lurvink, Produktion, Moritz Schiller, CMO, Leunard Benjamin, Produktion, Jonas Staub, CTO, und Mosas Pilscheur, CEO (von links nach rechts).
Foto: Tim Thompson

Wenn man den Streifenvorhang aus Plastik zur Seite schiebt, bleiben einem ungefähr 50 Zentimeter Platz, um sich im Zwischenraum die blauen Überziehschuhe anzuziehen. Es ist eine wacklige Angelegenheit, und die Spannung steigt. Denn was sich hinter der Tür eines ehemaligen Weinkellers befindet, könnte der Anfang einer Revolution der Verpackungsindustrie sein: ein Labor, indem Verpackungsmaterial aus Pilzen hergestellt wird.

Der Raum ist warm, und ausgefüllt wird er fast völlig von einer Art schwarzem Zelt. «Normalerweise wird ein solches flexibles Gewächshaus benutzt, um professionell Cannabis anzubauen», sagt Mosas Pilscheur, 20 Jahre alt und einer der Gründer des Start-up-Unternehmens Mycrobez. «Wir nutzen es aber als Gewächshaus für unsere Pilze.»

Um Pilze dreht sich bei Mycrobez alles. Denn aus Pilzen, in Kombination mit Agrarabfall, stellt das Start-up ein kompostierbares, zu 100 Prozent plastikfreies Verpackungsmaterial her – eine Alternative zu Styropor. Gemäss Pilscheur ist Styropor einer der umweltschädlichsten Kunststoffe der Welt, der zur Verschmutzung des Meeres, der Erde und somit zum Klimawandel beiträgt. Weniger als ein Prozent des produzierten Styropors wird recycelt.

Faszination für Pilze

Am Anfang des Start-ups stand die Faszination für Pilze. Der Biologe Paul Stamets, der in seinen Vorträgen über die vielen verschiedenen Eigenschaften von Pilzen schwärmt, machte die beiden Mycrobez-Gründer Jonas Staub und Mosas Pilscheur Mitte 2019 neugierig. Kurzerhand bestellten sie sich über Amazon ein Growset für Lebensmittelpilze. An dem Set interessierte die beiden Jungs allerdings nicht, Austernpilze fürs Frühstück zu züchten, sondern der Myzelklumpen, aus dem die Pilze wachsen sollen. Myzel beschreibt die fadenförmigen Zellen eines Pilzes, die zum Beispiel bei einem Pilz im Wald, unter der Erde wachsen. Deshalb auch der Name «Mycrobez» für das Start-up: Er ist eine Kombination der Wörter «Myzel» (Gesamtheit der Pilzfäden eines Pilzes) und «Mikrobe» (Mikroorganismus).

Pilscheurs Vater stellte den beiden damaligen Maturanden einen kleinen Teil seines Weinkellers als Labor zur Verfügung. Dort fingen sie an, in Petrischalen Pilze zu züchten. Als sie merkten, dass sich die Pilze vermehren, das Züchten also funktioniert, ging das Selbststudium los. «Wir haben alles über Pilze gelesen, was wir finden konnten», so Pilscheur.

Pilz + Substrat = Verpackung

«Anfangs war es unser Ziel, das Plastikstäbchen von Q-Tips zu ersetzen. Die Konkurrenzanalyse zeigte uns dann aber klar auf, dass das grösste Marktpotenzial im Verpackungsbereich liegt. Hier besteht ein riesiger Bedarf an nachhaltigen Lösungen», sagt Pilscheur. Die Gründer schafften es Ende 2019, anhand der Pilze eine Art Scheibe herzustellen. Ein kleines Erfolgserlebnis, das sie dazu veranlasste, im Dezember gleichen Jahres ein Start-up zu gründen. Im Februar 2020 trat ihr Schulfreund Moritz Schiller als Co-Gründer dem Unternehmen bei. Neben den drei Gründern besteht das Mycrobez-Team momentan aus zwei Praktikanten, die bei der Produktion mithelfen.

Was das Start-up mittlerweile als Produkt vorzuweisen hat, ist weit entfernt von einer simplen Scheibe. «Den Pilz kann man in jeder denkbaren Form wachsen lassen», sagt Schiller. Der Prozess funktioniert ungefähr so: Pilz und Substrat (im Fall von Mycrobez wird biologischer Agrarabfall benutzt) wachsen die ersten 3 bis 4 Tage heran, dann wird die Masse in eine Form umgefüllt und wächst dort nochmals 3 bis 4 Tage weiter, bis die ganze Form ausgefüllt ist. Danach wird das Ganze im Ofen gebrannt, und fertig ist die Verpackung.

Pilz und Substrat lässt man heranwachsen, füllt die Masse in eine Form und brennt sie im Ofen – fertig ist die Verpackung.
Pilz und Substrat lässt man heranwachsen, füllt die Masse in eine Form und brennt sie im Ofen – fertig ist die Verpackung.
Foto: Tim Thompson

Produktionsstätte in Basel

Mehrere Universitäten, Investoren und auch erste Kunden glauben bereits jetzt an den Erfolg von Mycrobez. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass das Produkt von Mycrobez eine Zirkularitätsrate von 70 Prozent hat. Das heisst: Das Unternehmen könnte gebrauchte Verpackungen theoretisch wieder zurücknehmen und müsste nur 30 Prozent neues Material hinzufügen, um aus dem bereits gebrauchten ein neues Produkt herzustellen. Alternativ könnte aus der Verpackung ein Dünger für die Agrarindustrie generiert werden. Welche Variante die beste ist, wird vom Mycrobez-Team momentan noch evaluiert.

Ein weiterer Erfolgsfaktor der Jungunternehmer ist sicher ihr Ehrgeiz. «Dieses Jahr haben wir praktisch täglich über 12 Stunden für Mycrobez gearbeitet», so Schiller. Ferien lagen nur ein paar wenige Tage drin. Nächstes Jahr möchten sie ihre erste grössere Produktionsstätte in Basel eröffnen, um lokale Arbeitsplätze zu schaffen.

5 Kommentare
    Markus Ackermann

    Geht ja gar nicht. So jung und modern, aber keine einzige Frau an Bord?