Mit Moos-Wänden gegen dreckige Stadtluft

Luftverschmutzung kostet Unsummen. Ein Start-up will mit dem Kampf dagegen Geld verdienen.

Filtert so viel Kohlendioxid aus der Luft wie 275 Bäume: Citytree auf dem Nordraaks-Platz in Oslo. Foto: Green City Solutions

Filtert so viel Kohlendioxid aus der Luft wie 275 Bäume: Citytree auf dem Nordraaks-Platz in Oslo. Foto: Green City Solutions

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Weltweit sterben jedes Jahr so viele Menschen wegen verdreckter Luft, wie in der Metropole Hongkong leben: rund 7 Millionen. Sie kommen nicht nur aus Ländern wie China oder den Vereinigten Staaten, wo die Luftverschmutzung gerade in den Grossstädten augenscheinlich ist. 600'000 Todesopfer stammen laut der Weltgesundheitsorganisation WHO aus Europa.

Schlechte Luft kostet die europäischen Länder satte 1400 Milliarden Euro pro Jahr. Sie sei als Risikofaktor für schwere Krankheiten wie Krebs oder Schlaganfälle wichtiger als bislang angenommen, schrieb die WHO in einem Bericht. Das Papier las auch Peter Sänger, damals Gartenbau-Student an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden.

Kurze Zeit später traf der Deutsche auf drei andere junge Berufsleute, einen Architekten, einen Maschinenbauer und einen Medieninformatiker. Sie alle hatten den Bericht der WHO ebenfalls studiert und daraus eine eigene Geschäftsidee entwickelt: den Citytree. Er ist eine rund vier Meter hohe und drei Meter breite, mit Moos bepflanzte Wand, die an dicht besiedelten Orten die Luft reinigt und befeuchtet. Was dem Team damals noch fehlte, war ein Experte für Pflanzenbau, wie Peter Sänger einer ist.

Kontakte mit Bern

Seither arbeiten die vier Gründer zusammen am Aufbau der Firma Green City Solutions, mit der sie die Moos-Bäume vertreiben. 15 Citytrees haben sie in dieser Zeit verkauft, an Städte wie Oslo, Paris, Hongkong, Berlin oder Skopje, aber auch an Unternehmen und Organisationen. Gestern wurde das Berliner Start-up für seine Idee in Zürich ausgezeichnet. Es gewann einen der Awards for Social Entrepreneurship der Zürcher Stiftung Seif.

Ganz billig sind die Citytrees nicht. Eine Anlage kostet 25'000 Franken. Sie filtert laut den Gründern aber so viel Feinstaub aus der Luft wie 275 Bäume. «In einer Stadt einen einzigen Baum anzupflanzen, kostet etwa 3500 Euro. Der Citytree ist also nicht nur günstiger, sondern leistet auch mehr», sagt Sänger.

Über Solarpanels versorgt sich der Baum selbst mit Strom, und Sensoren melden, wenn Wasser nachgefüllt werden muss. Damit gehört die Installation aus Moos und Flüssigkeit zu den sogenannt intelligenten Gegenständen, die über das Internet der Dinge miteinander kommunizieren können. Letztes Jahr wurde das Start-up deshalb vom amerikanischen IT-Konzern Cisco als eine der weltweit besten Internet-der-Dinge-­Firmen ausgezeichnet.

Nun wollen die deutschen Unternehmer ihr Produkt auch in die Schweiz bringen. Es hat laut Sänger schon Gespräche gegeben, zum Beispiel mit der Stadt Bern. «Wir wurden vor ungefähr einem Jahr von der Firma angegangen», bestätigt Adrian Stiefel, Leiter des städtischen Amts für Umweltschutz und Lebensmittelkontrolle. Man finde die Idee spannend, für 2016 habe man dann jedoch «den Fokus im Bereich Umweltschutz und Sensibilisierung auf andere Massnahmen gelegt».

«Wir werten die Stadt auf»

Das heisst laut dem Stadtberner Umwelt-Verantwortlichen aber nicht, «dass Citytree in der Bundesstadt nicht wieder zum Thema werden kann». Andernorts ist Green City Solutions laut Sänger schon weiter. «Nächstes Jahr wollen wir in den zehn grössten deutschen Städten aktiv sein», so der Firmengründer.

Die Citytrees verschönern zwar in der Tat das Stadtbild. Doch an der Ursache des Problems – die Verschmutzung der Luft durch Abgase, Energieerzeugung oder Industrieproduktion – ändern sie nicht viel. Das weiss auch Gartenbauer Sänger. «Natürlich können wir das Klima allein mit unserem Produkt nicht retten. Aber wir können es dort etwas besser machen, wo die Menschen der Luftverschmutzung besonders stark ausgesetzt sind. Dadurch werten wir auch die Stadt auf.»

Im Berliner Stadtteil Mitte etwa, so rechnet Sänger vor, liesse sich die Feinstaubbelastung schon mit 160 Citytrees unter die Grenzwerte drücken.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels ist vermerkt, dass ein Citytree der Firma Green City Solutions soviel CO2 aus der Luft filtert wie 275 Bäume. Die Moos-Installationen befreit die Luft zwar auch von CO2, der Vergleich ist jedoch auf Feinstaub bezogen.

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