Zum Hauptinhalt springen

Neue Chefin LeistungssportMan sah sie lieber auf dem Schoss der Männer als im Ring

Sie war Weltmeisterin und ist nun oberste Schweizer Boxerin. Christina Nigg hat sich gegen grösste Widerstände nach oben gekämpft.

Christina Nigg in ihrem Box-Gym in Thun: «Ich weiss, was ich will. Ich bin sehr zielgerichtet.»
Christina Nigg in ihrem Box-Gym in Thun: «Ich weiss, was ich will. Ich bin sehr zielgerichtet.»
Foto: Christian Pfander

Ihrer harten Rechten war kaum eine Gegnerin gewachsen. Christina Nigg war die erste Schweizerin, die sich in einen Boxring wagte. Ihren härtesten Kampf hatte sie dabei gegen den Schweizer Boxverband zu bestreiten: Die Funktionäre wollten bis 1996 nichts vom Frauenboxen wissen und verweigerten Christina Nigg die Lizenz zum Boxen. Mit welchen Argumenten? «Ouuhh», stöhnt es durchs Telefon, «ich musste mir so einiges anhören.» Grundsätzlich, so die Berner Oberländerin, seien die Herren der Meinung gewesen, sie solle nicht so «lieren», so jammern, sie könne doch ins Frauenturnen.

Ein Funktionär habe behauptet, Frauen seien nicht fürs Boxen geeignet, weil sie hormonell eher zum Bluten neigen als Männer. Ausserdem seien Frauen mental nicht stark genug. Und der damalige Vizepräsident des Boxverbandes sprach aus, was sich viele andere Männer wohl dachten: «Ich habe die Frauen lieber auf dem Schoss oder in den Armen als im Ring.»

Heute kann Christina Nigg (59) laut darüber lachen. Seit dem 1. April ist sie Chefin Leistungssport im Schweizer Boxverband Swiss Boxing, dem Verband, der sie noch vor 25 Jahren ins Frauenturnen schicken wollte. Gemeinsam mit Nationaltrainer Federico Beresini will Nigg die einheimischen Boxer und Boxerinnen auf Erfolgskurs bringen. «Das Duo hat die beste Bewerbung eingereicht und verfügt über viel nationale und internationale Erfahrung», begründet Verbandspräsident Andreas Anderegg die Wahl.

In ihrer Karriere als Boxerin hat Christina Nigg im Federgewicht bis 57 Kilo alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Als erste Schweizerin holte sie sich 1998 einen Weltmeistertitel im Profiboxen allerdings mit einer amerikanischen Lizenz: Professionelles Boxen wurde den Frauen in der Schweiz erst 1999 erlaubt. Bei ihrem ersten Boxkampf war sie bereits 35 Jahre alt, ihre Kinder, Fabienne und Mischa, nahm die alleinerziehende Mutter stets ins Training mit, «die Kinder fandens cool». So cool, dass sich Sohn Mischa Jahre später ebenfalls als Profiboxer versuchte trainiert von der Mutter.

Zwei Geburten als Abhärtung

Im Jahr 2000 ist Christina Nigg vom Wettkampfsport zurückgetreten, auf dem Höhepunkt, wie sie betont, als ihr selbst die grössten Kritiker gratulierten. Als Zeitungen über die «schlagkräftige Physiotherapeutin» berichteten. Und sogar Bundesrat Kaspar Villiger Lob für ihre Verdienste aussprach. Apropos Verdienst, was brachte ihr die Karriere finanziell? «Hör uf!», schallts durchs Telefon. Die paar Franken vom Sponsor habe sie für Trainer ausgegeben. Und für Sparringspartner: «Ich habe jeweils einen italienischen Profiboxer dafür bezahlt, dass er mir auf den Sack gibt.» Warum sie überhaupt in diesen Ring wollte? «Weil ich mich messen wollte, ist doch klar.»

Schon als Kind und Jugendliche habe sie Leistungssport betrieben, Skifahren, Kunstturnen, Handball in der obersten Liga, «ich habe das Wettkampfgen». Boxerin Nigg wurde für ihre exzellente Technik gelobt, sie selber hebt ihre mentale Stärke hervor und sagt: «Ich habe zwei Kinder geboren, das tut verdammt weh.»

Ihre Schwächen im Ring? «Ungeduld, Temperament, Emotionalität.» Wie im Leben auch. Sie weiss, dass sie manchmal zu direkt, zu wenig diplomatisch ist. Die Trainerin des Boxteams Berner Oberland ist kein Huscheli, sie wirkt resolut, wird als zuweilen bockig und angriffig beschrieben. «Grrrrr», tönts bedrohlich, gefolgt von ihrem lauten Lachen: «Ich weiss, was ich will. Ich bin sehr zielgerichtet.» Sie sei halt keine «Schulterklopferin», sagt sie, lässt aber immer mit sich reden. Dass sie mit Kritik nicht zurückhält, hat in der Vergangenheit auch der Verbandspräsident erfahren. Anderegg sagt: «Christina ist sehr ehrgeizig, bisweilen vielleicht auch etwas stur. Aber sie hat vor allem ein grosses Herz.»

Ohne gute Trainer keine guten Boxer

Ihre fachliche Kompetenz wird nicht bezweifelt, erst kürzlich hat sie Boxtrainer aus der ganzen Schweiz weitergebildet, «ohne gute Trainer keine guten Boxer», sagt die Thunerin mehr als einmal. An der Fachhochschule Winterthur hat sie das Diplom in Sportmanagement abgeschlossen, «mit Note 6», was beweise, dass man auch nach einer Boxkarriere noch über genügend Hirnzellen verfüge.

Niggs erstes Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit den Vereinen, Trainern und Athleten zu verbessern, künftig sollen schweizweit einheitliche Standards gelten. Aktuell zählt Swiss Boxing rund 130 Vereine mit 600 Aktiven im Olympischen Boxen. Eine gute Basis, aber im Vergleich etwa zu Italien, England oder Frankreich ist das natürlich wenig. Im Übrigen fehle es unseren Athleten und Athletinnen oft an Biss, sich ganz nach oben zu boxen. Das soll sich mit einer umfassenderen und individuelleren Betreuung ändern: «Je grösser die Unterstützung, desto besser die Resultate», ist Nigg überzeugt.

Auch sie selber wird sich einmal mehr durchsetzen und beweisen müssen, das ist ihr bewusst. Doch ob als Boxerin oder als Chefin Leistungssport eine Christina Nigg haut so rasch nichts um.