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Geselligkeit trotz CoronaMit der Drehorgel gegen den Quarantäne-Blues

Der frühere Liestaler Einwohnerratspräsident Edi Niederberger schafft mit allabendlichen Auftritten in seinem Quartier eine Oase der distanzierten Begegnung.

Wessen Balkon zu weit weg ist, kommt zu Edi Niederberger auf den Wendeplatz.
Wessen Balkon zu weit weg ist, kommt zu Edi Niederberger auf den Wendeplatz.
Pino Covino

«Kriminal-Tango in der Taverne. Dunkle Gestalten und rotes Licht. Und sie tanzen einen Tango, Jacky Brown und Baby Miller …» Jeden Abend, Punkt 18 Uhr, sorgt Edi Niederberger in der Leisenbergstrasse in Liestal für lautstarke Unterhaltung. Seine Drehorgel gibt natürlich nur Melodien und keine Texte wieder, doch passagenweise singt das Publikum auf den Balkonen die Lieder mit.

Niederberger war im Jahr 2000 Einwohnerratspräsident und damit höchster Liestaler. Er ist 73 Jahre alt und gilt daher während der Coronavirus-Pandemie als gefährdet. Das Haus verlässt er nur, um zusammen mit seiner Frau fernab der Menschenmassen einen Spaziergang zu unternehmen – und eben an den Abenden, wenn er für gut zehn Minuten mit seiner Drehorgel das Quartier beschallt. Vier Stücke gibt er jeweils zum Besten.

Zum Dank ein Gutzi

Mit seinem regelmässigen Unterhaltungsprogramm schafft er einen Rhythmus im doppelten Sinn: einerseits durch seine Musik, andererseits durch seine Pünktlichkeit. Für viele Nachbarn im Quartier ist sein Auftritt bereits zu einem Ritual geworden. Kurz vor sechs richten sie sich auf den Balkonen ein, häufig mit einem Glas Wein, und winken einander zu.

Punkt 18 Uhr: Edi Niederberger gibt ein Ständchen.
Pino Covino

Niederbergers Engagement wirkt in diesen schwierigen Zeiten wie eine kleine Oase der Begegnung. Und das wird geschätzt: Gelegentlich bedanken sich die Anwohner mit einer Schachtel Gutzi oder einem Brief. Eine Familie meldete sich sogar für vier Tage ab – nicht dass er enttäuscht ist, wenn sie ausnahmsweise nicht auf dem Balkon sind.

Edi Niederberger hat einen Bekannten an das Virus verloren. «Das lehrt einen schon», sagt er.

Der pensionierte Latein- und Griechischlehrer, der von einer früheren Schülerin des Gymnasiums Liestal als «streng, aber sehr fair» beschrieben wird, nimmt die Bedrohungslage ernst: «Diese Massnahmen sind das Beste, was wir derzeit machen können, auch wenn es nicht für alle einfach ist.» Nicht nur zählt ein Corona-Infizierter im Quartier zu seiner Zuhörerschaft – auch hat er einen Bekannten an das Virus verloren. «Das lehrt einen schon», sagt Niederberger.

«Ferraris» im Keller

Nachdem der frühere CVP-Politiker aus dem Einwohnerrat geschieden war, ehrte ihn die Stadt Liestal mit dem eigens für ihn geschaffenen Titel des Stadtdrehorglers. Seither begleitet Niederberger verschiedene offizielle Anlässe wie den traditionellen Auffahrtsweggen, den Neuzuzügerempfang oder die 1.-August-Feier.

Überdies geht der frühere Kirchenorganist und Chordirigent jährlich an bis zu zehn Orgeltreffen im In- und Ausland. Er sitzt im Vorstand des Schweizer Drehorgel-Clubs, im Stiftungsrat des Museums Wunderwelt der mechanischen Musik und im Redaktionsteam der Schweizer Freunde mechanischer Musik.

Nur wenige beherrschen es wie Niederberger, Walzen selber herzustellen und zu arrangieren, also die Melodie mit begleitender Musik zu umrahmen. Zu Hause am Rankweg betreibt er eine kleine Werkstatt und besitzt selber etwa 15 Orgeln – «darunter schon ein paar Ferraris», wie er sagt. Für eine alte Walzenorgel lassen Liebhaber gerne 9000 Franken und mehr springen.

Vernarrt seit 30 Jahren

Seine Leidenschaft für die Drehorgel hat Niederberger vor rund 30 Jahren entdeckt. Einem Anfänger sage man immer, er solle gleichmässig drehen. «Dann tönt es schon mal nicht so schlecht.» Doch mit der Zeit lerne man, die Stücke mithilfe des Tempos und der Register auf eigene Weise zu gestalten und zu interpretieren.

So tut es Niederberger auch an diesem Montag, um exakt 18 Uhr, in der Leisenbergstrasse. Wie lange er das noch machen will? «Bis die Beschränkungen aufgehoben werden», antwortet Niederberger, «vorläufig läuft das einfach.» Wie eine Drehorgel eben.

Zum Schluss des Auftritts spielt Niederberger den «Kriminal-Tango» – inklusive Show-Einlage.
Pino Covino