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Psychisch kranke JugendlicheMir tut die Seele weh

Die Performance «Big Sister» des Jungen Theater Basel klärt Schüler über seelische Probleme auf und bricht das Tabu, sich Hilfe zu holen.

Leslie (Emma Mösch) versucht Mati (Liam Veith) zu helfen und vergisst dabei die eigenen Probleme.
Leslie (Emma Mösch) versucht Mati (Liam Veith) zu helfen und vergisst dabei die eigenen Probleme.
Foto: Junges Theater Basel

Das Junge Theater hat sich in ein Klassenzimmer verwandelt. 15 Zuschauer – genauer gesagt 14, jemand ist nicht gekommen – setzen sich an ihr Pult und fühlen sich in ihre Schulzeit zurückversetzt. Der Dramaturg und Theaterleiter Uwe Heinrich klärt das Publikum auf: Man solle sich vorstellen, er sei der Lehrer, es sei 10 Uhr morgens, und man wisse von nichts.

Die Tür wird aufgerissen, Köpfe drehen sich. Eine Person im Motorradhelm und vollgekotztem Pulli taumelt nach vorne und verschwindet wenige Momente danach wieder. Leslie (Emma Mösch) betritt den Raum. Sie sei hier, um kurz etwas zu ihrer Maturarbeit zu sagen. Das erweist sich als unmöglich, als auch der verladene Mati (Liam Veith) wieder die Bühne betritt.

«Mir geht es gut! Alles okay!» Mati will keine Hilfe und schon gar keine Medikamente schlucken. Auf dieses «Hirngewurstel» habe er keine Lust. Leslie klärt ihn auf: Auch der Alkohol, den er trinke, sei ein solches «Hirngewurstel», genauso wie Drogen, Horrorfilme und der Freefalltower: Alles bloss Mittel und Wege, den Hormoncocktail im Gehirn zu verändern.

Seelische Schmerzen

Die neue Produktion des Jungen Theater Basel «Big Sister» behandelt ein wichtiges Thema: psychische Gesundheit. Lucien Haug hatte das Stück im Hinblick darauf geschrieben, dass es in verschiedenen Schweizer Klassenzimmern gespielt wird. Daraus wird nun nichts. Wegen der Corona-Richtlinien kommt «Big Sister» nicht an die Schule, sondern die Schule zu «Big Sister».

Doch nicht nur Schulklassen können die Aufführungen besuchen. Und das Thema ist für jede Altersklasse ein relevantes. «Knapp 5% der Schweizer Bevölkerung fühlen sich stark und rund 13% mittelschwer psychisch belastet, was bedeutet, dass bei 18 von 100 Personen das Vorliegen einer psychischen Störung wahrscheinlich ist», schreibt das BAG.

«Wenn du ein gebrochenes Bein hast, versuchst du es doch auch nicht selber wieder hinzukriegen.»

Lange war das Thema psychische Gesundheit tabu. Seelische Leiden galten als Charakterschwäche und mangelnde Willenskraft. Betroffene stiessen in der Gesellschaft auf Ausgrenzung, Stigmatisierung und nutzlose Ratschläge wie «Lächle doch einfach mal». Mittlerweile haben viele psychische Krankheiten dank den sozialen Medien eine Plattform gefunden.

Gerade die jüngere Generation arbeitet daran, auch das Beanspruchen von Hilfeleistungen zu normalisieren: «Wenn du ein gebrochenes Bein hast, gehst du doch auch zum Arzt und versuchst es nicht selber wieder hinzukriegen.»

Das erklärt Leslie Mati, welcher laut dem Schularzt – er nennt ihn Snitch-Arzt (Petze-Arzt), weil er seine Mutter informierte – unter einer emotionalen Störung und einer Major-Depression leidet. Ein Symptom davon sei, so Mati, dass er nur noch in der Schule schlafen könne – eine Lektion für die anwesenden Lehrer, die ein solches Verhalten gerne auf mangelnde Disziplin zurückführen.

Leslie weiss, dass es Mati nicht gut geht. Doch die Tochter eines depressiven Alkoholikers – wie sie ihren Vater klassifiziert – entpuppt sich im Laufe der Performance selbst zur Leidenden. Weil sie ADHS hat, nimmt sie Ritalin, und ihrem Helfersyndrom scheint sie einfach nicht zu entkommen. Eine Maturarbeit schreibt sie nicht, weil sie mit ihren 17 Jahren nicht zur Schule geht. Stattdessen verteilt sie Medikamente an psychisch und emotional belastete Jugendliche – Medikamente, die sie von ihrem faschistischen «Ömi» klaut. Und Mati verschweigt sie ein grosses Geheimnis.

Hol dir Hilfe!

Auf der Webseite big-sister.online, welche Leslie gross an die Wandtafel schreibt, finden die Zuschauer wichtige Links und Telefonnummern. Hilfe ist vorhanden, niemand muss still und allein leiden. Die Performance schafft es, einen Diskurs anzustossen – «Big Sister» ist auf dem Pausenhof der perfekte Eisbrecher, um auf das Thema zu sprechen zu kommen – und das Tabu um psychische Erkrankungen weiter zu lüften.

«Big Sister» spielt vom 28. November bis am 18. Dezember im Jungen Theater Basel. Tickets und mehr Infos finden Sie auf der Webseite.