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Museen während Corona«Es braucht dringend eine Entschleunigung»

Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, leitete während 15 Jahren Museen in den USA. Er geht davon aus, dass die amerikanischen Museen die Corona-Pandemie und ihre Folgen relativ gut überstehen werden.

Das Metropolitan Museum of Art in New York ist wegen der Corona-Pandemie geschlossen.
Das Metropolitan Museum of Art in New York ist wegen der Corona-Pandemie geschlossen.
Foto: Reuters

Wie verändert die Corana-Krise die Kunstwelt?

Die Museen werden jetzt, wie andere Bereiche der Gesellschaft auch, zu einer Denkpause gezwungen, die ich für durchaus sinnvoll erachte. Wir als Gesellschaft und die ganze Kunstwelt befinden uns in einer scheinbar nicht aufzuhaltenden Beschleunigungsspirale. Die Krise zeigt uns, dass es so nicht weitergehen kann.

Müssen die Museen nachhaltiger werden?

Es braucht dringend eine Entschleunigung, nicht nur bei den Museen, davon bin ich überzeugt. Unsere Blockbuster-Ausstellungen und gewohnheitsmässigen Flugreisen werden wir überdenken müssen. Wir in den Museen sollten uns vermehrt auch Fragen zuwenden, die ausserhalb der Kunst liegen. Wie gehen wir um mit uns, unseren Ressourcen, unserem Planeten? Wir müssen auch in den Museen versuchen, unsere Strategien neu zu definieren. Manchmal kommt mir der Lockdown wie eine kollektive Retraite vor.

Der Eingang des Metropolitan Museum of Art in New York, das mit einem Corona-bedingten Verlust von 100 Millionen Dollar rechnet.
Der Eingang des Metropolitan Museum of Art in New York, das mit einem Corona-bedingten Verlust von 100 Millionen Dollar rechnet.
Foto: Wikimedia Commons

Den Museen geht es trotz Krise relativ gut. Viel schlimmer steht es um das amerikanische Bildungs- und Gesundheitssystem.

Josef Helfenstein

Bevor Sie nach Basel kamen, waren Sie lange Museumsdirektor in den USA. Wie gross ist der Schaden, den die Corona-Krise der amerikanischen Museumslandschaft zufügt?

Der Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Museen ist nicht so gross, wie es scheint. Die amerikanischen Museen sind zwar grösstenteils privat finanziert. Richtige Donatoren springen aber nicht einfach ab in der Krise. Sie halten ihren Museen die Treue. Den Museen geht es relativ gut. Viel schlimmer steht es um das amerikanische Bildungs- und Gesundheitssystem.

Das Metropolitan Museum of Art (Met) in New York schätzt, dass es in der Krise 100 Millionen Dollar verlieren könnte. Was würde das bedeuten?

Das Met verfügt über ein bedeutendes Stiftungsvermögen, ist aber wie der Louvre oder andere grosse Museen in ausserordentlichem Masse von Ticketeinnahmen abhängig. Wenn der Tourismus in einer Krise wie jetzt zusammenbricht, dann sind solche Museen massiv betroffen. Das führt dann vermutlich auch zur Entlassung von Mitarbeitern und dazu, dass Programme gestrichen werden.

Wenn das dem Met passiert, wie sehr leiden denn die vielen kleineren Museen?

Kleinere Museen, die sich nicht in den touristischen Metropolen der West- und der Ostküste befinden, werden diese Krise vielleicht besser überstehen. Sie sind ganz einfach weniger abhängig von Ticketeinnahmen. Verglichen mit Europa ist Amerika ein relativ junges Museumsland mit unzähligen kleinen Museen, die in der Regel stark in der Community verankert sind. Diese Museen wird es auch nach der Krise noch geben.

Wie wirkt sich die Krise auf die Menil Collection in Houston aus, die Sie lange geleitet haben?

Ich vermute, dass das Museum die Krise gut überstehen wird. Ich habe immer noch regelmässig Kontakt mit meinen ehemaligen Mitarbeitern.

Das Museum der Menil Collection in Houston wurde von Renzo Piano erbaut.
Das Museum der Menil Collection in Houston wurde von Renzo Piano erbaut.
Foto: Wikipedia 

Ist die Menil Collection auch von Ticketeinnahmen abhängig?

Nein, der Eintritt ist gratis, auch zu den Sonderausstellungen. Das ist eine ideale Situation, gerade auch für Menschen, die sich Kultur nicht leisten können.

Sie haben als Direktor der Menil Collection die Bankenkrise von 2007/2008 erlebt. Wie war das?

Wir mussten niemanden entlassen, aber unser Vermögen ging wegen des Einbruchs des Börsenmarktes kurzfristig um 20 Prozent zurück. Da unser Jahresbudget sich aber am Durchschnitt von drei Jahren des Vermögens orientierte, liessen sich panikartige Schnellreaktionen wie zum Beispiel Entlassungen verhindern und die Börsenverluste relativ gut auffangen. Nach der Krise konnten wir das Stiftungsvermögen sogar deutlich steigern.

Welche der bekannteren Museen leiden besonders unter der aktuellen Krise?

Ich vermute, dass Institutionen, deren Endowments (Stiftungsvermögen) nur einen geringen Teil der Kosten decken, besonders getroffen werden. Dazu gehören auch bekannte Museen wie das Museum of Contemporary Art (Moca) in Los Angeles und das Guggenheim Museum in New York. Museen mit geringer finanzieller Absicherung sind natürlich anfällig in einer Situation, wo Ticketeinnahmen wegfallen.

Sind Museumsmitarbeiter in den USA eigentlich gewerkschaftlich organisiert?

Je nach Region ist das der Fall, zum Beispiel an der Ost- und Westküste. Aber nicht in Texas und vielen anderen Staaten. Viele Museen können in der jetzigen Lage gar nicht anders, als Mitarbeiter zu entlassen. Denken Sie etwa an das Met mit über 2000 Mitarbeitern, es gibt in den USA ja keine Kurzarbeit. Ich weiss aber, dass Kollegen in den USA wenn immer möglich keine Entlassungen vornehmen wollen.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird die amerikanische Museumslandschaft im Herbst oder im Winter aussehen?

Ich gehe nicht davon aus, dass es grosse Änderungen geben wird. Aber es ist zu früh für Prognosen, wir wissen nicht, wie tief die Wirtschaftskrise sein wird. Meine Befürchtung ist, dass die Tendenz zur Zweiklassengesellschaft sich im Verlauf dieser Krise noch verschärfen wird. Das Kunstsystem ist da insgesamt eher auf der Sonnenseite. Die direktesten Auswirkungen könnte die Krise auf Bauprojekte der Museen haben. Die werden in solchen Situationen schnell gestoppt.

Denken Sie an das Museumsprojekt von Peter Zumthor für das Los Angeles County Museum?

Dort wurde gerade mit dem Abriss der alten Gebäude begonnen. Dennoch droht gerade grossen Bauprojekten, dass sie in Krisen gestoppt werden.