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Klimaschädlicher als CO₂Milliarden Kühlsysteme erwärmen die Erde

Klimaanlagen laufen mit Treibhausgasen. Ein weltweites Produktionsverbot hätte einen grossen Effekt auf das Klima. Worauf Sie beim Kauf eines Gerätes achten können.

Gegen die Hitze greifen Menschen weltweit zu Klimageräten.
Gegen die Hitze greifen Menschen weltweit zu Klimageräten.
Getty Images

Hitze wird zur Qual, wenn die Klimaanlage im Auto versagt oder der Ventilator im Büro nicht mehr läuft. Sie senkt die Produktivität am Arbeitsplatz und erhöht die Zahl der Notfalleintritte in Spitälernund die Sterblichkeit. Ohne Kühltruhen gäbe es kein reiches Angebot an Lebensmitteln im Laden. Medikamente dürfen zu Hause und im Spital nicht zu warm gelagert werden.

Über eine Milliarde Menschen in den armen Ländern leiden darunter, sich nicht durch solche Anlagen vor Hitze schützen zu können, heisst es im neuen Bericht der UNO-Umweltagentur Unep. Auf einen Nenner gebracht: Kühlen ist ein existenzieller Akt. Es gibt gemäss UNO-Bericht etwa 3,6 Milliarden Kühlanlagen weltweit, und jede Sekunde gehen zehn weitere in Betrieb.

Manche Kühlmittel sind mehr als 1000-mal so klimaschädlich wie CO₂»

Nun mögen das Hochrechnungen sein mit grossen Unsicherheiten. Sicher ist jedoch: Kühlanlagen sind auch für die Erwärmung der Erde mitverantwortlich. Die Autoren des neuen Berichts zeigen das Dilemma der Kühlprozesse auf. Wenn in Zukunft nicht nur jene über eine Kühlanlage verfügen, die sich eine leisten können, sondern alle, für die sie notwendig ist, dann würden in dreissig Jahren schätzungsweise 14 Milliarden Geräte in Betrieb sein. Und ohne Korrektur des Klimawandels wird in den nächsten Jahrzehnten nach noch mehr Kühlung verlangt.

Wo liegt das Problem? In Klimaanlagen und Kühlschränken weltweit sind heute Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) als Kältemittel im Einsatz. Sie sind die Ersatzsubstanz für die FCKW, die Fluorchlorkohlenwasserstoffe aus den 80er- und 90er-Jahren. Die Industrie hat damit den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Die FKW zerstören zwar im Gegensatz zu den FCKW nicht die lebenswichtige Ozonschicht in der Atmosphäre, dafür sind manche dieser fluorhaltigen Gase mehr als 1000-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid (CO2), das bei der Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe entweicht.

Dazu kommt, dass Klimaanlagen viel Strom verbrauchen. Stammt diese Energie aus Kohle- und Gaskraftwerken, kommen weitere Treibhausgasemissionen dazu. Zum Beispiel hat sich die Nachfrage nach Klimaanlagen in Gebäuden zwischen 1990 und 2016 gemäss der Internationalen Energieagentur IEA mehr als verdreifacht, der Stromverbrauch dafür entspricht heute etwa der Menge, die insgesamt in Japan und Indien pro Jahr konsumiert wird.

Im Jahr 2018 verbrauchten Klima- und Kühlanlagen gemäss einer Schätzung der britischen Universität Birmingham knapp 3,5 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs. Es wird erwartet, dass sich dieser enorme Konsum bis 2050 verdreifacht. Technisch ist gemäss UNO-Bericht eine Effizienzsteigerung heute schon möglich mit markttauglichen Geräten. So seien die meisten heute verkauften Produkte zwei bis dreimal weniger effizient als die besten, die es auf dem Markt gibt.

«Ohne politische Massnahmen werden die Emissionen weltweit durch Klimaanlagen und Kühlschränke bis 2050 gegenüber dem Niveau von 2017 um 90 Prozent ansteigen.»

Bericht Umweltagentur Unep

Die UNO warnt deshalb vor einem starken Anstieg an zusätzlichen Treibhausgasen: «Ohne politische Massnahmen werden diese Emissionen weltweit durch Klimaanlagen und Kühlschränke bis 2050 gegenüber dem Niveau von 2017 um 90 Prozent ansteigen.» Der grösste Teil der FKW-Produktion geht in Kühlschränke, Klimaanlagen und Wärmepumpen, die auch zum Kühlen eingesetzt werden. Mehr als die Hälfte der Klimagase gelangt während des Betriebs in die Atmosphäre, der Rest entweicht bei unsachgemässer Entsorgung.

Die UNO schätzt, dass eine globale durchschnittliche Erderwärmung um bis zu 0,4 Grad Celsius verhindert werden könnte, wenn die Produktion und Verwendung der FKW gestoppt wird und energieeffizientere Kühlanlagen betrieben werden. Zusammen mit effizienteren Kühlanlagen könnten in den nächsten vierzig Jahren gemäss den Szenarien im UNO-Bericht Treibhausgasemissionen verhindert werden, die dem vier- bis achtfachen globalen Jahresausstoss entsprechen. Das wäre eine wichtiger Schritt dazu, die Ziele des Pariser Klimavertrags zu erfüllen: Die globale Erwärmung soll deutlich unter 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit bleiben . Es soll sogar alles Mögliche unternommen werden, damit sich der Globus nicht mehr als 1,5 Grad erwärmt.

Tausende Kühlgeräte auf einem Entsorgungs- und Recyclingareal in Schottland.
Tausende Kühlgeräte auf einem Entsorgungs- und Recyclingareal in Schottland.
Foto: Alamy

Politisch sind die Grundlagen bereits vorhanden: Seit 2019 sind neue Auflagen im Rahmen des Montreal-Protokolls in Kraft. Sie verlangen in den nächsten dreissig Jahren eine Reduktion der FKW um mehr als 80 Prozent. Dieser Zusatz wurde vor zwei Jahren im ruandischen Kigali verabschiedet. Das Montreal-Protokoll haben die 197 UNO-Mitgliedstaaten 1987 als völkerrechtlich verbindliches Umweltabkommen beschlossen. Der Vertrag verbietet die Produktion und den Verbrauch von FCKW. Seither nehmen die gefährlichen Ozon zerstörenden Substanzen in der Atmosphäre kontinuierlich ab. Hundert Staaten haben den Vertrag von Kigali bisher ratifiziert, darunter die EU und die Schweiz. Grosse FKW-Produzenten allerdings wie die USA und China gehören bisher nicht dazu.

Schweiz gut aufgestellt

Die Schweiz ist auf einem guten Wegaber noch lange nicht dort, wo sie die Autoren des UNO-Berichtes gerne hätten. Die Schweiz regelt seit längerem den Einsatz klimaschonender Kältemittel. Für Haushaltkühlgeräte sind fluorierte Kältemittel bereits seit 2003 verboten. Die Schweiz war der EU damit um zwölf Jahre voraus. Seit 2013 sind Auflagen für klimawirksame Kältemittel schrittweise verschärft worden. Dies erfolgt gemäss Bundesamt für Umwelt synchron mit dem Stand der Technik, in dem neue Anlagen mit klimawirksamen Kältemitteln nur noch zulässig sind, solange für die einzelnen Anwendungen keine Alternativen zur Verfügung stehen. Der Ausstoss klimawirksamer Kältemittel, die heute noch jährlich in der Schweiz verwendet werden, beträgt etwa 3 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen. Die Schweiz will den Verbrauch dieser Stoffe bis zum Jahr 2036 um 85 Prozent reduzieren.

In den modernen Haushaltkühlschränken werden heute vorwiegend die klimaschonenden Kältemittel Isobutan und Propan eingesetzt. «Bei gewerblichen Kühlanlagen, Klimaanlagen und Wärmepumpen sind wir noch weit entfernt vom flächendeckenden Einsatz natürlicher Kältemittel wie CO2 oder Ammoniak», sagt Marco von Wyl vom Schweizerischen Verband für Kältetechnik. In Zukunft würden CO2, Ammoniak und Propan sicher eine wichtige Rolle spielen», sagt von Wyl. Aber auch die synthetischen HFO-Kältemittel mit tiefem Treibhauspotenzial würden künftig vermehrt eingesetzt werden.

Kühlschränke, Kühlaggregate, Klimaanlagen und Wärmepumpen verursachen gemäss Bundesamt für Energie (BfE) rund 14 Prozent des gesamten Strombedarfs in der Schweiz. Die Energieeffizienzanalyse des Bundesamts für Energie zeigt einen deutlichen Effizienzgewinn: Heute verbrauchen zum Beispiel Kühlschränke etwa ein Drittel weniger Strom als noch vor zwanzig Jahren. Das BfE führt das auf die Einführung der Energieetikette und deren Verschärfung zurück. Sie habe, so ist vom BfE zu erfahren, die Entwicklung in Richtung effiziente Geräte vorangetrieben.

Noch gäbe es jedoch viele Anlagen mit klimabelastenden Kältemitteln, die noch einige Jahre in Betrieb sein werden. Die Erneuerung auf moderne Geräte ist grundsätzlich ein langsamer Prozess. So enthielten gemäss der Stiftung für Recycling Sens im letzten Jahr gut 30 Prozent der rezyklierten Kühlsysteme in der Schweiz immer noch FCKW als Kühlmittel. Die Stiftung KliK spricht Fördermittel, um klimabelastende Anlagen schon frühzeitig durch klimafreundliche Systeme zu ersetzen. «Es braucht nicht zusätzliche politische Anreize, die Problematik mit den Kältemitteln ist in der Kältebranche und auch bei den Betreibern auf dem Radar», sagt Marco von Wyl.