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Flecktarn in Zügen? Ja, bitte!

In Deutschland dürfen Soldaten gratis Bahn fahren. Ein Journalist spricht von «Hass» auf Tarnanzüge, doch die Präsenz von Soldaten im ÖV ist wünschenswert.

Was in der Schweiz schon seit Jahrzehnten normal ist, gilt in Deutschland erst seit kurzem: Soldaten dürfen im Zug fahren. Doch die deutsche Bevölkerung empört sich darüber.
Was in der Schweiz schon seit Jahrzehnten normal ist, gilt in Deutschland erst seit kurzem: Soldaten dürfen im Zug fahren. Doch die deutsche Bevölkerung empört sich darüber.
KEYSTONE/Petra Orosz

Die Meldungen aus Deutschland irritieren – einmal mehr. Nicht (nur) diejenigen aus Thüringen und Berlin, sondern die über die deutschen Soldaten in deutschen Zügen. Seit Beginn des Jahres dürfen die Soldaten der Bundesrepublik die Deutsche Bahn umsonst benutzen. Nur richtig so und in der Schweiz seit Jahrzehnten Gebrauch. Dann scherte ein Journalist der Öffentlich-Rechtlichen aus und meinte, dass die Präsenz von Soldaten im ÖV nur den «Hass auf Tarnanzüge» schüren würde. Wie muss es um ein Land stehen, in dem Teile in der Bevölkerung, und dann noch ein Journalist, Mitglieder der eigenen Landesverteidigung «hassen»?

Zumal die Streitkräfte der Bundeswehr kaum grösser sind als unsere und deren Präsenz in deutschen Zügen wohl deutlich geringer ist als bei uns. Zudem geht der ganze integrative Aspekt einer Streitkraft verloren: Junge Männer aus allen Bildungsschichten, Sprachgebieten, Religionsgruppen, mit oder ohne Migrationshintergrund, werden in Flecktarn gesteckt und dazu gezwungen, miteinander auszukommen – so gut wie möglich. Mit der Zeit weichen die eigenen Ansprüche an persönliche Privilegien den Ansprüchen des Konsens, des kleinen Kollektivs, in dem man da lebt. In der Schweiz ist dieses Integrationspotential umso grösser: Milizarmee.

Von der Bevölkerung ist nicht wünschenswert

Auch hilft die öffentliche Präsenz der Armee, damit sie sich durch ihre Sichtbarkeit mehr und mehr in die zivile Gesellschaft integriert, die ihr als Souverän den politischen Auftrag erteilt hat – auch wenn die Schweizer Armee diese Integration im grossen Masse bereits abgeschlossen hat. Soldaten auf irgendwelchen Kasernenarealen und abgesperrten Schiessgeländen zu verstecken, ist viel ­gefährlicher, als sich mit einem ein Zugabteil zu teilen. Eine Gesellschaft, die seiner Regierung – in welcher Form auch immer – den Auftrag erteilt, eine Streitkraft aufzustellen und zu unterhalten, sollte auch mit ihr in Berührung kommen. Die Menschen sollen sich mit den Männern und Frauen unterhalten, die sich dazu bereiterklären, ihre Gesellschaft – in welchem Szenario auch immer – zu beschützen und zu verteidigen. Wenns sein muss sogar mit ihrem Leben.

Eine Entfremdung zwischen ziviler Bevölkerung und Streitmacht ist nicht wünschenswert. Egal, ob man nun Pazifist oder Militarist ist. Denn wie kann eine Bevölkerung im absoluten Ernstfall ihrem Schutzschild vertrauen, wenn sie jede Bindung an ihn verloren hat? Und wie kann eine Armee noch auftragsgemäss eine Gesellschaft beschützten, wenn sich diese von ihr entfremdet hat? Für meinen Geschmack hat sich die Schweizer Armee in den letzten Jahren sogar zu fest in ihre Schützengräben in den Alpen oder den Tälern zurückgezogen. Sie muss sich und ihre Arbeit der Bevölkerung sichtbar machen – mit ihren ganzen Fehlern und Problemen. Es muss ersichtlich werden, was sie Gutes tut und was für ein Potenzial unsere Wehrpflichtigen haben. Sicherheit ist ein Grundpfeiler jeder demokratischen Gesellschaft. Also schaut sie euch an, Männer und Frauen, schaut euch die Menschen in Flecktarn an, die sich dazu bereiterklärt haben, für euch völlig Unbekannte ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Tarnanzüge sind Solidarität. Tarnanzüge sind Integration. Was Tarnanzüge nicht sind, ist Hass.

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