Der Polemiker ging zu weit

Thilo Sarrazin legte den Finger auf wunde Punkte. Doch nun hat er seine Glaubwürdigkeit verspielt.

René Staubli

Bis Samstag konnte man sich für den deutschen SPD-Politiker und Bundesbanker Thilo Sarrazin verwenden, dessen Buch «Deutschland schafft sich ab» heute erscheint. Er vergriff sich zwar im Ton, wenn er sagte, muslimische Migranten produzierten nichts als «ständig neue kleine Kopftuchmädchen». Irritierend war aber auch, wie viele Deutsche sich entsetzten, ohne sich mit Sarrazins Vorschlägen zur Integration inhaltlich auseinanderzusetzen.

Was sagte Sarrazin? Es sei das Recht einer jeden Gesellschaft, selbst zu entscheiden, wen sie aufnehmen wolle. Neuankömmlinge mit legalem Aufenthaltsstatus seien in Deutschland willkommen – vorausgesetzt, dass sie die Landessprache lernen, sich um Arbeit bemühen, ihre Kinder zur Schule schicken, sich an die Gesetze halten und die üblichen Sitten und Gebräuche respektieren.

Sarrazin legte den Finger auf den wunden Punkt: Migranten mit einer niedrigen beruflichen Qualifikation hätten reduzierte Chancen auf eine ausreichend bezahlte Arbeit. Je geringer die Chancen auf dem Arbeitsmarkt aber seien, umso attraktiver werde es, Sozialleistungen zu beziehen. Wer in Deutschland einen legalen Aufenthaltsstatus erreiche, sichere sich allein durch die Sozialleistungen «ohne Arbeit ein Einkommen, das weit über dem liegt, was er im Herkunftsland mit Arbeit erreichen könnte». Das sei ein falscher Anreiz.

Sarrazin schlug unter anderem zwei Massnahmen vor: Erwerbsfähige, die vom Staat finanzielle Unterstützung erhalten, leisten gemeinnützige Arbeit oder besuchen, falls nötig, Sprachkurse. Wer schwänzt, bekommt weniger Arbeitslosengeld. Und: Kinder ab dem dritten Lebensjahr müssen den Kindergarten besuchen, wo ausschliesslich Deutsch gesprochen wird. Dies dient ihrer Integration. Nichtbesuch führt zu Abzügen beim Kindergeld.

Das sind bedenkenswerte Überlegungen. Doch der Mann, der sie anstellt, hat seine Glaubwürdigkeit verspielt. Gestern sagte er in einem Interview mit der «Welt am Sonntag»: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.» Sarrazin schob nach, er sei kein Rassist. Für jemanden, der auf dieser Ebene provoziert, kann man sich nicht mehr verwenden.

Tages-Anzeiger

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