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«Der Luther der zeitgenössischen Architektur»

«Es wird nicht sein erstes Museum sein.»

Nun also Zürich. David Chipperfield, 55 Jahre alt und damit in der Hochblüte seiner Architektenkarriere, gewinnt den Wettbewerb für die Erweiterung des Kunsthauses. Es wird nicht sein erstes Museum sein. Der Londoner Architekt befasst sich seit über zehn Jahren mit der Umgestaltung und Wiederherstellung der historischen Museumsinsel im Herzen Berlins - eine Mammutaufgabe, die nächstes Jahr ihren vorläufigen Abschluss finden soll. Weitere Museen stehen in Marbach am Neckar, in Henley an der Themse, in Davenport am Mississippi, in Schweden, China und Alaska. Die Liste ist unvollständig, und doch ist Chipperfield weit mehr als ein Museumsarchitekt. Neben zahlreichen kleineren Stadt- und Einfamilienhäusern baute er in Madrid günstige Wohnungen für eine weniger betuchte Kundschaft.

Für den America's Cup gebaut

Chipperfields in der Schweiz wohl bekanntestes Gebäude steht im Hafen von Valencia, wo er für die Organisatoren des America’s Cup ein Besucherzentrum erstellte. Die unterkühlte Extravaganz des Zentrums passte hervorragend zum Anlass und dessen Image zwischen traditionellem Seglerhandwerk und modernster Technik. Niemand hätte es dem Besucherzentrum von Valencia verübelt, wenn es sich selbst mit einer extravaganten Formensprache in den Vordergrund gedrängt hätte. Das wäre aber nicht nach der Art Chipperfields gewesen. Obwohl Valencia der wohl bildhafteste Entwurf Chipperfields ist, steht der Architekt für die dosierte Zurückhaltung und für einen zeitgemässen Minimalismus. Als junger Architekt im England der frühen Achtzigerjahre distanzierte er sich von den beiden Übervätern Richard Rogers (Centre Pompidou, Paris; Millennium Dome, London) und Norman Foster (Swiss-Re-Hochhaus, London; Hotel Dolder, Zürich), bei denen er zuvor arbeitete und deren Technikbegeisterung er ablehnte.

Chipperfield ist Konflikt erprobt

Das trug ihm schon bald die Etikette «konservativ» ein, die er seither mit Würde und ohne Attitüden trägt. Das Kunstmagazin «Art» bezeichnete ihn nicht ohne Grund als den «Luther der zeitgenössischen Architektur». Wie der Reformator vor bald 500 Jahren kämpft auch er gegen die barocken (katholischen) Auswüchse einer entfesselten Architektur. Die formverliebten, expressiven Bauten gewisser Kollegen nannte er einmal «Vandalismus an der Stadt». Insbesondere bei seinen Museen bewahrt Chipperfield die Ruhe und beschränkt sich auf einfache, in sich ruhende Kuben. Gerade diese Gelassenheit dürfte ihm den ersten Preis in Zürich eingebracht haben.

Sollte das Projekt wider Erwarten einem vergleichbaren Gegenwind wie das Kongresszentrum ausgesetzt werden, können die Stadt und das Kunsthaus auf Chipperfield als einen erfahrenen Krisenmanager bauen. Er kennt die gehässige Diskussionskultur aus Berlin, wo ausgerechnet er, der Konservative, mit seinen Vorschlägen für die Museumsinsel ins Kreuzfeuer der endemischen Debatte zwischen den Bewahrern und den Veränderern des heiligen preussischen Kulturgutes geriet. Im Vergleich dazu wird Zürich ein Spaziergang werden.

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