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Festtage 2020Meilenweit von daheim entfernt

Wer zum Jahresausklang nicht mit Familie und Freunden feiern kann, braucht vielleicht Trost. «500 Miles Away from Home» ist das passende Lied.

Stark Sands, Carey Mulligan und Justin Timberlake spielen «500 Miles away from Home» im Film «Inside Llewyn Davis».
Stark Sands, Carey Mulligan und Justin Timberlake spielen «500 Miles away from Home» im Film «Inside Llewyn Davis».

«Lord, I'm one, Lord, I'm two, Lord, I'm three, Lord, I'm four, Lord, I'm five hundred miles away from home…»

Es sind spezielle Feiertage dieses Jahr. Das Reisen ist wegen der Pandemie massiv eingeschränkt. Was bedeutet, dass nicht alle bei ihren Lieben und Liebsten sein können. Und für manche, wahrscheinlich vor allem für die Ex-Pats, ist die Distanz gross, riesig.

Der Folk-Song «500 Miles away from Home» beschreibt dieses Gefühl, diese Trauer. In jüngerer Zeit wieder bekannt gemacht hat ihn der Film «Inside Llewyn Davis» von den Coen-Brüdern aus dem Jahr 2013. Dort wird er in einem Kellerlokal von einem Trio gesungen; es sind dies Carey Mulligan, Justin Timberlake und Stark Sands.

Der Film spielt in den frühen 60er-Jahren, als die Folksongs nicht zuletzt wegen des Aufstiegs von Bob Dylan ein Revival erlebten. Aus dieser Zeit stammt «500 Miles away from Home» auch wirklich, wenn er nicht sogar wesentlich älter ist.

Laut dem englischen Wikipedia wird das sentimentale Lied, das auch unter dem Titel «Railroaders’ Lament» - also das Lamento eines Eisenbahners bekannt ist, Hedy West zugeschrieben. Sie war eine Zeitgenossin von Joan Baez und wuchs im Hinterland von Georgia in den Appalachen auf. Das Copyright geht auf das Jahr 1961 zurück.

Tatsächlich aber könnte der Song offenbar viel älter sein und seine Wurzeln im Süden der USA haben, vielleicht in Georgia? Da er die Sehnsucht eines armen Mannes «not a penny to my name» nach daheim, nach seiner Frau beschreibt und die Distanz in 100-Meilen-Schritten misst, ist die Vermutung, es sei ein Eisenbahner, der hier klagt, naheliegend. Es heisst ja auch eingangs: «If you missed the train I’m on.»

Das Lied wurde schon sehr bald von anderen Interpreten entdeckt und aufgenommen. Dazu gehören unter anderem Peter, Paul and Mary und The Journeymen. Bobby Bare schliesslich hat 1963 seine eigene Version mit einem neuen Text populär gemacht es wurde ein Antikriegslied daraus.

Wer sich auf Youtube die Version aus «Inside Llewyn Davis» anschaut und anhört und dazu die Kommentare liest, wird auf Zitate wie dieses stossen: «Vietnam Vet 196869… we sang this at night… because we were totally forgotten…» Für die GIs in Vietnam scheint «500 Miles away from Home» seine spezielle Bedeutung gehabt zu haben. Denn das Gefühl des Verlorenseins und gleichzeitig das Gefühl, genau zu wissen, wo man hingehört, macht das Lied so besonders.

Johnny Cash hat «500 Miles away from Home» auf eine Liste der 100 essentiellen Folksongs gesetzt, die er seiner Tochter Rosanna überreichte, als sie 18 Jahre alt war. Auch von ihr gibt es eine ganz starke, sehr berührende Interpretation des klagenden Eisenbahners…

Bob Dylan übrigens hat zusammen mit The Band das Lied auch aufgenommen. Dort heisst es allerdings «900 Miles from My Home», wie man auf «The Basement Tapes Raw» (erschienen als «The Bootleg Series, Volume 11») nachhören kann. Wie das? Nun, Ben Rollins, der die Liner Notes, die Erklärungen zu den einzelnen Songs geschrieben hat, spekuliert, dass Dylan, Robertson, Manuel und die anderen keinen raschen Zugang zum Originaltext hatten es gab mal eine Zeit vor dem Internet! und einfach mal drauflos sangen.

Einen friedlichen und schönen Rest dieses Jahres an alle! Gerade auch an all jene, die 500 Meilen von daheim entfernt sind! Oder mehr.