Mehr Betreuung fördert den Ausstieg aus der Sozialhilfe

Miriam Locher (SP) möchte die Sozialarbeiter entlasten, damit sie mehr Zeit für die Beratung haben.

Die Nationalratskandidatin Miriam Locher will, dass die Sozialarbeiter mehr Zeit für Beratung haben.

Die Nationalratskandidatin Miriam Locher will, dass die Sozialarbeiter mehr Zeit für Beratung haben.

(Bild: Nicole Pont)

Thomas Gubler

In der Diskussion um die Sozialhilfe gehen die Meinungen jeweils schnell auseinander. Die einen setzen auf mehr Menschenwürde, andere möchten durch Leistungskürzungen «Anreize» schaffen. Einig ist man sich von rechts bis links aber darin, dass das Ziel jeder Betreuung sein muss, die Abhängigkeit der Sozialhilfeempfänger von der öffentlichen Hand zu beenden und diese wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.

System soll verbessert werden

Und in einem weiteren Punkt war man sich jüngst an einem Sozialhilfepodium in Liestal, an welchem die beiden Landrätinnen Miriam Locher (SP) und Caroline Mall (SVP), FDP-Landrat Balz Stückelberger sowie Skos-Präsident und LDP-Nationalrat Christoph Eymann teilnahmen, ebenfalls einig: dass eine intensivere persönliche ­Betreuung der Klienten deren Reintegration beschleunigt. SP-Fraktionschefin Miriam Locher macht nun Nägel mit Köpfen und schickt den Regierungsrat in ­dieser Frage über die Bücher, weil es unbestritten sei, dass das bestehende System «Verbesserungspotenzial aufweist».

Gestützt auf eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur, bittet Locher den Regierungsrat in einem Postulat, das sie demnächst einreicht, Massnahmen zu prüfen, die zu einer Verminderung der Fälle pro 100-Prozent-Stelle in der Sozialhilfe ergriffen werden können. Dabei denkt sie an Möglichkeiten wie Anschubfinanzierung oder Hilfestellung und Beratung der für die Sozialhilfe zuständigen Gemeinden. Weiter regt Locher ein Projekt des Kantons mit den Gemeinden im Rahmen des «Verfassungsauftrags Gemeindestärkung» (VAGS) zu dieser Thematik an.

Weniger Fälle – mehr Erfolg

Miriam Locher geht davon aus, dass eine 100-Prozent-Stelle beim Sozialdienst rund 100 Dossiers mit bis zu 300 Personen ­betreut. Die hohen Fallzahlen aber schränkten die Zeit für den Einzelfall «empfindlich ein». Die Winterthurer Studie aber kommt zum Schluss, dass eine Dossierreduktion beziehungsweise eine geringere Fallbelastung der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu mehr Beratungserfolg führt.

«Die drei Sozialarbeitenden setzten die zusätzlichen Zeitressourcen für den Klientenkontakt ein, um sie enger zu begleiten», heisst es in der Studie. Und diese engere Beratung schlägt sich offenbar ganz konkret in finanziellen Einsparungen nieder: Aus einer Reduktion der zu betreuenden Fälle in Winterthur von über 140 pro 100-Prozent-Stelle auf noch 75 Fälle resultierte eine Reduktion der Nettokosten um 1450 Franken pro Fall und Jahr. Für die Stadt Winterthur läge ­somit hochgerechnet ein Sparpotenzial von gut vier Millionen Franken jährlich drin.

Es sei somit im Interesse des Kantons und der Gemeinden, dass die Zielgrösse der Fallzahlen pro Vollzeitstelle «auch in den Gemeinden in unserem Kanton, analog der Stadt Winterthur, reduziert werden könnte», begründet Miriam Locher ihren Vorstoss.

Wie weit die Einigkeit zwischen rechts und links am Schluss dann noch geht, wird sich in der Landratsdebatte zeigen. Stark mit Sozialhilfe belastete Kommunen dürften indessen die Winterthurer Studie sicher mit Interesse zur Kenntnis nehmen.

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