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Tschans PanoptikumDas Äussern der eigenen Meinung ist der Inbegriff für Freiheit

Wider die Pranger- und Bashing-Mentalität, wie sie heute leider immer mehr um sich greift.

Wenn Meinungen aufeinanderprallen – Debatte im britischen Parlament.
Wenn Meinungen aufeinanderprallen – Debatte im britischen Parlament.
Foto: Roger Harris (AFP)

Äussere ich mich in meiner Kolumne zu einem Sachverhalt der Politik in Basel und Regio, bleiben die Reaktionen nicht aus. Was mich ungemein freut, werden meine Kolumnen doch gelesen.

Natürlich muss ich dabei auch einstecken, kein Problem, ich teile ja auch aus. Dass man ab und an den Helm anziehen muss, gehört zum Geschäft.

Es kommt aber gelegentlich auch vor, dass man mich wegen gewisser Äusserungen in eine politische Ecke stellen, aus der Diskussion ausschliessen (z. B. Bashing-Vorwurf) oder auch ideologisch vereinnahmen möchte. Dazu möchte ich einmal ein, zwei persönliche Dinge sagen, die mir wichtig sind.

Ich bin in einem sehr liberalen Elternhaus aufgewachsen. Vaters oberste Maxime war Voltaires Wort: «Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen.»

Der stete Dialog

Mein Gott, was musste mein Vater für hanebüchene Argumente anhören, die von uns pubertärrevolutionären Besserwissern gegen die Gesellschaft, das Spiessertum und gegen ihn, den Unternehmer und damit Saukapitalisten, im Zuge der 80er-Bewegung vorgebracht wurden. Vater hatte eine Engelsgeduld, hörte nie auf zu argumentieren, brach die Dialoge nie ab. Es hatte auch keiner von uns Burschen für noch so beleidigende Äusserungen mit Sanktionen (Liebes- oder Taschengeldentzug) zu rechnen.

Ich bin es seit Kindheit gewohnt, mich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Bewundernd habe ich die Debatten im Deutschen Bundestag verfolgt – Strauss gegen Wehner, Barzel gegen Brandt, Kohl gegen Schmidt – und dachte immer nach dem einen Redner «der hat recht» und nach der Replik des politischen Gegners «wow, der hat ja auch recht».

Wollte man sich mit Wirtschaftslehrer Blumer auf eine Diskussion einlassen, reichte es nicht, mit den Kenntnissen aus «Meyer’s Universal Lexikon»-Eintrag über «Karl Marx’ Lehre» zu argumentieren. Da musste man sich schon wärmer anziehen, unterlag meistens, wurde aber von Blumer stets aufgefordert, weiterzumachen und schärfer zu denken.

Auch in den Seminaren an der Uni wurde kontrovers debattiert, was das Zeug hielt. Und anschliessend in der Beiz legte jede und jeder noch eine Schippe drauf, bis die Zungen schwer wurden.

Leider haben viele von damals die Debattierlust der Karriere geopfert und sich nach und nach der Zweckgemeinschaft der Mutlosen angeschlossen. Sie versammeln sich an Veranstaltungen, an denen eh alle der gleichen Meinung und auf der guten Seite sind. Mit diesem Verhalten hat unsere Generation leider Vorschub geleistet für eine Pranger- und Bashing-Mentalität, wie sie heute vor allem in den sozialen Medien vorherrscht.

Der Inbegriff von Freiheit

Dass das Äussern der eigenen Meinung der Inbegriff für Freiheit ist, habe ich wie gesagt von meinem Vater gelernt. So bin ich es auch gewohnt, meine Meinung zu sagen und nicht jemandem nach dem Mund zu reden.

Darum ist mir jede politische Partei suspekt – ob links oder bürgerlich und rechts schon gar ganz. Ich bin zu 99 Prozent auf der Seite der Opposition, denn wer zu lange an der Macht bleibt, wird über kurz oder lang von ihr korrumpiert. In Basel würde ich konsequent Mitte-bürgerlich wählen, in Baselland und Solothurn ebenso konsequent Rot-Grün.

Auch in Sachen Gender-, Rassismus- oder Migrationsdebatte bin ich einfach gestrickt: Arschloch ist Arschloch, Nichtarschloch ist Nichtarschloch, egal, ob weiss, schwarz, rot, violett, Schweizer, Secondo, Ausländer, hetero, schwul, lesbisch, trans oder alles zusammen.

Alles andere interessiert mich nicht, es ist der einzelne Mensch, der zählt. Mehr als zwei sind eine Gruppe.

Menschen sind vielfältig. Und so bunt ist auch der Strauss ihrer Meinungen. Hört man auch kontroversen Meinungen zu und debattiert mit jenen, die sie vertreten, ergibt sich für beide Seiten allenfalls die Möglichkeit, etwas anders zu sehen. Ob man es danach adaptiert, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

Aber die Neugier und Bereitschaft auf Diskussion mit Andersdenkenden, mögen deren Ansichten noch so abstrus sein, sind eine der wichtigsten Säulen unserer Kultur.

Patrick Tschan, Schriftsteller, lebt mit Basel

5 Kommentare
    vico

    Die Politiker dulden keinen Widerspruch zumindest in Basel nicht,eine eigene Meinung zu haben, ist gefährlich geworden,man spielt heute nur mit der Angs,dass zeigt sich bestens in der angeblichen Corona-Krise,keine Maske zu tragen ist abscheulich,man gefährdet Mitmenschen wenn man sie nicht trägt,dabei ist dieser Virus nicht anders als die vorherigen Grippeviren,Verwandte und Bekannte werden geächtet,wenn sie ihn haben,sogar Kinder werden nicht verschont,ich frage mich einfach,wohin führt dass,welcher Befehl wird da ausgeführt und von wem,mit der Gesundheit hat es bestimmt nichts zutun