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GastbeitragMazel Tov Stadtcasino Basel!

Am Tag der feierlichen Wiedereröffnung: Der israelische Botschafter zur Bedeutung des Stadtcasinos für sein Land.

Vom 29.–31. August 1897 fand im Basler Stadtcasino der erste Zionistenkongress statt, der später zur Gründung des Staates Israel führte.
Vom 29.–31. August 1897 fand im Basler Stadtcasino der erste Zionistenkongress statt, der später zur Gründung des Staates Israel führte.
Foto: Keystone

Wenn man auf die Geschichte zurückblickt, ist es wenig überraschend, dass die Schweiz und Israel bis heute in vielen Gebieten – von Forschung über Kultur und Wirtschaft bis hin zu politischen Dialogen – enge Beziehungen unterhalten. Denn im Stadtcasino Basel entstand mein Heimatland, der moderne Staat Israel.

«Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.» Diese berühmten Sätze notierte Theodor Herzl nach dem ersten Zionistenkongress, den er Ende August 1897 im Stadtcasino Basel einberief, in sein Tagebuch. Fünfzig Jahre und drei Monate später, am 29. November 1947, verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution, welche zur Gründung eines jüdischen Staates in Israel aufrief.

Was im Stadtcasino vor 123 Jahren diskutiert wurde, prägt die Grundzüge des heutigen Israels. Die 204 Teilnehmer aus jüdischen Gemeinden aus aller Welt verabschiedeten damals das «Basler Programm». Die israelische Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 beschreibt den Entschluss des Kongresses so: «Er folgte dem Rufe Dr. Theodor Herzls, dem Visionär des jüdischen Staates, und verkündete das Recht des jüdischen Volkes auf nationale Erneuerung in seinem Lande.»

Neun Kongresse in Basel

Das ist die Essenz des Zionismus: Die Selbstbestimmung des jüdischen Volkes in seinem Heimatland. Zur Erreichung dieses Ziels gründete der Kongress die Zionistische Weltorganisation, welche bis zur Staatsgründung 22 Mal tagte. Insgesamt neun dieser Zionistenkongresse fanden im Stadtcasino statt oder wurden mindestens feierlich dort eröffnet. Zuletzt geschah dies im Dezember 1946 in der Gegenwart von Chaim Weizmann, dem ersten Präsidenten Israels, und von David Ben Gurion, dem ersten Premierminister. Im Stadtcasino wurden noch zu Zeiten Theodor Herzls viele israelische Institutionen und Symbole begründet: Unsere Flagge wurde hier entworfen, und auch unsere Nationalhymne «Hatikva» (Hoffnung) wurde in Basel festgelegt.

Ich möchte an dieser Stelle dem Kanton Basel-Stadt danken. Die Regierung und die Bevölkerung haben damals die Zionistenkongresse wohlwollend in ihrer Stadt begrüsst. Nach dem sechsten Kongress 1903 schrieb Herzl dem damaligen Regierungspräsidenten Dr. Richard Zutt in einem Brief: «Es tut mir leid, dass Ihr Urlaub mir nicht erlaubte, Ihnen die Ehre zu erweisen und Ihnen persönlich meinen herzlichen Dank für den guten Willen auszudrücken, mit dem die Basler Regierung unseren Kongress behandelt hat.»

Unter den Teilnehmern des ersten Zionistenkongresses im Stadtcasino waren auch Schweizer Juden vertreten. So unterstützte etwa der spätere sozialdemokratische Nationalrat David Farbstein Theodor Herzl dabei, den Kongress nach Basel zu bringen. Und Arthur Cohn, der damalige Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel, richtete ein Grusswort an den Kongress.

Angst vor Pogromen

Es ist wichtig zu bedenken, dass zu jener Zeit das jüdische Leben in der Schweiz weniger bedroht war als in Osteuropa – beispielsweise im weit entfernten Polen, wo meine Vorfahren damals in Angst vor Pogromen leben mussten. Zahlreiche junge Jüdinnen und Juden aus Polen und Russland verliessen damals wegen der Judenfeindschaft des Zarenreichs ihre Heimat und studierten in der Schweiz, darunter David Farbstein, aber auch Chaim Weizmann und seine Frau Vera.

Auch Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, kam ursprünglich aus Osteuropa: Er wurde 1860 in Budapest geboren. Die antisemitische Atmosphäre im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und insbesondere die Dreyfus-Affäre, welche Herzl als Journalist in Frankreich miterlebte, haben ihn geprägt. Ein jüdischer Offizier der französischen Armee, der im Übrigen als Jugendlicher zeitweise in Basel das Gymnasium besuchte, wurde 1894 zu Unrecht des Verrats beschuldigt. In den Strassen von Paris erschallte der Ruf «Tod den Juden!».

Herzls Erfahrungen zerstörten seinen Glauben daran, dass sich der seit Jahrhunderten vorherrschende Antisemitismus in Toleranz und gegenseitigen Respekt verwandeln konnte. Er kam zum Schluss, dass es nur eine Lösung gäbe: die Rückkehr der Juden in ihr Heimatland. Sein Volk, welches seit 2000 Jahren um den Globus verteilt in der Diaspora lebte und überall eine kleine Minderheit darstellte, sollte sich endlich wieder selbst regieren können und nicht mehr den wiederkehrenden Wellen von Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sein.

Der sichere Hafen

Sein Pessimismus, was die Emanzipation der Juden in Europa anging, sollte sich leider bewahrheiten. Zwei Drittel der europäischen Juden wurden von den Nazis und ihren Helfern ermordet. Nach den Schrecken des Holocausts teilten die Juden aus der ganzen Welt und auch aus der Schweiz Herzls Überzeugung. Das jüdische Volk brauchte einen sicheren Hafen.

Die Vision des ersten zionistischen Kongresses von 1897 in Basel hat sich erfüllt. Viele Juden aus der Diaspora sind nach Israel zurückgekehrt – so auch meine Mutter und mein Vater, welche die Schoah überlebt hatten und am Tag der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 in Israel ankamen. Der junge Staat hat Wüsten zum Blühen gebracht, die hebräische Sprache wiederbelebt, eine pulsierende, vielfältige Kultur sowie eine innovative Volkswirtschaft entwickelt und eine demokratische Gemeinschaft geschaffen. Ich bin stolz darauf, was mein Land in nur 72 Jahren erreicht hat, und bin zuversichtlich, dass wir auch die verbleibenden Herausforderungen meistern werden.

All dies nahm seinen Anfang im Stadtcasino Basel und schafft eine tiefe historische Verbindung zwischen unseren Ländern. Basel wird im kollektiven Gedächtnis Israels immer als der Ort in Erinnerung bleiben, an dem der zweitausend Jahre alte Traum vom freien Volk im eigenen Land begann, Wirklichkeit zu werden. Es ist mir deshalb eine grosse Freude, der Casino-Gesellschaft zur Wiedereröffnung dieses symbolträchtigen Gebäudes zu gratulieren. Mazel tov, oder wie Herzl einmal sagte, Basel tov!

Jacob Keidar ist Botschafter des Staates Israel in der Schweiz.

1 Kommentar
    Stephan Huber

    Mazel tov, Israel.