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Kolumne EymannMaturfeier – nun braucht es Kreativität

Der Abschlussjahrgang 2020 absolviert die Matur nicht wie sonst üblich – den Maturandinnen und Maturanden wird etwas fehlen.

Feiern, Freude, Lachen: Fröhliche Maturi und Maturae nach der Feier in der Pauluskirche.
Feiern, Freude, Lachen: Fröhliche Maturi und Maturae nach der Feier in der Pauluskirche.
Foto: Michael Koller

Vor 50 Jahren erhielten meine 22 Kollegen und ich aus der Klasse 8c des Realgymnasiums unser
Maturzeugnis. Die Eltern wurden in einem Scheiben des Rektors «geziemend» eingeladen, an der
Feier teilzunehmen. In der nüchternen, ungeschmückten RG-Aula richtete zuerst Rektor Gutmann
das Wort an die Maturi und die Gäste. Dann ein Referent, an den ich mich nicht erinnere.

Objekt der Begierde der ungefähr 100 jungen Männer waren nicht die Reden, sehr wohl aber der zartgrün
gebundene Karton, versehen mit einer Kordel in den Kantonsfarben. Neben den Noten in elf Fächern findet sich darin die Erklärung, wonach uns die Reife zum Hochschulstudium attestiert wird. Unterzeichnet ist das Dokument vom Rektor und von Regierungsrat Arnold Schneider.

Es waren keine euphorischen Gefühle, die mich in diesen Momenten überkamen. Nachdenklichkeit trifft meinen Gemütszustand von damals eher. Der gewohnte Alltag, die vertraute Umgebung und die Berechenbarkeit des Schülerlebens – alles Vergangenheit. Es war mir damals bewusst, dass wir Klassenkameraden uns in dieser Zusammensetzung wohl nie mehr sehen würden. Ein wenig Wehmut spürte wohl nicht nur ich, obwohl wir – anders als andere Klassen – keine verschworene Gemeinschaft waren. Die heute übliche Ausgelassenheit fehlte, zwar zogen auch wir auf den Barfi, allerdings weder verkleidet noch mit Requisiten.

In meinem späteren Berufsleben durfte ich an zahlreichen Maturitätsfeiern dabei sein und ab und zu auch eine Rede halten. Dabei konnte ich von den weit zurückliegenden eigenen Erfahrungen profitieren. Nicht der Erziehungsdirektor bildet den Mittelpunkt der Abschlussfeier. Deshalb darf die Ansprache nicht zu lange dauern, Feststellungen, aber kaum Ratschläge enthalten, auch wenn sie gut gemeint sind, und auch nicht den Anspruch haben, dass sich die Anwesenden noch nach Jahren an den Inhalt erinnern. Die Halbwertszeit der Rede darf kurz sein.

Die Unterschiede zu damals sind deutlich. Erleichterung war bei vielen auch in früheren Jahren zu spüren, auch die Freude am Bestehen dieser Bildungsetappe war zuweilen sicht- und hörbar. Die Fröhlichkeit der Feiern, welche ich in den letzten Jahren miterleben durfte, ist aber deutlich grösser. Schon die Begrüssungsreden der Rektorinnen und Rektoren sind von einer erfrischenden Leichtigkeit geprägt. Für alle Anwesenden wird durch die Intensität des Applauses bei der Zeugnisübergabe die Beliebtheit des einen oder der anderen erkennbar. Gesten Einzelner, die darauf schliessen lassen, dass das Bestehen der Matur nicht mit Sicherheit erwartet wurde, beleben die Feiern. Es kommt auch vor, dass in der Freude die Lehrerin oder der Lehrer umarmt wird. Früher undenkbar. Die Feier in würdigem Rahmen endet nicht sang- und klanglos wie seinerzeit bei uns; die Schule offeriert anschliessend einen Apéro und gibt so Gelegenheit zu Gesprächen, Versöhnungen mit Lehrern oder vereinzelt sogar zu Worten des Dankes an die, welche zum Erfolg beigetragen haben.

Ich bin sicher, dass die Schulen ihre Kreativität einsetzen werden, um mindestens die Maturfeiern in würdigem Rahmen nachzuholen.

Der Abschlussjahrgang 2020 absolviert die Matur nicht wie sonst üblich. Die aktuelle Lage erfordert dies, das ist nachvollziehbar und sicher richtig. Die Gefühle der Anspannung vor den schriftlichen und mündlichen Prüfungen fehlen. Vielleicht auch die befreienden Momente, nach den letzten Schulprüfungen im Leben die Unterlagen Fach für Fach entsorgen zu können. Den Maturandinnen und Maturanden von 2020 wird etwas fehlen. Sie werden – so ist zu hoffen – der einzige Jahrgang sein ohne vorgeschriebene Prüfungen, ohne letzten Schultag mit traditionellen Ritualen jenseits jeder Schulordnung und ohne Abschlussfeier mit Eltern, Grosseltern, Geschwistern, Götti, Gotte und anderen guten Geistern. Unbeabsichtigt und unerwartet ist wieder die Nüchternheit vergangener Zeiten eingekehrt. Ich bin aber sicher, dass die Schulen und die Maturi und Maturae ihre Kreativität einsetzen werden, um mindestens die Maturfeiern in würdigem Rahmen nachzuholen. Das wäre schön für alle die, welche sich darauf gefreut haben – dazu gehören auch die Eltern.