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CEO des Jahres 2020Markus Blocher gönnt den Aktionären keine Rendite

Der Chef und Mehrheitsaktionär des Pharmazulieferers Dottikon ES schlägt alle Konkurrenten.

«Das Unternehmen braucht mich»: Markus Blocher in seiner Fabrik im aargauischen Dottikon.
«Das Unternehmen braucht mich»: Markus Blocher in seiner Fabrik im aargauischen Dottikon.
Foto: DES

Die Absage für ein Gespräch ist kurz, aber höflich. Markus Blocher ist in der noch unveröffentlichten Auswertung «CEO des Jahres 2020» des Zürcher Finanzanalyse-Unternehmens Obermatt zum klaren Sieger gekürt worden. Aber darüber sprechen mag er nicht. «Das Unternehmen braucht mich, besonders in der Wachstumsphase, und ich will nicht für etwas porträtiert werden, was meine Mitarbeitenden mit mir gemeinsam erarbeitet haben», teilt der Verwaltungsratspräsident, Chef und Mehrheitsaktionär der Dottikon ES mit.

Hat die Bescheidenheit womöglich ihren Grund darin, dass sein Vater mit seiner Forderung nach einer nachträglichen Auszahlung seiner Bundesratsrente derzeit medial für Wirbel sorgt? Oder hat es damit zu tun, dass seine Schwester Magdalena Martullo-Blocher mit ihrer Ems-Chemie-Gruppe in diesem Jahr im Obermatt-Ranking nur unter «ferner liefen» auftaucht, wo sie in den letzten Jahren doch regelmässig mit Gold- oder Silbermedaillen für ihre Leistungen dekoriert worden war? Das alles bleibt Spekulation.

Doch für die Obermatt-Experten ist die Sache klar: Markus Blocher ist nicht nur in der Kategorie «Mittelgrosse Unternehmen» der Beste, er führt auch die Gesamtrangliste ganz klar an. Besonders bezüglich Profitabilität, einer von drei Messgrössen im Ranking, ist Blocher einsame Spitze.

Gewinne werden sofort ins Unternehmen investiert

Nur in einer Messgrösse im Obermatt-Ranking kann der 47-jährige Dottikon-Chef noch zulegen: bei der Aktienrendite. In dieser Messgrösse spiegelt sich auch die Dividendenpolitik wider. Doch Blocher hat sich und seinen Mitaktionären seit Jahren eine Nulldiät verschrieben. Mit rund 72 Prozent Aktienanteil trifft ihn das selber am meisten. Weitere 5 Prozent hält seine Schwester Miriam Baumann, der die Süsswarenfirma Läckerli-Huus gehört. Kleinere Pakete halten Fonds.

Die Gewinne, die erst in den letzten Jahren nach einer langen Durststrecke gross anfallen, werden konsequent in Forschung und Entwicklung und in den Ausbau des Unternehmens investiert. Von der Belegschaft von 640 Leuten arbeiten rund 140 in der Forschung und Entwicklung. In den nächsten Jahren will Blocher über 400 Millionen Franken in den Weiterausbau stecken – unter anderem in eine neue Mehrzweckanlage. Ein Teil der Finanzierung soll erstmals mit externen Mitteln bestritten werden.

«Von solchen Unternehmern wie Markus Blocher sollte es hierzulande mehr geben.»

Peter J. Lehner, Dottikon-Aktionär

In Dottikon werden im Auftrag der Pharma- und Chemieindustrie rund 200 Zwischenprodukte und Pharmawirkstoffe hergestellt. Der Grossteil davon wird später zu Medikamenten verarbeitet. Etwa die Hälfte des Umsatzes entfällt auf Pharmawirkstoffe.

Peter J. Lehner, in den 80er-Jahren Finanzchef der Stadt Zürich und dann Gründer und Besitzer der VV Vorsorge Vermögensverwaltung in Zug, gehörte über den Sara-Select-Fonds zu den frühen Dottikon-Aktionären. Dass es vorderhand keine Dividenden gibt, kann er verschmerzen. Für ihn ist die Entwicklung von Dottikon ES wichtig. Für Blocher findet er nur lobende Worte. Der Dottikon-Chef habe eine klare Strategie und denke langfristig. «Von solchen Unternehmern sollte es hierzulande mehr geben», meint er. Ein vergleichbarer Fall ist für ihn die Bachem. Das Baselbieter Unternehmen ist ebenfalls auf die Herstellung von biochemikalischen und pharmazeutischen Präparaten spezialisiert und dabei äusserst erfolgreich.

In der Familie Blocher kritisiert man sich gerne

Dass in der Familie Blocher zwei «Chemiker» unternehmerisch tätig sind, lädt zum Vergleich geradezu ein. Während Magdalena Martullo-Blocher in den letzten Jahren mit der Ems-Gruppe von Erfolg zu Erfolg eilte und hohe Gewinnmargen vorweisen konnte, stand der studierte Chemiker mit Promotion an der ETH Zürich und drei Jahren Beratungstätigkeit bei McKinsey jahrelang im Schatten seiner älteren Schwester. Die Rivalität und gleichzeitig bemerkenswerte Kritikfreudigkeit drückt beim Bruder immer wieder durch. Zu dessen Merkmalen gehört eine ausgesprochen kräftige Stimme, woraus man den Schluss ziehen könnte, dass der junge Markus sich im elterlichen Haus, wo gerne diskutiert wurde, gegen seine drei Schwestern behaupten musste.

Blocher war zwei Jahre lang Geschäftsführer von Dottikon, als das Unternehmen noch zur Ems-Gruppe gehörte. Oben die Schwester, unten der Bruder. Dottikon wurde 2005 ganz von der Gruppe abgespalten und an die Börse gebracht. «Das war gut so, denn wir hatten zuvor viel Zeit damit verbracht, uns gegenseitig das Geschäft zu erklären», zitierte ihn die NZZ. In Dottikon sei in diesen zwei Jahren nur geforscht worden, wenn der Kunde dafür bezahlt habe.

Als Markus Blocher nach der Abspaltung und dem Börsengang das alleinige Sagen hatte, wurde Dottikon zu einer forschungsgetriebenen Firma umgekrempelt. Auch Jahre später, als sich seine Strategie in satte Gewinne und stark steigende Aktienkurse umzumünzen begann, leistete er sich kleine Seitenhiebe auf die Ems-Gruppe. 2016 verwies er in einem Interview in der «Aargauer Zeitung» auf die verhältnismässig tiefen Forschungs-und Entwicklungsausgaben und Investitionen bei Ems. «Wir bei Dottikon ES setzen deutlich stärker darauf.»

Für Blocher kommt Expansion ins Ausland nicht infrage

Heute profitiert Dottikon in hohem Masse vom Boom in der Pharma- und Biotechbranche. Derweil leidet die Ems-Gruppe unter der Krise in der weltweiten Automobilbranche. Und noch etwas kommt dem Dottikon-Chef zupass: Er fasste nie eine Verlegung der Produktion ins Ausland ins Auge. Er war überzeugt, dass Chemiebetriebe aus Qualitätsüberlegungen nach Europa zurückkehren würden. Die aktuellen Forderungen nach einem Zurückholen von Produktionsschritten nach Europa geben ihm recht. Das Coronavirus hat die enorme Abhängigkeit der Pharmabranche von chinesischen Zulieferern offengelegt.

Obwohl Sohn eines Vollblutpolitikers und einer politisch tätigen Schwester, hegt Markus Blocher bis jetzt keine Pläne, in die Politik einzusteigen. «Ich bin aktiver Stimmbürger. Das genügt.» Er habe als Unternehmer mehr als genug zu tun und könne dort mehr bewirken», machte er im Interview mit der «Aargauer Zeitung» klar. Ein weiterer Grund könnte auch sein, dass der Privatmann als Vater von sieben Kindern ebenfalls ausgelastet ist.

Was Markus Blocher zu aktuellen politischen Themen denkt, kann man in seinem Geschäftsbericht lesen. Dort lässt sich der Chef im Vorwort über viele Seiten hinweg über die politische Grosswetterlage in Sachen Pharmaindustrie, Preisfestsetzung von Medikamenten und vielem mehr aus. Notabene alles selbst geschrieben, wie er im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» bei der Veröffentlichung des jüngsten Geschäftsberichts stolz anmerkte.

Und noch etwas erschliesst sich beim Durchblättern: Markus Blocher ist, wie sein Vater, Kunstsammler. Allerdings unterscheiden sich die beiden Blochers klar in ihrer Ausrichtung: Der Sohn bevorzugt die moderne Kunst, wie die zahlreichen Aufnahmen im Jahresbericht beweisen. Die Objekte, unter ihnen eine Klanginstallation des Berner Künstlers Simon Hügli, sind im Werksgelände aufgestellt.

17 Kommentare
    Josef Marti

    Das ist der erste Unternehmer der tatsächlich Gewinne im Betrieb reinvestiert. Das hat den Vorteil dass man sich nicht um die Besteuerung der Dividende den Kopf zerbrechen muss wenn man ja gar keine auszahlt, somit gibt es auch keine Doppelbesteuerung.

    Ansonsten behaupten die SVP ler ja immer trotzig sie seien in der Lage, Gewinne zu reinvestieren und sie gleichzeitig als Dividenden zu schütten, quasi mit Zauberstab.