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Kundgebung in SissachMarktfahrer protestieren mit Lollis und Luftballons

Weil die Gemeinden trotz bundesrätlicher Erlaubnis auf Chilbis und Märkte verzichten, geraten Händler und Schausteller zunehmend in die Bredouille. Sie kritisieren fehlenden Willen der Behörden.

Keine Ware im Gepäck, dafür eine Botschaft: Händler bei der Protestaktion in Sissach.
Keine Ware im Gepäck, dafür eine Botschaft: Händler bei der Protestaktion in Sissach.
Foto: Pino Covino

Heinz Peter plant seine Pensionierung und sucht einen Nachfolger für sein Geschäft. Seit 1981 fährt er von Markt zu Markt, um Heimtextilien wie Tischdecken, Bettwäsche oder Nastücher zu verkaufen. Doch wegen der Auswirkungen der Corona-Krise muss er nun ein Jahr länger arbeiten, wie er zur BaZ sagt. Denn: «2020 ist ein verlorenes Jahr.»

Um die Misere zu überbrücken, zapft er sein angespartes Alterskapital an. Mit einem zusätzlichen Arbeitsjahr will der Marktfahrer aus Däniken das verlorene Geld wieder zurückholen.

Die öffentliche Hand hat Händler wie Peter während des Lockdown zwar unterstützt allerdings nur so lange, bis die Märkte am 11. Mai wieder erlaubt wurden. Seitdem kann das fahrende Gewerbe theoretisch wieder arbeiten. Doch weil viele Gemeinden und Veranstalter auf die Märkte verzichten, fehlt das Einkommen. Der Bundesrat habe anerkannt, dass dies ein Härtefall sei, sagt Oskar Herzig, der Sprecher der Berufsverbände. Die Information, ob und wie die Branche unterstützt wird, sei bis am 8. Juli in Aussicht gestellt worden.

Von Polizei gestoppt

Die Marktfahrer mögen sich aber offenbar nicht mehr gedulden und steigen stattdessen auf die Barrikaden. Am Dienstag fuhren mehrere Dutzend von ihnen in einem Konvoi durch die halbe Schweiz, bis sie auf der Höhe der Raststätte Grauholz vor Bern von der Polizei gestoppt wurden. Nur vier Wagen durften schliesslich zum Ziel der Reise: auf den Bundesplatz. Der Konvoi war privat organisiert, die Berufsverbände standen nicht dahinter. Anders am Mittwochmorgen: Die Nordwestschweizer Sektion des Schweizerischen Marktverbands veranstaltete offiziell eine Protestaktion in Sissach. Heinz Peter und nach Angaben des Sektions-Co-Präsidenten gegen 30 weitere Marktfahrer versammelten sich im Dorfzentrum, wo an diesem Tag ursprünglich ein Markt hätte stattfinden sollen.

In Leuchtwesten und mit Mundschutz – Heinz Peter mit einem Plastik-Visier – verteilten sie Luftballons, Schleckstängel und Flugblätter. Sie zeigten auf die Sissacher Gemeindebehörden, die ihrer Ansicht nach den bequemen Weg wählten und lieber Absageschreiben verschickten, statt die «wenigen und zumutbaren» Sicherheitsmassnahmen zu organisieren. «Wir waren bereit und wären heute gerne mit unserem vielfältigen Angebot hier», steht auf dem Flyer. «Unser Schutzkonzept wurde bereits an einigen Märkten in unserer Region geprüft, getestet und als gut befunden.» Laut verschiedenen protestierenden Marktfahrern würden die Leute mehrheitlich positiv auf das Anliegen reagieren.

Gieri Blumenthal, der als Gemeinderat die Märkte verantwortet, bleibt dabei: Der Aufwand wäre unter den Corona-bedingten Voraussetzungen zu gross gewesen, um einen dermassen reduzierten Markt durchzuführen. Statt 180 hätten nur rund 70 Stände aufgestellt werden dürfen. Das sei nicht das, was die Gesellschaft von einem Markt in Sissach erwarte. Und er kontert: Der Protest decke nicht die Interessen aller Marktfahrer ab. An einer vorgängigen Umfrage hätte weniger als die Hälfte der Händler bestätigt, an der Anmeldung festhalten zu wollen.

Trotz Unmut ein Lächeln: Marktfahrer-Vertreter Gian Jonasch (links) und Gemeinderat Gieri Blumenthal begrüssen sich in Corona-Art.
Trotz Unmut ein Lächeln: Marktfahrer-Vertreter Gian Jonasch (links) und Gemeinderat Gieri Blumenthal begrüssen sich in Corona-Art.
Foto: Pino Covino

Gian Jonasch von der jüngsten Generation der gleichnamigen Marktfahrerfamilie und Co-Präsident des Marktverbands Nordwestschweiz lässt das nicht gelten. Dass nicht mehr alle kommen wollten, hätte die Organisation ja gerade vereinfacht. Der Verband habe mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass man den Sissacher Sommermarkt unbedingt brauche. Als die Gemeinde absagte, sei man erschrocken, denn zuvor hätten die Behörden die Zeichen gegeben, den Anlass durchführen zu wollen. Dass die Gemeinde dies ursprünglich beabsichtigte, geht auch aus einem Schreiben hervor, das der BaZ vorliegt. Doch auch nach mehreren Beschwerden von Marktfahrern liess man sich im Gemeindehaus kein zweites Mal mehr umstimmen. Für Jonasch ist klar: «Es fehlt am Willen.»

Bereits jeder Zehnte gibt auf

Mit der Protest-Aktion versuchen die Marktfahrer, die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen. Vor allem aber soll es gegenüber den Gemeinden und Veranstaltern ein Zeichen sein, keine weiteren Anlässe mehr abzusagen. Jonasch schätzt, dass bis jetzt zehn Prozent der Marktfahrer ihr Geschäft aufgeben müssen – «Tendenz steigend». Und die anderen 90 Prozent würden unter Existenzangst leiden: «Die Perspektivenlosigkeit macht Angst.» Wie dramatisch es am Ende für die Branche aussieht, hänge stark vom Herbstgeschäft ab.

Ob die Marktfahrer im November an den Sissacher Herbstmarkt reisen können, notabene den beliebtesten und rentabelsten der drei jährlichen Märkte im Oberbaselbieter Dorf, ist derzeit noch unklar. Laut Gemeinderat Blumenthal sei der Entscheid noch ausstehend.