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Willkür des Präsidenten«Man kann ohne Konsequenzen auf eine kleine Nation scheissen»

Hassan Moustafa ist Vorsitzender des internationalen Handball-Verbandes. Seine Beliebigkeit bei der Vergabe von WM-Plätzen ärgert auch die Schweiz.

Hassan Moustafa, der höchst eigenwillige Präsident des Handball-Weltverbandes.
Hassan Moustafa, der höchst eigenwillige Präsident des Handball-Weltverbandes.
Foto: Keystone

Wenn sich die Schweiz und Nordmazedonien am Samstag um einen Platz an der Europameisterschaft streiten, duellieren sich auch zwei Nationen, die sich übergangen fühlen. Übergangen vom internationalen Handball-Verband (IHF), der für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft zuständig ist. Die IHF, das ist vor allem Präsident Mohammed Moustafa. Der 76-jährige Ägypter ist seit 2000 im Amt. Und hat in dieser Eigenschaft so manch erstaunliche und sportlich überhaupt nicht nachvollziehbare Entscheidungen gefällt.

Auch gegen die Nordmazedonier und Schweizer. Als in diesem Sommer wegen Corona die Playoffpartien für die WM 2021 ausfielen, hat der europäische Verband die ihm zustehenden Plätze aufgrund der Klassierungen an der Europameisterschaft im Januar vergeben. Es waren die besten 14 Mannschaften der EM für die WM qualifiziert. Ganz knapp am Ziel vorbei schrammten die Nordmazedonier und die Schweizer. Die Nordmazedonier als 15., die Schweizer als 16. der EM.

Das spezielle Reglement

Da die WM erstmals mit 32 Teams stattfinden sollte, stellte die IHF zwei «Wildcards» für Europa zur Verfügung. Nordmazedonier und Schweizer taten das, was auch andere taten: Sie bewarben sich für diese Wildcards, und sie hatten gute Hoffnungen. Sie erhielten einen kurzen Brief, in dem sich die IHF bedankte. Und dieses «Aber» hinzufügte: Man habe sich für andere Nationen entschieden. Zum WM-Handkuss kamen: Polen und Russland, der 21. und der 22. der Europameisterschaft! Beide waren ohne einen Punkt an der EM in der Vorrunde ausgeschieden, gegen die Polen hatte die Schweiz in Göteborg sogar deutlich gewonnen.

Die IHF und ihr Herr Moustafa führen in solchen Fällen gern ihren Reglementspassus 2.8 als Begründung an. In dem heisst es, dass die Entwicklung der Sportart im Land, die weltweite Vergrösserung des TV-Marktes und die Bedeutung der Nation weltweit als Kriterien herbeigezogen werden. Im Fall von Polen bedeutet das: Die Polen sind 2023 (zusammen mit Schweden) WM-Organisator. Und Russland, so denkt die IHF, ist halt eine wichtige Nation.

«Es ist ein Sportskandal»

Wie offenbar die USA auch. In der Nordamerika-Karibik-Zone hätte diese Woche die WM-Qualifikation stattfinden sollen, sie fiel Corona zum Opfer. Die IHF vergab eine letzte Wildcard, auf die auch Nordmazedonien (EM 15.) nochmals hoffte, aber vor allem Grönland, die klare Nummer 1 in der Zone. Doch eingeladen wurden die USA, alles andere denn eine Handball-Grossmacht. «Wir haben in 20 Jahren nicht einmal gegen die Amerikaner verloren», wetterte Grönlands Präsident Jørgen Isak Olsen. «Wir denken, es ist ein Sportskandal.» Um seine Aussage näher zu erläutern: 2019, als die Amerikaner noch in der Panamerika-Zone untergebracht waren, kämpfte Grönland an der Meisterschaft gegen Chile um Platz 3, die USA waren nicht einmal für das Finalturnier der besten zwölf Teams qualifiziert!

Noch mehr als der Ball steht bei Präsident Moustafa die Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt.
Noch mehr als der Ball steht bei Präsident Moustafa die Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt.
Foto: Keystone

Noch deutlichere Worte als Grönlands Präsident wählte Nationaltrainer Minik Dahl Høegh: «Es wird signalisiert, dass man ohne Konsequenzen einfach auf eine kleine Handballnation scheissen kann. Ich denke, das ist ein falsches Signal.»

Im Falle der USA berief sich die IHF erneut auf den Passus 2.8. Und Moustafa hat natürlich auch die Olympischen Spiele 2028 im Auge, die in Los Angeles stattfinden. Dort zieht ein Team USA mehr als zum Beispiel Grönland.

Weg mit den Australiern

Moustafas unrühmliches Wildcard-Gebaren nahmen 2015 seinen Anlauf. Australien hatte sich mit einem Erfolg über Neuseeland für die WM in Katar qualifiziert. Die Australier aber wurden kurzfristig ausgeladen. Dafür erhielt Deutschland einen Platz am Turnier. Jenes Deutschland, das in der Qualifikation an den Polen gescheitert war.

Von den eigenwilligen Reglementsauslegungen profitierte für die WM 2017 auch Norwegen. Die Norweger waren auf dem Weg nach Frankreich von den Slowenen gestoppt worden. Aber nur sportlich. Moustafa fand auch hier ein Hintertürchen.

Natürlich darf die IHF bestimmen, wer an ihrem Top-Event teilnimmt. Dass sie dabei allerdings die Ökonomie über alles stellt, schadet ihr. Die Europameisterschaft, das ist schon lange klar, hat sportlich ein deutlich höheres Gewicht als die WM. Was auch Herrn Moustafa zu denken geben sollte, der 2021 schon zum zweiten Mal in seiner Amtszeit eine WM in Ägypten eröffnen will. Trotz Corona.

7 Kommentare
    Brian B.

    Ein weiteres Beispiel für einen Sport-Verband, der durch "negative und obskure" Eigenschaften seines Präsidenten in die Schlagzeilen gerät! Mittlerweile frage ich mich aber schon ernsthaft, ob es bei den weltweiten, aber auch schweizerischen Sport-Verbänden (jüngstes Beispiel Turn-Verband) überhaupt noch Präsidenten gibt, die keinen Dreck am Stecken haben! Leider geht es aber auch bei den Meisten dieser Verbände um sehr viel Geld, und wie wir alle wissen, ist Geld genau der Faktor, der bei den Menschen (Präsidenten) den Charakter verdirbt, und mehr als genug Beispiele bei den grossen Verbänden wie Fussball, Leichtathletik etc. sind ja auch bekannt resp. wurden schon aufgedeckt!