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Rettungspaket für britische BühnenLondons Theater erhalten späte Hilfe

Boris Johnsons Kabinett will das «Theaterland» mit 1,57 Milliarden Pfund retten. Einige Theater mussten aber bereits endgültig schliessen.

Londons Theaterszene im West End steht derzeit still.
Londons Theaterszene im West End steht derzeit still.
Foto: Getty Images

Sichtlich erleichtert haben Grossbritanniens Theater und Orchester auf ein Hilfspaket reagiert, mit dem die Londoner Regierung sie vor dem drohenden Untergang bewahren möchte. Nach wochenlangen panischen Appellen der Bühnen des Landes hat Boris Johnsons Kabinett 1,57 Milliarden Pfund als Soforthilfe fürs «Theaterland» der Insel bereitgestellt. Mit dieser Summe will Premier Johnson die Kulturszene des Vereinigten Königreichs – «die Seele unserer Nation» – erst einmal ins nächste Jahr hinüberretten. Das Geld soll das berühmte Londoner West End ebenso wie viele Provinzbühnen, Konzerthallen, Museen und Kunstgalerien in den kommenden Monaten über Wasser halten, so gut es geht.

Späte Hilfe, willkommene Hilfe

Seit Beginn des Lockdown hatten immer mehr britische Theater Alarm geschlagen und angekündigt, dass ihnen in Kürze der Ruin drohe. Einige Bühnen haben ihre Belegschaft bereits entlassen und ihre Tore für immer schliessen müssen. Für sie komme die Hilfe «zu spät», klagten am Montag Oppositionspolitiker in Westminster. Es sei unbegreiflich, warum sich die Regierung mit dem neuen Paket «so viel Zeit gelassen» habe.

Viele Spielstätten und sonstige Kultureinrichtungen hoffen aber nun, dass sie wenigstens vorerst nicht aufgeben müssen. Berühmte Bühnen wie das Old Vic und sogar das Nationaltheater hatten bereits befürchtet, dass die Lichter in ihren Auditorien nie wieder angehen würden. Die Regierung, meinte gestern die Direktion des Londoner Royal Court Theatre, habe die Hilferufe der Theater im Lande «wirklich gehört» und einen «ausserordentlichen Betrag» bewilligt. Eine Grosszahl von Theaterleuten zeigte sich «froh und erleichtert» über die Regierungsaktion.

Besorgte Stimmen fragten allerdings auch schon, nach welchen Kriterien das Geld wohl verteilt würde. Denn für alle reicht es, im Kalkül der Experten, nicht. Nun hänge alles daran, «dass Grossbritanniens Kultursektor so schnell wie möglich wieder gesunde» und «den Betrieb möglichst rasch wieder aufnehmen» könne, erklärte der Theaterimpresario und Musicalkomponist Andrew Lloyd Webber. Kulturminister Oliver Dowden warnte, dass der Weg zur Gesundung wohl «ein langer Weg» werden würde und man sich vorerst «mit Babyschritten» begnügen müsse in diesem Bereich.

Mit vollem Theaterbetrieb noch in diesem Jahr ist eher nicht zu rechnen.

Bisher sind Theaterproben und die Liveausstrahlung spezieller Aufführungen erlaubt. Nächste Woche will Dowden bekannt geben, wann es mit Open-Air-Veranstaltungen losgehen kann. Mit vollem Indoorbetrieb noch in diesem Jahr scheint der Minister aber nicht zu rechnen. Viel Hoffnung könne er niemandem machen, dass die beliebten Weihnachtspantomimen zu sehen seien dieses Jahr, sagte er.

Schwierig wird es für die meisten britischen Bühnen eh werden, solange eine Rückkehr zu «normalem» Theaterbetrieb unmöglich bleibt. Nicht nur weil viele Theater im West End eng und antiquiert sind und über wenig Ausweichraum verfügen: sondern weil sie sich selten auf öffentliche Zuschüsse stützen können.

Selbst die «Kronjuwelen» der britischen Kulturszene, wie das Nationaltheater oder das Königliche Opernhaus, sind weitgehend angewiesen auf Ticketverkauf. «Solange soziale Distanzierung von einem Meter plus verlangt wird, rechnet sich die Sache nicht für Liveaufführungen», erklärte gestern Elspeth McBain, Geschäftsführerin der Lighthouse-Spielstätte in der Stadt Poole. «Die meisten Bühnen müssen äusserst hart kalkulieren. Wir müssen 80 Prozent unserer Tickets verkaufen, um überhaupt Gewinn zu erzielen.» Mit der Hälfte der Sitze oder noch weniger Plätzen sei das nicht drin.