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Das Debakel von DeutschlandLöw am Abgrund – doch noch immer will er nicht aufgeben

Das 0:6 in Spanien reisst tiefe Wunden auf. Joachim Löw ist als Bundestrainer eigentlich nicht mehr haltbar, aber seine Vorgesetzten wehren sich standhaft für ihn.

Als wäre alle Kraft aus ihm gewichen: Joachim Löw nach seiner schwersten Niederlage im 188. Spiel als Bundestrainer.
Als wäre alle Kraft aus ihm gewichen: Joachim Löw nach seiner schwersten Niederlage im 188. Spiel als Bundestrainer.
Foto: Marcelo Del Pozo (Reuters)

Es ist wieder einmal laut in Fussball-Deutschland. Vorneweg marschieren die grossen Lautsprecher der «Bild»-Zeitung mit dem Appell, Joachim Löw möge doch bitte zurücktreten. Rekordspieler Lothar Matthäus, für die breite Masse des Landes eine Instanz, schreit auf: «Das ist nicht mein Deutschland!» Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, wie lange Löw noch Bundestrainer bleibe, sei das Thema der kommenden Stunden und Tage.

Das 0:6 in Spanien hat die Deutschen im Mark getroffen. So hoch hat ihre Nationalmannschaft seit 1931 nicht mehr verloren, damals gegen Österreich. Diesmal, im leeren Stadion von Sevilla, hätte es eine noch höhere Niederlage absetzen können. So gut und überlegen war Spanien und so dramatisch schlecht Deutschland.

Nach dem letzten Spiel in der Nations League stellt sich Löw bei der ARD zum Interview. Gar nichts habe funktioniert, sagt er, Körpersprache, Körperspannung, da habe er gar nichts gesehen. Dabei ist der Chef kein wenig besser als seine Spieler. Während des ganzen Spiels schaut er wie ein Häufchen Elend auf der Bank zu, als wäre er paralysiert. «Wir müssen wieder zurückschlagen», sagt er. Wie soll das bloss mit ihm gehen? Vor dem Mikrofon sieht er alt aus, viel älter als seine 60 Jahre, als wäre alle Kraft aus ihm entwichen.

Keine Instanz mehr

Aufgeben will er nicht. Weil er wirklich überzeugt ist, dass alles noch gut kommt bis zum nächsten Sommer und der EM? Weil er nicht loslassen kann? Weil er zu stolz und selbstgefällig ist, um sich ein Scheitern einzugestehen? Weil er halt beratungsresistent ist?

Oliver Bierhoff, der Direktor der Nationalmannschaft, stellt sich am späten Dienstagabend an Löws Seite. Das Vertrauen in Löw sei «vollkommen» da: «Daran ändert auch dieses Spiel nichts.» Der Manager und der Trainer kamen 2004 gemeinsam zum DFB, dem Deutschen Fussball-Bund, als mit Teamchef Jürgen Klinsmann der Aufbruch in eine bessere Zukunft begann. Löw stieg nach zwei Jahren zum Bundestrainer auf und lieferte gute Resultate. Fünfmal in Folge erreichte er mindestens den Halbfinal an einem grossen Turnier. Höhepunkt war der Gewinn der WM 2014.

Auf dem Zenit: Deutschland gewinnt die WM 2014.
Auf dem Zenit: Deutschland gewinnt die WM 2014.
Sport: Alex Grimm (Keystone/AP)

Das war Löw nicht genug, er wollte danach auch noch die EM gewinnen. Er scheiterte und lief zwei weitere Jahre später, 2018, gar ins Debakel von Russland mit dem Ausscheiden nach der Vorrunde. Seither ist Löw nicht mehr der Löw, der unantastbar wäre, nicht mehr die Instanz, zu der das Land und die Medien hochschauen würden.

Löws fataler Entscheid

Monate brauchte er, um Russland aufzuarbeiten. Er wollte die Mannschaft neu strukturieren und sortierte darum im März letzten Jahres Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus, alles hochdekorierte Spieler, alles Weltmeister und Führungsspieler.

Dieser Entscheid verfolgt ihn bis heute, und er ist fatal, weil damit ein Problem verbunden ist: Löw hat damit komplett das Leistungsprinzip ausgehebelt. Immer wieder und besonders in den letzten Wochen zeigt sich bei den Deutschen, wie sehr ihre Abwehr ein Torso ist: drei Gegentore gegen die Türkei, drei gegen die Schweiz, drei Pfostenschüsse zugelassen selbst gegen die Corona-geschwächte Ukraine. Und jetzt das Debakel in Spanien.

«Jetzt weiss man, wo man steht», sagt Stürmer Serge Gnabry. Ja, am Abgrund, und das trifft in erster Linie auf Löw zu. Er hat sich in die Sackgasse manövriert mit seiner Sturheit, in der Abwehr auf die Führung von Hummels und Boateng zu verzichten. Robin Koch ist restlos überfordert, Niklas Süle ebenso, und als Süle verletzt ist, kommt Jonathan Tah zum Einsatz. Tah? Mit Bayer Leverkusen bringt er es in der Bundesliga in sieben Spielen auf zwei Kurzeinsätze. Und was sagt Löw? Er habe Vertrauen in diese Spieler. Nicht das geringste Anzeichen von Umdenken im Fall von Hummels und Co.

Der Zufall will es, dass am Tag nach dem Match in Sevilla bei «Sport Bild» ein vorfabriziertes Interview mit Manuel Neuer erscheint. Darin sagt der Goalie und Captain: «Wir müssen wieder nach dem Motto auftreten: Wir sind die deutsche Nationalmannschaft, wir sind wer! Ihr könnt ruhig kommen.» Diese Aussage steht ziemlich schief in der Landschaft. Die Spanier sind gekommen und über die Deutschen hinweggeflogen. Die Schweizer hatten ihnen letzten Samstag noch ganz anderen Widerstand geboten.

Die Ansage von Bierhoff

In Deutschland läuft seit der letzten WM die Diskussion, dass sich die Nationalmannschaft zusehends von der Basis entfremdet hat, vom Volk also. Die schlecht gewordenen Einschaltquoten im Fernsehen dienen als Beleg dafür, dass sie nicht mehr der Stolz des Landes ist. Das hat viel mit Löw zu tun: mit seiner zunehmend eigenbrötlerischen und manchmal entfremdeten Art, die Mannschaft zu führen, wie es die «Süddeutsche» darlegt.

Im Raum steht nun ein Satz von Bierhoff. «Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschliesslich der EM mit», hat er in diesen Tagen gesagt. Eine Interpretation davon liegt nahe: Nach der EM nächsten Sommer ist fertig mit Löw als Bundestrainer, so oder so. Wenn er scheitert, gibt es für ein Weitermachen trotz eines bis 2022 laufenden Vertrages keinen Grund mehr. Und wenn er Erfolg hat, kann er wenigstens erhobenen Hauptes abtreten. Wie auch immer die Geschichte enden wird, muss es Löw im Gefühl tun, dass das Land seiner längst überdrüssig geworden ist.

Erfolg heisst: mindestens Halbfinal. So sagt das DFB-Präsident Fritz Keller offiziell. Die Gruppengegner heissen Frankreich, Portugal und Ungarn. Dass sich Deutschland gegen sie durchsetzt, übersteigt im Moment jede Vorstellungskraft.

31 Kommentare
    Michael Przewrocki

    Wundere mich schon lange warum in gewissen Ländern sehr erfolgreiche Fussballer 90min. rauf und runter laufen können. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Gründe auftauchen.