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Abrupter Abgang beim FilmfestivalKnall in Locarno – Festivalchefin Lili Hinstin tritt zurück

Bei ihrem Amtsantritt hatte sie Locarno als «Traumfestival» bezeichnet – nun tritt die künstlerische Direktorin des wichtigsten Schweizer Filmfestivals überraschend zurück.

Da war sie noch im Amt: Lili Hinstin im Juli 2020 vor der speziellen Corona-Locarno-Ausgabe.
Da war sie noch im Amt: Lili Hinstin im Juli 2020 vor der speziellen Corona-Locarno-Ausgabe.
Foto: Laurent Guiraud

Der grösste Knaller am Tag der Eröffnung des Zurich Film Festival kam aus Locarno: Die künstlerische Direktorin Lili Hinstin verlässt das Tessiner Filmfestival wegen «unterschiedlicher Auffassungen über die Strategie». Der Präsident Marco Solari und sie hätten «in gegenseitigem Einvernehmen» entschieden, fortan getrennte Wege zu gehen.

Erwartet hat das niemand. Die 43-jährige Kulturmanagerin und Filmexpertin aus Paris war nicht lange im Amt: 2019 hatte sie ihre erste Locarno-Ausgabe präsentiert. Dieses Jahr stellte sie eine besondere Corona-Ausgabe des Festivals auf die Beine, mit Vorführungen und Aktionen im Internet und vor Ort.

Die Beteiligten wollen die knappe Mitteilung des Festivals auf Anfrage nicht kommentieren. Der scheidenden Direktorin wird darin ihre «intensive Arbeit» in den vergangenen zwei Jahren verdankt und alles Beste für die Zukunft gewünscht. «In naher Zukunft» würden der Exekutivausschuss und der Verwaltungsrat über die Regelung der Nachfolge diskutieren.

Die zweite Frau an der Festivalspitze

Hinstin wurde 2018 als Nachfolgerin von Carlo Chatrian gewählt, der als Direktor an die Berlinale wechselte. Sie war nach Irene Bignardi die zweite Frau, die in 74 Jahren den einflussreichsten Festivalposten in der Schweiz innehatte. Ihre erste – und wegen Corona auch letzte – normale Ausgabe kam bei Publikum und Kritik in allen Landesteilen ausserordentlich gut an. Eloquent und wortreich präsentierte sie ihre Filmauswahl.

Ein Höhepunkt bei ihrer Premiere war die Aufführung des Quentin-Tarantino-Knallers «Once Upon a Time in Hollywood» auf der prallvollen Piazza. Aber ihr Herz gehörte ebenso den kleinen, vordergründig schwierigen Werken, die sie ihrem Publikum mit gleich viel Engagement präsentierte. Sie versuchte, mit speziellen Aktionen und Programmen, auch vermehrt Jugendliche für den Kulturanlass zu gewinnen.

Geplant war ein Auftritt am ZFF

Über die Gründe des plötzlichen Abgangs kann nur spekuliert werden. Bei ihrem Amtsantritt hatte sie Locarno als «Traumfestival» bezeichnet. Sicher ist, dass mit Hinstin und dem Festivalpräsidenten Marco Solari zwei starke und selbstbewusste Persönlichkeiten aufeinandertrafen.

Am Montag hätten die beiden noch zusammen auftreten sollen: Anlässlich einer Carte blanche für das Festival Locarno am ZFF wollten sie gemeinsam einen Film präsentieren. Daraus wird nun wohl nichts.

4 Kommentare
    R. Bühler

    Nicht über die Nachfolge von Lili Hinstin sollte diskutiert werden müssen, sondern über die von Marco Solari. Mit 76 Jahren sollte er endlich loslassen und einem jüngeren, dynamischen Festivaldirektor Platz machen.