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Wörterbuch zur RechtschreibungFreud und Leid im neuen Duden

Die neuste Ausgabe des Standardwerkes für die deutsche Sprache ist eine Wundertüte. Wir haben einen Blick hineingeworfen. Und Erfreuliches wie Abschreckendes entdeckt.

Die Duden-Redaktion hat in der 28. Ausgabe des beliebten Nachschlagewerkes (Symbolbild) 3000 neue Wörter eingefügt und 300 Begriffe gestrichen.
Die Duden-Redaktion hat in der 28. Ausgabe des beliebten Nachschlagewerkes (Symbolbild) 3000 neue Wörter eingefügt und 300 Begriffe gestrichen.
Foto: BZ

Mikroplastik ist drin in der neuen Ausgabe des Duden, des Standardwerks zur deutschen Rechtschreibung. Natürlich kullert er einem nicht entgegen, wenn man das 1200 Seiten dicke Buch aufschlägt. Die Redaktion hat lediglich den Begriff aufgenommen, der die winzigen Kunststoffteilchen bezeichnet. Da Mikroplastik zum Umweltproblem wird, gehört er leider auch zu den 3000 neuen Wörtern, die in die jüngste Ausgabe eingeflossen sind.

So wie dem Mikroplastik ergeht es auch der Faszienrolle. Sie ist ebenfalls stolzes Neumitglied der Duden-Wörterfamilie. Bis vor kurzem glaubte ich, eine Faszienrolle sei eine Art Biskuitgebäck mit Himbeerfüllung. Als es mich kürzlich im Rücken zwickte und ich im Internet Hilfe suchte, lernte ich die Faszien kennen, die den Körper und seine Organe im Innersten zusammenhalten. Dass sie verkleben können, hätte ich nie geahnt. Jetzt weiss ich, warum ich am Morgen manchmal kaum aus dem Bett komme und weshalb mich die Massage mit einer Faszienrolle lockerer machen würde.

Vorführdame und Katzenvideo

Doch ich bin momentan sehr verkrampft, weil ich bei der Duden-Lektüre auch auf den Begriff «Gendersternchen» gestossen bin. Diese Gendersternchen, das soll an dieser Stelle mal gesagt sein, sind viel schlimmer als verklebte Faszien. Sie lassen sich nicht wegrollen wie Rückenschmerzen, nicht mal Voltaren hilft dagegen. Gendersternchen tun beim Lesen richtig weh. Schützt vielleicht die «Herdenimmunität», ebenfalls ein neues Duden-Wort, vor den Sternchen und diesem ganzen Gender-Wahnsinn? Nein, sie wappnet einen höchstens vor einer Corona-Infektion.

Weil ich gerade so schön am Jammern bin, muss ich hier noch das Verschwinden der «Vorführdame» aus dem Duden beklagen. Ihr sang- und klangloser Abgang ist bedauerlich, kam doch die Vorführdame auf dem Laufsteg der Sprache viel eleganter daher als so manches Model. Dafür ist neu das «Katzenvideo» aufgeführt. Es entfacht auf Internetportalen Begeisterungsstürme und treibt bei Onlinemedien die Einschaltquoten in die Höhe. Man mag so lange fauchen, wie man möchte das ist nun mal die neue Realität.

Netflixserie und Gänsehautmoment

Zu dieser neuen Realität gehört auch die «Achtsamkeitsübung», die als Begriff Eingang ins Wörterbuch gefunden hat. Es handelt sich um eine fast meditative, leicht esoterisch angehauchte Methode, die einen möglicherweise auch beim Surfen auf Youtube davor bewahrt, zu viele Katzenvideos zu konsumieren.

Im neuen Duden findet man jetzt übrigens auch die «Netflixserie». Das Medienunternehmen Netflix hat es verdient, nun endlich auch Teil des offiziellen deutschen Wortschatzes zu sein. Zumal es die Kunst beherrscht, beim Zuschauer «Gänsehautmomente» zu erzeugen – auch dies übrigens ein neues Duden-Wort. Mancher Schweizer Filmemacher, der im Entgegennehmen von Subventionen besser ist als im Verfassen von Drehbüchern, sollte sich an Netflix-Serien wie «Breaking Bad» oder «Better Call Saul» ein Beispiel nehmen: Die Dialoge sind schräg, die Charakteren schillernd, die Spannung steigt von Staffel zu Staffel, und die Bildästhetik ist hoch.

Die Duden-Redaktion nimmt Begriffe auf, die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind. Derzeit sind es 148000 Stichwörter. Sollte einem ein Ausdruck nicht gefallen, kann man ihn online «disliken». Ja, genau: Dieses Verb ist auch in der neusten Ausgabe des Sprachwörterbuches zu finden.

Gendersternchen sind schlimmer als verklebte Faszien. Sie lassen sich nicht wegrollen wie Rückenschmerzen, sie tun beim Lesen richtig weh.»