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Brief von Max KüngLieber Viktor Giacobbo

Ohne Musik wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Deshalb bin ich ihr einiges schuldig.

Auch er hat das Ohr am Puls der Zeit: Der Autor, Kabarettist, Moderator und Schauspieler Viktor Giacobbo.
Auch er hat das Ohr am Puls der Zeit: Der Autor, Kabarettist, Moderator und Schauspieler Viktor Giacobbo.
Foto: Urs Jaudas

In einem Podcast* habe ich gehört, dass Sie sich – trotz vorgeschrittenen Alters – noch immer um Musik kümmern. Und zwar geht es Ihnen nicht bloss um das Bewahren der Musik Ihrer Vergangenheit, das Horten, Hüten und Abstauben Ihrer Plattensammlung aus fernen Jahren, sondern um den Pop / Rock / Whatever, der gerade entstanden ist – oder noch entsteht. Sie finden es wichtig, diesbezüglich das Ohr am – wie man so schön sagt – Puls der Zeit zu haben. Als ich dies vernahm, musste ich lächeln, denn: Ich gehe da mit Ihnen voll d’accord.

Auch ich habe mich stets dagegen gewehrt, dass das Musikhören zu etwas wird, das man im Lauf der Zeit vernachlässigt, erst ein wenig bloss, das einem dann aber immer mehr und mehr abhandenkommt, so wie die Figur, die Mundhygiene oder der Humor. Es wäre nicht weniger als ein Verbrechen, denn die Musik ist meine älteste Freundin. Ja, ich kann sagen, auch wenn es etwas pathetisch klingt: Ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Music was my first love: Deshalb bin ich ihr einiges schuldig.

Musik ist nicht das Verbindende zwischen den Generationen, im Gegenteil.

Musik ist mehr als bloss ein unterhaltsamer und mehr oder weniger laut gespielter Soundtrack zur Adoleszenz und Hintergrundgedudel bei der Jagd nach einem Lebensabschnitts- oder Geschlechtspartner. Sie ist Medizin und Werkzeug – und ein probates Mittel, um sich in einer gewissen Phase seines Lebens von seinen Eltern abzugrenzen oder sich gar gegen sie aufzulehnen. Ich mag mich gut an den Gesichtsausdruck meiner Mutter erinnern, wie sie in der Türe des Kinderzimmers stand und ich als kleiner, dicker Bub – den Lautstärkeregler der Anlage auf Stufe 11 hochgedreht – den Song «Pseudo Youth» von Napalm Death hörte. Ich erkannte damals viel Kummer in ihren Augen; und spürte die Kraft und die Macht, die den aus den Boxen dröhnenden Klängen innewohnten.

Wem Musik wichtig ist und wer irgendwann – wie und weshalb auch immer – selber zu Kindern kommt, die oder der versucht selbstverständlich, die Kostbarkeit der Sache weiterzuvermitteln. Doch dies birgt so seine Tücken, denn eben: Musik ist nicht das Verbindende zwischen den Generationen, sondern eher so etwas wie der Trennstab auf dem Supermarktkassenförderband. Und wenn ich also mit einer frisch gekauften Schallplatte in das Zimmer meines Buben stolziere und rufe: «Schau, das Album ‹Digital Ist Besser› von Tocotronic ist endlich wieder auf Vinyl erhältlich», dann sagt der Junge nichts, sondern startet sardonisch lächelnd Spotify auf seinem iPad – und schon hämmert «Welcome to St. Tropez» von DJ Antoine aus der Bluetooth-Box.

Wenn dich dein Kind auf dem linken Ohr nervt, dann halte ihm auch das andere hin.

Natürlich weiss auch mein jüngerer Sohn um die Wichtigkeit der Musik in meinem Leben. Er kennt meine Schimpftiraden auf all das, was im Tagesprogramm im Radio gespielt wird oder von der Kaufhausdecke tropft und trieft; all dieser anbiedernde, gefallsüchtige, seelenlose Kommerzkack. Und genau dies ist der Grund, weshalb er DJ Antoine hört. Nicht, dass ihm der Sound gefiele oder er gar Fan des geckenhaften Gockels dahinter wäre – dazu sind ihm die mit dieser «Musik» verbundene Ästhetik und der propagierte Lifestyle dann doch zu vulgär und hohl –, nein, er hört ihn bloss aus einem Grunde: um mich zu ärgern. Denn er weiss, wie weh es mir tut, wie sehr mein Herz zu bluten beginnt; doch auch ich weiss etwas, nämlich: Wenn dich dein Kind auf dem linken Ohr nervt, dann halte ihm auch das andere hin.

Dies zu erdulden, ist eine wahre Aufgabe. Die innerfamiliäre Heimsuchung durch DJ Antoine erfordert Kraft. Und während «Ma Cherie» von DJ Antoine («When I look into your eyes / I see rainbows in the skies») gegen die Kinderzimmertüre hämmert und trampelt, gebe ich mir zwei Hübe Ventolin, atme ein und aus, tief und langsam … ein und aus; denn ich weiss: Es ist alles bloss eine Phase. Alles? Nein! Es wird hoffentlich mehr sein. Die gute Musik wird ihn finden, so wie sie mich gefunden hat, einst. Und inständig hoffe ich, dass die beiden sich gut verstehen werden, eine Freundschaft sich ergibt, die andauert und währt – ein Leben lang.

In dem Sinne: Halten Sie auch weiterhin die Ohren steif!

Max Küng

*«Frey zu Hause» mit Patrick Frey und diversen Gästen, zu hören auf den Websites der Tamedia-Medien oder auf Spotify.

PS: Song zum Thema: «Noise Annoys» von Buzzcocks, 1978.