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Brief von Max KüngLiebe SBB

Wir singen das alte Lied vom Umstieg vom Flugzeug zurück zur Bahn. Von der Rückkehr zur Vernunft.

Offenbar werdet ihr im nächsten Jahr nicht das Krokodil, aber immerhin den Nachtfernzug zurück auf die Schiene bringen. Im Bild: Der liebevoll restaurierte Luxuszug Trans Europ Express (TEE).
Offenbar werdet ihr im nächsten Jahr nicht das Krokodil, aber immerhin den Nachtfernzug zurück auf die Schiene bringen. Im Bild: Der liebevoll restaurierte Luxuszug Trans Europ Express (TEE).
Foto: SBB

Eine andere Abkürzung, die wie eure mit S beginnt und ebenfalls über drei Buchstaben verfügt, die SVP, erlebte kürzlich das, was auch mit einem S anfängt, einen Shitstorm nämlich, wieder einmal. Der Grund? Die SVP «verwendete» in einem Abstimmungsvideo zur Begrenzungsinitiative ein Kind im Primarschul­alter, ein Mädchen mit langen Haaren, herzig.

Doch das Kind ist bedrückt. Es berichtet von seinen Nöten und Ängsten, von Stau und zu vielen Autos – also von typischen Kinderproblemen –, zudem ist der Vater seit letztem Sommer arbeitslos, und in der Klasse gibt es kaum noch andere Schweizer. Im Winter habe es Angst, wenn es von der Schule heimgehe, wegen der Räuber und so. All dies erzählt das namenlose Mädchen, während man böse dreinblickende Dunkel­häutige sieht, verstopfte Strassen, Randständige, dreckige Städte. Eindeutig Kindsmissbrauch, meinten da viele. Man könne nicht ein Kind für politische Ziele einsetzen.

Doch Andreas Glarner, der SVP-Mann mit der Igelfrisur (als müssten diese Stacheln das darunter brodelnde Hardliner-Gehirn beschützen), sieht es anders. Für die Entrüstung hat er kein Verständnis: «Gopferdeckel, jetzt werde ich dann wütend», sagte er gegenüber einer Gratiszeitung. Denn: «In der ­Nutella-Werbung wird auch ein Kind eingespannt.» Da stellt sich die Frage: Was hat Nutella mit der Begrenzungsinitiative zu tun? Beides ist irgendwie braun, okay. Aber sonst?

Ich bin nicht ferrophil, aber ich schätze die Vorzüge der Züge.

Und da sind wir schon bei euch, liebe SBB, denn: Habt ihr gesehen? Die ebenfalls gerne Kinder einspannende Firma Lego brachte einen Bausatz der legendären «Krokodil»-Lok auf den Markt (1271 Teile, 129 Franken, schon ausverkauft!), und zwar in der Originalfarbe, und die war ja nicht Grün, sondern Braun. Das ist für Laien einigermassen verwirrend, denn Krokodile assoziiert man ja mit der Farbe Grün – ein Lacoste-Leibchen sähe echt seltsam aus mit einem grossmauligen und langschwänzigen Maskottchen auf der linken Brust, das braun wäre.

Ich bin nicht ferrophil veranlagt, bin kein Triebwagengetriebener, nicht bei der Eisenbahnjugend Schweiz, aber ich schätze die Vorzüge der Züge. Daher las ich mit grosser Freude, dass ein alter Wunsch nun in Erfüllung gehen wird. Denn offenbar werdet ihr, liebe SBB, im nächsten Jahr nicht das Krokodil, aber immerhin den Nachtfernzug zurück auf die Schiene bringen; den guten alten Schlafwagen.

Und dies, zwanzig Jahre nachdem ich in diesem Magazin darum gebeten hatte. Damals schrieb ich «ein Plädoyer für den Umstieg vom Flugzeug auf die Bahn». Es war ein sehnsüchtiger Artikel, in dem ich mich an Zugreisen erinnerte, an die ich mich auch heute noch gerne erinnere: mit dem Talgo nach Barcelona, pfannengebratene Steaks im Speisewagen und in der Bar üppig eingeschenkte Carlos Primeros, während man dem Meer entgegenratterte und draussen Frankreich vorbeiflatterte. Oder nach Brüssel, mit dem Zug, der um eine Minute nach Mitternacht den Bahnhof Basel verliess.

Aber eben: Habt ihr alles abgeschafft. Sukzessive und konsequent. Nachtzüge gab es nur noch in alten Filmen («James Bond 007 – Liebesgrüsse aus Moskau»), in Bestseller-Romantiteln («Nachtzug nach Lissabon») und im Ausland (Österreich).

Brechen wir auf in die Zukunft, direkt via Vergangenheit.

Der Artikel war kitschig, aber auch kritisch. Es ging nicht nur um die Trostlosigkeit des Fliegens, sondern auch um Fehler der Bahn; beispielsweise die mir unerklärliche Abschaffung der Nachtzüge. Der Artikel endete so: «Es ist nun an den Bahngesellschaften, das auf die Reihe zu bekommen, was ansteht: der Umstieg vom Flugzeug zurück zur Bahn. Eine Rückkehr zur Vernunft. Die Menschen sind bereit. Jetzt müssen es die Züge werden. So wie der gute alte Schlafwagen, der um eine Minute nach Mitternacht von Basel nach Brüssel fährt. Eine Nacht lang. Wie früher. Das Früher, das morgen wieder sein wird. Bitte.»

Und nun wird diese Bitte erhört; eine Bitte, die so alt ist, dass sie einen Bart tragen könnte. Aber egal. Hauptsache, der Schlafwagen kommt zurück. Brechen wir auf in die Zukunft, direkt via Vergangenheit, Abfahrt um eine Minute nach zwölf, ohne Halt bis Brüssel, Rad auf Schiene, Eisen auf Eisen, atemlos durch die Nacht, die weder grün noch braun ist, sondern einfach bloss schwarz und schön.

Mit vorfreudigen GrüssenMax Küng

Song zum Thema: «Trans Europa Express» von Kraftwerk vom gleichnamigen Album, 1977.