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Kolumne Max KüngLiebe Leserin, lieber Leser

Unser Kolumnist schrieb vier Jahre lang öffentliche Briefe an Menschen, die er liebte, bewunderte, die ihn nervten, und einmal schrieb er sogar an eine Rennradschaltung. Dies ist sein Abschiedsbrief.

Illustration: Satoshi Hashimoto

Das wars. Dies ist der letzte Brief, den ich an dieser Stelle schreibe. In den vergangenen vier Jahren waren es gut und gerne zweihundert Stück, die ich versandt habe: an bekannte Politiker, an den mir gänzlich unbekannten Glöckner der Kirche in der Nachbarschaft, an längst Verstorbene wie Antonio Vivaldi, immer wieder auch an meinen Kumpel Klumpen, einmal sogar an eine Rennradschaltung. Manchmal schrieb jemand zurück; selten zwar, aber es kam vor. Und schon war der nächste Brief unterwegs. Gründe, sie zu schreiben, gab es genügend.

Es gibt aber auch Gründe, weshalb ich dies nun beenden möchte. Zum einen ist zu langes Sitzen am Schreibtisch schlicht ungesund. Nicht nur für den Rücken, den Nacken und alle Knochen überhaupt. Forscher haben zudem herausgefunden: Sowohl der Stoffwechsel wie auch das Herz-Kreislauf-System sind beim stundenlangen Sitzen schlicht unterfordert. Dies führe über kurz oder lang zu einem kürzeren Leben.

Diesbezüglich ziemlich gesund war eine Party, an die ich unlängst eingeladen war, denn dort gab es kaum Sitzgelegenheiten. Also sprach ich stehend mit ziemlich vielen mehr oder minder vertrauten Menschen. Die Themen dieser Gespräche waren ebenfalls mehr oder minder vertraut, oft ging es um Kinder und die mit diesen Hand in Hand gehenden Problemchen und PROBLEMEN!, sie handelten aber auch von Banalem wie dem Kino oder neuen Kochbüchern. Den grössten gemeinsamen Nenner dieser Gespräche stellte jedoch ein anderer Themenkomplex dar: die Sommerferien, die eben erst zu Ende gegangen waren. Über Ferien haben alle etwas zu berichten, denn sie sind unumgänglich. Viele hatten dieses Jahr den besonderen Umständen entsprechend und mehr oder weniger grummelnd ihre Gewohnheiten geändert, fuhren also nicht wie sonst immer zur selben Zeit an denselben Ort im Ausland, sondern verbrachten den Sommer in der Schweiz. Mit erstaunlichen Erkenntnissen und Erlebnissen. Sie kamen an Orte, an denen sie nie zuvor gewesen waren – und entdeckten so nicht ohne Staunen das Land auf eine neue, überraschende Art und Weise; ein Land, welches sie zu kennen geglaubt hatten, dann aber doch eines Besseren belehrt wurden. Das vermeintlich Vertraute stellte sich als grosse Wundertüte heraus! Viele der in diesen Ferienerzählungen erwähnten Orte waren auch mir bekannt, aber bloss vom Hörensagen – mit eigenen Augen gesehen hatte ich sie noch nie. Der Monte Generoso? Das ist doch dieser dreieckige Kuchen aus der Migros!

Dann: Vor nicht langer Zeit erwähnte ich in einem der Briefe en passant einen Politiker namens Andreas Glarner, den man immerzu mit seinem Wohnort in Verbindung bringt, Oberwil-Lieli nämlich. Wenn man den Politiker googelt, stolpert man zwangsweise auch über Oberwil-Lieli. Man kann diesen Mann anscheinend nicht von dem Ort trennen. Und da fragte ich mich: Könnte man vielleicht den Ort von dem Mann trennen? Ich hatte keine Ahnung, denn ich war in meinem ganzen Leben noch nie in Oberwil-Lieli gewesen. Ich konnte mir darunter schlicht nichts vorstellen.

Also kam ich zum Schluss, dass es nun an der Zeit sei, sich vom Schreibtischstuhl zu erheben. Den Rücken durchzustrecken. Aus dem Zimmer zu gehen. Die Jacke vom Haken zu nehmen und den Hut (den ich leider nicht besitze). Dann zur Türe raus. An die frische Luft. Ein kurzer, prüfender Blick in den Himmel, ob das Wetter mitmacht! Und los geht es. Einfach mal nachschauen, wie es dort ausschaut, wo man zuvor noch nie gewesen ist. Zu Fuss. Mit dem Velo. Mit dem Zug. Vielleicht auch mal mit dem Auto. Das Offensichtliche und das Versteckte, das Populäre und das Unattraktive, das Ferne und das Naheliegende. Ich denke, es gibt noch viel zu sehen in unserem kleinen Land – man muss bloss die Neugier von der Leine lassen und die Augen aufmachen. Und die Ohren. Und die Nase dann und wann wohl auch.

Dies also ist der letzte Brief, liebe Leserin, lieber Leser. Aber kein wirklicher Abschiedsbrief. Nächste Woche geht es weiter. Wir werden zusammen einen Ausflug unternehmen. Denn wie gesagt: Ich war noch niemals in Oberwil-Lieli. Und Sie?

Mit freundlichen Grüssen
Max Küng

PS: Song zum Thema: «In A Beautiful Place Out In The Country» von Boards of Canada von der gleichnamigen EP aus dem Jahr 2000.

Max Küng ist Reporter bei «Das Magazin».