Zum Hauptinhalt springen

Basel am TheatertreffenLetztes Echo einer grossen Ära

Das Theater Basel reist mit «Graf Öderland» zum Berliner Theatertreffen. Das ist die sechste Nominierung in der Verantwortung von Ex-Intendant Andreas Beck. So erfolgreich war das Basler Schauspiel seit Düggelin nicht mehr.

Staatsanwalt mutiert zum Wutbürger: Thiemo Strutzenberger (rechts) als Graf Öderland mit (v. l.) Mario Fuchs, Linda Blümchen, Julius Schröder.
Staatsanwalt mutiert zum Wutbürger: Thiemo Strutzenberger (rechts) als Graf Öderland mit (v. l.) Mario Fuchs, Linda Blümchen, Julius Schröder.
Foto: Birgit Hupfeld

Der Schlussstrich unter das Intendanten-Kapitel Andreas Beck ist eigentlich schon gezogen. Jetzt hat die Jury des Berliner Theatertreffens (TT) das Kapitel noch einmal aufgeschlagen – und einen wunderbaren Epilog hinzugefügt. Der Basler «Graf Öderland» wird zum Bestentreffen des deutschsprachigen Theaterjahrgangs 2020 eingeladen, als eine von traditionell zehn Inszenierungen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

Und es macht in diesem Fall gar nichts, dass diese Saison als Corona-Jahrgang in die Theatergeschichte eingeht. Denn Stefan Bachmanns Inszenierung von Max Frischs früher Freiheitskämpfer-Moritat, die im Februar 2020 kurz vor dem ersten Lockdown Premiere hatte, ist in jeder Konkurrenz preiswürdig.

Für das Theater Basel unter Andreas Beck ist diese Einladung nach Berlin die sechste seit 2016. So epochal erfolgreich agierte, gemessen an TT-Nominationen, vor Beck nur Werner Düggelin auf dem Basler Theaterdirektorenstuhl. Das war ein halbes Jahrhundert früher. Von 1968 bis 1975.

Wir erinnern uns: Die Axt steckt schon im Boden. Für jeden sichtbar, und noch bevor das erste Wort fällt, hat es Graf Öderlands Mordwerkzeug auf die grosse Bühne geschafft. Zwischen den Musikern wartet die Klinge geduldig wie ein Nibelungenschwert auf den Vollstrecker, der kühn genug ist, sie zu ergreifen.

Eine junge Frau, gespielt von der formidablen Linda Blümchen, zieht die Axt aus dem Boden und ermächtigt so einen aus Pflicht und Ordnung ausgebrochenen Staatsanwalt erst zur bewaffneten Rebellion gegen alles und jeden. Stefan Bachmanns Basler Version lässt letztlich wenig Zweifel, ob das noch Freiheitswille ist oder schon krasser Fanatismus. Das düstere Wutbürger-Setting wird von einem riesigen Schalltrichter bestimmt. Das Volk hungert nach Extremismus, und die Schergen des Krawalls kriechen aus ihrem Rattenloch, wanken durch finsterstes, feindseligstes Niemandsland, bis es sie hinabzieht, Richtung Exit.

Graf und Gräfin lieben das Inferno: Linda Blümchen (links oben) mit Thiemo Strutzenberger, unten Simon Zagermann und Mario Fuchs.
Graf und Gräfin lieben das Inferno: Linda Blümchen (links oben) mit Thiemo Strutzenberger, unten Simon Zagermann und Mario Fuchs.
Foto: Birgit Hupfeld

Veredeltes Frühwerk

Stefan Bachmann – vor 20 Jahren Schauspielchef in Basel, heute Intendant zu Köln und gelegentlicher Basel-Rückkehrer – kann sperrige Stoffe. Auch solche mit unbegreiflichen Wendungen und rätselhaften Aussagen. Und eben weil das Team um Bachmann der Geschichte das Unfassbare lässt, hat dieser Basler «Graf Öderland» das Zeug, Frischs manchmal belächeltes Frühwerk zum Hauptwerk zu veredeln.

Wenn alles gut geht, sprich: Wenn die Pandemie-Lage wieder Theater vor Publikum gestattet, ist die Inszenierung ausser am Berliner Besten-Festival ab Mai im Repertoire am Residenztheater zu sehen. Denn dieses Projekt hat Andreas Beck gewissermassen mit sich selbst koproduziert – in seiner einjährigen Doppelrolle als Spielplanchef sowohl in Basel als auch in München.