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Kommen nun die Low-Alcohol-Weine?

Zwar weist der Trend zu alkoholstarken Weinen noch nach oben, erste Anzeichen zu einer Trendwende sind jedoch in Sicht. Am anderen Ende des Spektrums warten die neuartigen Low-Alcohol-Weine.

Die Leichtigkeit des Weins: Das Bedürfnis nach alkoholschwächeren Weinen wächst besonders bei den Weinprofis. Die meisten Konsumenten bevorzugen noch wuchtige Tropfen.
Die Leichtigkeit des Weins: Das Bedürfnis nach alkoholschwächeren Weinen wächst besonders bei den Weinprofis. Die meisten Konsumenten bevorzugen noch wuchtige Tropfen.
Reuters

Wir leben in einem Zeitalter der Extreme und der Reizüberflutungen: Medienmeldungen aus aller Welt (selbst die unwichtigsten) prasseln im Minutentakt auf uns ein; Menschen unternehmen irre Dinge, wie zum Beispiel als Kinder die Welt zu umsegeln, nur um einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung einzunehmen; das Internet bietet ebenso ein Kaleidoskop brillanter Ideen wie es herkömmliche Strukturen auflöst. Kurz: Wer heutzutage nicht lautstark auf sich aufmerksam macht, schafft es nicht einmal zu Andy Warhols berühmten «15 minutes of fame».

In der Welt der Weine ist das nicht anders: Weine, die nicht beim ersten Schnüffeln am Glas mit einer Alkoholwolke die Sinne betäuben, haben beim heutigen Massenkonsumenten wenig Chancen auf Zuspruch. Wo vor zwei Jahrzehnten Weine mit einem Alkoholgehalt zwischen 12,5 und 13,5 Volumenprozent noch als normal kräftig galten, sind es heute Tropfen zwischen 13,5 und 14,5 Prozent – Tendenz steigend.

Bereits befinden sich auch Weine von 15 Prozent und mehr auf dem Markt, wobei alles, was über 15 Volumenprozent aufweist, vom Bund bis vor kurzem als Likörwein eingestuft und höher besteuert wurde. Mit der Tendenz zu höheren Alkoholwerten wurde das Gesetz nun angepasst, und seit dem 1. Juli 2010 gilt für Naturweine (Weine aus Trauben und nicht zusätzlich mit Branntwein verstärkt) eine Obergrenze von 18 Volumenprozent. «Das Gesetz geht klar in Richtung stärkere Weine und begünstigt Weine mit höheren Volumenprozenten», sagt Andreas Etter, Marketingchef der Weinkellereien Aarau.

Klimawandel wirkt sich aus

Die Anpassung wurde notwendig, weil die Weine naturbedingt immer stärker wurden. «Der Klimawandel führt zu immer reiferen Trauben mit mehr Zucker», sagt Felix Christen, Oenologe bei Winiconsult. Der Zucker wird bei der Vergärung in Alkohol umgewandelt – je mehr Zucker, umso mehr Alkohol. Manche Weinproduzenten versuchen deshalb bereits, mit Hilfe technischer Mittel die Werte zu senken. «Vor allem in warmen Gegenden kämpfen sie gegen zu hohe Werte», sagt Christen.

Der Trend zu alkoholstarken Weinen setzte, wie viele einschneidende Veränderungen in der Weinwelt, aber auch mit der sogenannten «Parkerisierung» ein. Als Weinguru Robert Parker Jr. zu Beginn der 90er-Jahre dunkelfarbige, kräftige Weine forderte und förderte und aus Australien, Chile und Amerika ebensolche Tropfen Europa zu überfluten begannen, dachten Winzer der alten Welt über ihre Weine nach und passten sie dem neuen Trend an. Mit dem Resultat, dass heute Primitivos und Amarones sowie spanische Kracher zu den Königen der Gastronomie zählen und sich auf allen Weinkarten finden lassen.

Nicht alle haben indessen Freude an den Alkoholbomben. «Ein Wein mit über 15 Prozent Alkohol ist selten ein wirklich guter Wein», sagt Christen. Und Andreas Etter erklärt, dass sich besonders bei Weinprofis im Handel und in der Gastronomie der Wunsch nach schwächeren Weinen durchsetzt. Etter sieht folglich eine Teilung der Trends. «Während die breite Masse weiterhin auf kräftige Weine setzt, suchen Geniesser und Weinprofis zunehmend nach alkoholschwächeren und filigraneren Tropfen.

Die Masse wird nachziehen

Felix Christen stellt indessen auch bei den Massenkonsumenten erste Anzeichen für eine Trendwende fest. Zunehmend wünschen sich Konsumenten auch im Laden Weine, von denen sie zu zweit eine Flasche trinken können, ohne gleich unter den Tisch zu kippen. Aber auch er bestätigt, dass wuchtige Süditaliener und Spanier nach wie vor zu den beliebtesten Säften zählen. Bis die Masse nachzieht, dürfte deshalb noch eine Weile vergehen. Etter: «Es wird noch zehn Jahre dauern, bis die Masse umgeschwenkt hat.»

Der Trend könnte eines Tages aber sogar zu den hierzulande noch wenig bekannten Low-Alcohol-Weinen führen. Besonders in England und Frankreich sind Tropfen mit einem Alkoholgehalt von weniger als zehn Volumenprozent verstärkt ein Thema: Die britischen Weinhändler stellen bei Konsumenten vermehrt den Wunsch nach einer grösseren Auswahl fest, darunter das Bedürfnis nach alkoholschwächeren Säften. Bei einem von der WSTA (Wine and Spirit Trade Association) in London durchgeführten «Low Alcohol Wine Forum» massen Händler den leicht alkoholischen Weinen in Zukunft ein grosses Potenzial zu.

Damit sich die leichten Tropfen durchsetzen können, braucht es indessen ein greifendes Marketing-Konzept, wie der Weinmarketing-Fachmann Etter erklärt. Die Weinwelt hierzulande ist davon noch meilenweit entfernt. Nicht einmal ein deutscher Begriff für «low alcohol wines» konnte bisher gefunden werden. Fördern könnten das Bedürfnis nach alkoholleichten Weinen aber auch äussere Faktoren – gesetzliche Bestimmungen oder zum Beispiel auch die Fitnessbewegung: Weine mit hohen Alkoholwerten enthalten hohe Kalorienwerte, ein Saft mit tiefen Werten würde auch Gesundheitsaposteln das Tor zum Weingenuss öffnen. Zudem müssen Low-Alcohol-Weine qualitativ zulegen. Christen: «Die Weine sind qualitativ noch auf dem Niveau von alkoholfreiem Bier vor ein paar Jahren. Doch sie werden besser.»

Nicht zu unterschätzen ist zudem der Grund, wieso Wein getrunken wird. «Man sollte nicht vergessen, dass viele Leute Alkohol trinken, um den Alltag zu versüssen, wenn nicht gar ihn zu vergessen», sagt Etter. Bei diesen dürfte sich das Bedürfnis nach alkoholleichten Weinen deshalb in Grenzen halten. Und in Zeiten eingangs erwähnter Extreme und Reizüberflutungen, in denen wir am Fliessband von Katastrophen, Kriegen, Krisen und Rampenlichtsüchtigen vereinnahmt werden, dürfte sich der Wunsch nach dem Vergessen auch nicht so schnell ändern.

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