Basler Weinspuren im Burgund

Eine Reise durch die Côte d'Or, wo zwei Quereinsteiger mit ihren Weinen für Furore sorgen. Sorgen bereitet den Burgunder Winzern hingegen die Investition eines chinesischen Multimillionärs.

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Wie ausgestorben liegen sie da, die endlos scheinenden Rebhänge des malerischen Dorfes Santenay am südlichen Zipfel der Côte d'Or. Auf Winzer trifft man im Burgund Anfang September nur vereinzelt. Hie und da werden Rebstöcke gestutzt, sonst herrscht hier die Ruhe vor dem Sturm. Einzelne Trauben schimmern noch grünlich, andere wirken mit ihrer violetten Färbung fast schon reif. «Bald wird geerntet, viele Winzer nutzen die letzte Gelegenheit für Ferien», sagt Nicolas Ryhiner und blickt über die Rebberge, die sein Château de la Crée umgeben. Im Gegensatz zu den Kollegen hat der Basler Winzer keine Zeit für freie Tage – in seiner neuen, externen Kellerei im Dorfzentrum müssen die letzten Details geregelt werden.

Dass der 59-Jährige seine Weine jetzt mitten im Dorf keltert, passt zu Quereinsteiger Ryhiner, der im Burgund einen Bilderbuchstart hingelegt hat. Als der Theater- und TV-Regisseur mit seiner Frau Béatrice 2004 das Château in Santenay-le-Haut übernahm, war dieses in einem erbärmlichen Zustand. Als Allererstes aber kümmerte sich Ryhiner um die Rebberge. Mit seinem ersten Jahrgang beeindruckte der Neo-Weinbauer die lokalen Winzer derart, dass diese seinen «Santenay Clos du Château» in einer Blinddegustation auf den ersten Platz wählten. Acht Jahre später erhält das Château de la Crée vom französischen Landwirtschaftsministerium den Prix d'excel­lence 2012 für die Arbeit der vergangenen Jahre. Mehr der Ehre geht kaum.

Ryhiners Vorliebe für Pinot noir

Lächelnd steht Ryhiner im antiken Weinkeller seiner Domaine und nippt an einem «Clos du Château», dessen Pinot-noir-Reben wenige Meter entfernt gedeihen. «Ich mags wahnsinnig, wenn es so in den Bäcklein zieht», sagt er. «Der Schmelz und die Böden der Pinots von hier – das ist einfach das Beste.» Normalerweise produziert Ryhiner mit rund zehn Hektar Rebland gegen 60'000 Flaschen pro Jahr. Doch dieses Jahr sei chaotisch verlaufen mit Spätfrösten, Hagel und vielen Wetterwechseln. «Qualitativ liegt noch alles drin – aber die Ernte wird geringer ausfallen», sagt er. Dass die Ryhiners Schlossherren in Santenay wurden, ist Zufall, wie das Paar beim Nachtessen in der «Auberge du vieux Vigneron» im Nachbardorf Corpeau schildert.

Das Essen hier ist deftig und typisch für die Region. Beeindruckt haben die Œufs en meurette – pochierte Eier an Burgundersauce (hier das Rezept). An kalten Tagen sollen sie ein beliebtes Znüni unter Winzern sein. Natürlich in Begleitung eines Pinot noir, dem Lieblingswein von Nicolas Ryhiner. Béatrice Ryhiner hätte sich lieber weiter im Süden niedergelassen, sagt sie. Wenn man sie aber mit ihrem Mann durch den Schlossgarten schlendern sieht, wirkt sie mehr als zufrieden. Die Designerin und Innenarchitektin hat allen Grund dazu: Mit der stilvollen Rundumerneuerung hat sie das Château de la Crée in ein Burgunder Bijou verwandelt – wachgeküsst wie ein ­Märchenschloss.

Bernsteins Basler Zeit

Wir verlassen das Ryhiner-Reich und fahren nach Norden, vorbei an den berühmten Chardonnay-Lagen in Meursault und Montrachet. Keine 20 Autominuten später stehen wir vor einem unscheinbaren Altstadthaus im Zentrum von Beaune. Hinter einer gros­sen Holztüre, die aussieht, wie dem «Schellenursli»-Kinderbuch entnommen, empfängt uns Weinproduzent Olivier Bernstein auf seiner Indoor-Baustelle. Auch hier entsteht eine neue Kellerei. Wie Ryhiner ist Bernstein ein erfolgreicher Quereinsteiger, bekannt für seine raren Grand- und Premier-Cru-Weine. Olivier Bernsteins erster Jahrgang 2007 wurde von der internationalen Fachpresse dermassen gelobt, dass man den Triumph noch heute in seinem spitzbübischen Blick zu erkennen meint. Seither sind seine Kreationen meist schon verkauft, bevor sie in die Flasche kommen.

«Wegen des Erfolgs mussten wir so rasch wie möglich eine eigene Kellerei finden», sagt der 45-Jährige. «Ich will autonom sein.» Bis jetzt war Bernstein ein «Mirco-Négociant» ohne eigene Produktionsstätte. Wie viele andere Négociants, die Trauben oder Weine kaufen und unter eigenem Namen vertreiben, besitzt er keine Reblagen. Im Gegensatz zu den «Négos» beginnt seine Arbeit dennoch in den Weinbergen. Nach langer Überzeugungsarbeit konnte Bernstein mehrere Winzer davon überzeugen, ihm einen Teil ihrer besten Lagen zu verpachten. «Ich muss die Trauben selber aufziehen können», sagt er. Eigentlich ist Bernstein Ökonom. In jungen Jahren reiste er als Manager für TGV-Hersteller Alstom um die Welt. 1993 stieg er in den vom Grossvater gegründeten Klassik-Verlag Bärenreiter ein und verbrachte einige Monate in dessen Basler Niederlassung. «Das war fantastisch», erinnert sich Bernstein an seine Zeit am Heuberg.

Inzwischen ist Bernstein längst zurück in seinem Heimatland, getrunken werden seine Weine aber fast ausschliesslich ausserhalb. «Die Franzosen kamen zu spät – ich hatte keinen Wein mehr zu verkaufen», sagt er und lässt durchblicken, dass er als Neuling im Burgund ein Aussenseiter ist. «Die Burgunder sind so konservativ – jeder hat erwartet, dass ich alles gegen die Wand fahre», sagt Bernstein lachend. Er scheint mit seiner Rolle gut zurechtzukommen. Auch wenn er wenig Lärm mache und ihn die Leute kaum kennen würden – unbeachtet bleibt sein Erfolg nicht: Konkurrenten haben vergebens versucht, ihm Weinlagen abzuluchsen. Und benachbarte Winzer schauen ihm bei der Arbeit im Rebberg ganz genau auf die Finger – bevor sie ihn kopieren.

Zilteners Dépendance in Chambolle-Musigny

Vom touristischen Beaune aus geht es auf der Route des Grands Crus weiter nach Norden. Hier drängen sich die teuersten Burgunder-Reblagen so dicht wie nirgendwo sonst. Romanée-Conti, Échezeaux, Richebourg – für Weinfreaks schwindelerregend. Vorbei am weltbekannten Château du Clos de Vougeot gehts links den Hang hinauf ins Winzerdorf Chambolle-Musigny. Hier steht das Château André Ziltener, ein prunkvoll renovierter Herrschaftssitz aus dem 18. Jahrhundert. Seinen Namen hat das Château vom Reinacher Weinhändler André Ziltener, der das Haus 1990 kaufte und umbauen liess. Inzwischen leitet Tochter Nicole das Baselbieter Familienunternehmen. Im Gegensatz zu Ryhiner und Bernstein treten Zilteners als Négociants mit eigenen Weinbergen in Gevrey-Chambertin auf. Rund 40 Burgunder Weine vertreibt das Unternehmen unter eigenem Namen, alle abgefüllt beim jeweiligen Produzenten. Das Château selber dient als Hotel, Weinmuseum und Absatzort der eigenen Produktreihe. «Fürs Marketing ist es natürlich schön, ein Château zu haben», sagt Nicole Ziltener über die Firmen-Dépendance.

Das Viersternehaus ist der ideale Ausgangspunkt für eine Velotour durch die Weinberge. Nach zehn Minuten auf dem hoteleigenen Rad kommt es zum Wiedersehen mit Château du Clos de Vougeot. So imposant das Schloss, so enttäuschend ist das lieblos präsentierte Museum – man hats scheinbar nicht nötig. Auf Feldwegen gehts weiter zur Appellation Romanée-Conti, dem wohl wertvollsten Stück Land im Burgund. Die legendären Pinots von hier erzielen bei Auktionen regelmässig fünfstellige Beträge – pro Flasche. Kurz darauf stehen wir vor dem berühmten Steinkreuz von Romanée-Conti. Es wird belagert von einer Gruppe knipsender Asiaten. Kein Wunder wird hier ausnahmsweise per Metallschild darauf hingewiesen, dass der Rebberg unter gar keinen Umständen betreten werden darf. Ich verwerfe den Gedanken, eine der sagenumwobenen Trauben zu naschen. Auch wegen dem Rebbauer, der mit stoischem Blick auf dem Rasenmäher durch die Reben rattert.

Chinesischer Château-Kauf gibt zu reden

Vorbei an Chambolle-Musigny führt uns die Route des Grands Crus nach Geverey-Chambertin. Der Ort ist seit Wochen in den Schlagzeilen, weil dort ein chinesischer Casino-Tycoon das alternde Château für unglaubliche acht Millionen Euro ergattert hat – mehr als das Doppelte des geschätzten Werts. Die lokalen Winzer, die ebenfalls mitboten, sind gar nicht erfreut. Nun haben die Asiaten zum ersten Mal auch im Burgund zugeschlagen. Bisher hatten sie nur Appetit auf Bordeaux-Weingüter, von denen Ende Jahr rund 30 in chinesischer Hand sein werden – vor zwei Jahren wars noch ein einziges.

Zurück im Ziltener-Château sieht man die Angelegenheit weniger dramatisch. «Das Schloss war am zerfallen», meint die charmante Hotel-Direktorin Doris Schwarz. Sie begrüsst, dass sich jetzt jemand dem Château Gevrey-Chamertin annimmt nachdem es jahrelang leergestanden hatte. Sie freut sich nun auf einen goldigen Herbst. «Der Oktober ist in meinen Augen die schönste Jahreszeit hier», sagt die Münchnerin. Auch der wohlgenährte Taiwaner in der benachbarten Degustations-Stube ist entzückt und jodelt vor Begeisterung. Er hat soeben den Premier Cru aus Aloxe-Corton verkostet und gibt umgehend eine Bestellung auf. Zum Château-Käufer aus China hat er eine dezidierte Meinung. «Chinesen haben Geld, aber keine Kultur», sagt der Traineranzug-tragende Asiate salopp.

Inzwischen ist die Chinesen-Affäre im Burgund wieder in den Hintergrund geraten. Auf vielen Weingütern hat nämlich dieser Tage die Ernte begonnen, der Höhepunkt des Weinjahres. Wenn sich danach die Blätter der Reben gelbrot verfärben, wird deutlich, warum dieser malerische Landstrich Côte d'Or heisst.

baz.ch/Newsnet

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