Zum Hauptinhalt springen

Velotour in Laos: Dreimal täglich Reis

Wer mit dem Velo durch Laos fährt, begibt sich in die Vergangenheit: In ein Land, in dem es fast keine Autos, dafür umso mehr Kinder gibt – schön für Velofahrer, schlecht für die Volkswirtschaft.

So viele Kinder! Unser erster Eindruck, nachdem wir die Touristenfalle Pak Beng hinter uns gelassen haben. Es ist Tag eins unserer Veloreise durch Laos. Gestern noch waren wir mit einer Horde von Backpackern und Pauschaltouristen per Boot auf dem Mekong unterwegs. Jetzt befinden wir uns auf einer Nebenstrasse Richtung Nordosten und haben das Gefühl, auf einer Zeitreise zu sein.

Die erst kürzlich asphaltierte Strasse ist gesäumt mit primitiven Hütten aus Bambus. Davor sitzen Frauen an Webstühlen, kochen auf dem offenen Feuer oder zerstampfen Reiskörner mithilfe eines grossen Pfahls, den sie in einen steinernen Topf fallen lassen. Und überall hat es mandeläugige, kaffeebraune Kinder, die meisten ohne Schuhe, die kleinsten oft nackt. «Sabai-dii, sabai-dii», rufen sie schon von Weitem, rennen zur Strasse und strecken ihre Arme aus. Nicht etwa zum Betteln. Die laotischen Kinder begrüssen uns, als ob wir das Gelbe Trikot der Tour de France tragen würden – und strahlen dementsprechend, wenn wir auf ihr Angebot zum Abklatschen eingehen.

Zwei Exoten im Nirgendwo

Halten die «Farang» dann auch noch an, um im Dorfladen Wasser oder Kekse zu kaufen, dann lassen sogar die Erwachsenen von ihrer Arbeit ab. Weisse Haut, blonde Haare, grosse Menschen, windschnittige Helme und klickende Gangschaltungen sind eine echte Attraktion, die alle näher betrachten – und die Mutigeren sogar berühren – wollen. Auch wir staunen: In diesem exotischen Land sind plötzlich wir die Exoten.

Obwohl Laos mit der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Luang Prabang durchaus attraktiv für Touristen ist, kam das Gros der Bevölkerung bisher wenig in Kontakt mit Fremden. Das hat mehrere Gründe: Einerseits begann sich der kommunistisch regierte Binnenstaat erst in den 90er-Jahren zu öffnen, andererseits galten die Strassen im Norden wegen aufständischen Bergstämmen bis vor fünf Jahren als ziemlich gefährlich – was Touristen von Überlandreisen abhielt. Und jene, die heute auf den Passstrassen unterwegs sind, flitzen meist in blickdichten Minibussen von A nach B.

Gespräche ohne Worte

Schade für sie, denn sie verpassen unzählige spannende Begegnungen: mit der Köchin, die frischen Papayasalat offeriert; den Jugendlichen, die zum Fussvolleyball einladen – dem Nationalsport; oder dem buddhistischen Mönch, der mit seinem Fahrrad in die gleiche Richtung fährt wie wir. Die Kommunikation klappt erstaunlich gut: Oft reichen ein paar Gesten und ein breites Lächeln, für Komplexeres haben wir ein Wörterbuch – wobei es mit der Aussprache meist hapert, was wiederum Anlass für viel Gelächter ist.

Ob den freundlichen Menschen ist die wunderschöne Landschaft, in der sie leben, nicht zu vergessen: Die Bergregion mit ihren markanten Kalksteinformationen im satten Tropengrün ist spektakulär. Frühmorgens scheinen die Felsen auf dem Nebel im Tal zu schweben, im Dunst wirken sie durchsichtig und im Sonnenuntergang erinnern sie an schlafende Riesen. Am Fluss ein Wasserbüffel, der sich prustend aus dem silbernen Nass erhebt; im Dschungel das Zirpen der Zikaden, die jeweils wie auf Kommando eines unsichtbaren Konzertmeisters mit ihrem lauten Balzruf einsetzen.

Volle Bidons und Bäuche

Bei so viel Naturspektakel erstaunt es nicht, dass wir auf diesen Bergetappen täglich andere Radfahrer antreffen – darunter viele Langzeitradler auf dem Weg nach Zentral- oder Südostasien. Bei diesen Begegnungen wird nicht nur Traveller-Small-Talk ausgetauscht, sondern auch viel Ungewisses geklärt. Wie lange ist der Aufstieg auf den nächsten Pass? Wie steht es mit dem Nahrungsmittelangebot entlang der Strasse? Und wo gibts Übernachtungsmöglichkeiten? Diese Infos sind äussert nützlich für die Streckenplanung, denn derzeit gibt es für Laos bloss einen veralteten Veloreiseführer von Lonely Planet. Der enthält mangels Unterkünften Etappenvorschläge, die allenfalls für Radprofis geeignet wären. Inzwischen ist das Angebot viel grösser, und wir finden immer eine Bleibe – und Bauch und Bidons werden jeweils auch rechtzeitig wieder voll.

Klar, es gibt Durststrecken mit harten Betten und drei Mal Reis am Tag. Trotzdem finden wir, dass die Laoten die freundlichsten Menschen und ihr Land eines der besten Veloländer überhaupt ist, denn es hat fast keine Autos auf den Strassen – und das selbst auf Hauptverkehrsachsen von der chinesischen Grenze im Norden bis zur Hauptstadt Vientiane im Süden.

Viele Kinder, keine Autos

Der fehlende Verkehr ist schön für uns, sagt aber auch viel über die Lage der Nation aus: Die wenigen Lkw haben entweder Beer Lao oder Holz geladen, und Privatpersonen können sich meist kein eigenes Fahrzeug leisten. 70 Prozent der Laoten müssen laut Weltbank mit bloss einem Dollar pro Tag über die Runden kommen. Zwei Drittel der Kinder brechen die Grundschule vorzeitig ab, um zum Lebensunterhalt der Familie beizusteuern. Die Analphabetenrate ist dementsprechend hoch.

So berühren wir all die Kinderhände, die sich uns freudvoll entgegenstrecken, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil sie uns mit solch reinem Herzen begegnen. Weinend, weil ihre immense Zahl und ihre Präsenz am Strassenrand davon zeugt, dass Laos noch lange zu den ärmsten Ländern dieser Welt zählen wird.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch