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Unterwegs mit dem Bananenfrachter

Wie ist es, wenn man auf einem Frachter nach Mittelamerika schippert? Es ist ein Erlebnis, das verdient werden will.

Barbara Züst

Ein grüner Streifen begrenzt den Horizont. Mangroven? Bananenplantagen? Das Containerschiff Horncap hängt am Anker in der riesigen Bucht vor Kolumbiens Küste, im Golfo de Urabà, in dem sich das Grünblau bis Braungelb mehrerer Flüsse zu einem schlammigen Braun vermengt. Die Luft ist feuchtheiss und modrig, die Sonne sticht. Wir acht Passagiere dösen in den Liegestühlen auf dem schmalen Promenadendeck hinter dem Kamin und schwitzen vor uns hin, berieselt von Russ.

Plötzlich endet die tropisch träge Stimmung. Ein Hund bellt, und zwölf junge Männer in schwarzen Uniformen mit umgehängtem Gewehr klettern an Bord, verteilen sich strategisch und verriegeln die Ausgänge: Security-Personal, so steht es auf ihren Rücken. Sie sollen verhindern, dass beim Laden Arbeiter flüchten oder Drogen verstecken, erzählt einer der Burschen. Die plötzliche Action hat die Passagiere elektrisiert. Bisher war nur bekannt, dass wir zum Bananenladen auf Reede liegen, eineinhalb oder zwei Tage lang. «Abwarten und zuschauen», war die Antwort der Schiffscrew auf neugierige Fragen.

Nun werden flache, zusammengekoppelte Lastkähne angeschleppt und an der Horncap vertäut. Zwei Dutzend Arbeiter in blauen Overalls, nummeriert wie Fussballspieler, trampeln die Gangway hoch und turnen auf den Containertürmen an Deck herum. In Millimeterarbeit befestigen sie die Kranhaken an den leeren Ungetümen, dann werden diese über Bord geschwenkt und unten auf Pontons gestapelt.

Mit perfektem Timing tauchen aus der Ferne schwimmende Lagerhäuser auf, legen an. Ihre Wellblechdächer werden aufgeschoben, und schon schweben in gleichmässigem Rhythmus Paletten voller Bananenschachteln zu unserem Schiff hoch und werden tief in die Luken versenkt. Rund um die Uhr dauert die Laderei, nachts mit Flutlicht, während wir Passagiere längst schlafen. Der Frachter ist ein schwimmender Arbeitsplatz, und wir sind die mitfahrenden Faulenzer.

Zwei Wochen zuvor, kurz vor dem Start in Antwerpen: Wir sehen uns erstmals in den Schlafräumen um. Die fünf Kabinen auf dem dritten und vierten Deck sind überraschend geräumig: Schubladenmöbel, Schreibtisch, Spiegelkommode, blaue Polstersessel und auf beiden Seiten der Schrankwand je ein Bett, fünf Kleiderbügel pro Person. Unentbehrlich ist das sturm- und rutschsichere Wandregal für die mitgeschleppten Bücher.

Nostalgische Erwartungen

Chefsteward Ievgenii serviert Getränke, während die sechs Deutschen und zwei Schweizerinnen sich im munteren Gespräch abtasten. Was hat uns veranlasst, den Frachter einem Kreuzfahrtschiff vorzuziehen? Einen Frachter, bei dem man Landgänge nur in Guadeloupe, Martinique und Kolumbien erleben kann? Alle sehnen sich nach jener Langsamkeit, die sie im hektischen Alltag vermissen, sprechen von ihren nostalgischen Erwartungen, hoffen zugleich auf ein exotisches Abenteuer: Wir fühlen uns wie Entdecker vor dem Aufbruch ins Ungewisse. Reisen, um unterwegs zu sein, ist das Ziel. Niemand sorgt für Unterhaltung, wir werden uns selbst und einander ertragen müssen – ein Experiment in Selbsterfahrung.

Herr Schlei fuhr vor fünfzig Jahren zur See, wechselte seiner Frau zuliebe an Land, und jetzt wiederholen die zwei ihre damalige Hochzeitsreise. Die Herren Vogelsang und Reinhard, Mediziner im Ruhestand, erfüllen sich einen Bubentraum ohne Ehefrauen (die hüten daheim die Hunde). Herr Braun absolvierte einst seinen Militärdienst im Maschinenraum eines Frachters und will nun mit seiner Frau eine entspannende Schiffsreise geniessen, während sie Stürme und Seekrankheit befürchtet.

Ievgenii kümmert sich effizient, aber wortkarg um die Passagiere. Die Zurückhaltung entspricht seinem Charakter und wohl auch seinen begrenzten Deutschkenntnissen. Er und alle 25 Mann Besatzung stammen aus der Ukraine, Russland, Moldawien oder dem Baltikum. Sie sprechen untereinander Russisch und so viel Englisch, wie der Schiffsalltag es verlangt. Einzig Kapitän Aleksandrs Oniscenko beweist an der Welcome Party am dritten Abend kurz seine Sprachgewandtheit, als er die Offiziere vorstellt und ein paar Fragen beantwortet. Der Austausch mit den Passagieren gehört nicht zum Programm. Umso sympathischer die Stewards Oleg und Volodymyr. Ihr Lächeln überwindet alle Sprachbarrieren, ob sie staubsaugen oder servieren. Die ukrainische Hausmannskost beschert uns ungewohnte Salatvorspeisen, häufig mit Randen und Rüben, variantenreiche Hackfleischgerichte und täglich Gesprächsstoff. Die Mahlzeiten und der Nachmittagstee sind die Fixpunkte im Schiffsalltag.

In Le Havre legen wir vor der Atlantiküberquerung ein letztes Mal für ein paar Stunden an. Während Autos in den Schiffsbauch rollen, führt uns das Taxi ins mittelalterliche Nachbarstädtchen Honfleur, wo am alten Hafen Restaurant neben Restaurant französische Spezialitäten anbietet. «Was soll ich hier?», beklagt sich Herr Reinhard. Wie wird er zehn Tage Meer überstehen, wenn er sich jetzt schon nervt?

In der Biskaya schaukelt die Horncap auf der langen Dünung und sackt immer wieder in Wellentäler ab. Frau Braun verschwindet in ihrer Kabine, die übrigen Passagiere starren aufs Wasser und wappnen sich für unvermittelte Schlenker. Man spürt körperlich, wie die Zeit vergeht: Langsam, sagt das Gefühl, schnell, weiss das Auge, wenn man Fahrspur und Wellenschneise am Heck verfolgt. Nachts im Bett wird die Schaukelei zum Wiegetakt.

Auf See wechseln Stunden der Ruhe mit nerviger Unrast. Dösen, lesen, essen. Das Schiff vibriert leise zum ständigen Dröhnen der Motoren. Wir freuten uns auf unverplante Zeit und vermissen Beschäftigung. Jetzt, wo wir endlich nichts tun müssen, kämpfen wir gegen Trägheit und Langeweile. Wir hängen im Salon in den Polstern, konzentrieren uns mühsam auf ein Buch oder Kreuzworträtsel. Aufmerksamkeit wird zur Anstrengung. Zwischendurch nickt einer ein oder flieht hinaus an Deck, um sich vor Wind und Regen gleich wieder ins Trockene zu retten.

Die grosse Freiheit ist schwer zu ertragen. Wir lernen die Gleichförmigkeit der Bordtage zu durchbrechen. Jeder findet seine Rituale, seine Ordnung und den persönlichen Stundenplan. Der Blick aufs Meer am frühen Morgen und am Abend, die Gymnastik, der Abstecher zur Brücke fürs Newsbulletin, das Walking entlang der Reling, jede Handlung bekommt ihren Sinn und Platz im Tagesablauf. Am einfachsten haben es die Leseratten, sie greifen alle zwei Tage zu einem neuen Buch. Als die Sonne durchbricht, sind sofort alle Liegestühle belegt, und im Turnus kühlen wir uns im kleinen Pool, samt Crew und Kapitän mit Frau und Töchtern.

Zur Abwechslung beobachten wir fliegende Fische, die meist Herr Braun als Erster entdeckt. Der Blast von Walen bringt Aufregung in die Runde oder ein Vogel, der mitten im Nichts über die Wellenkämme tanzt, und immer wieder die spektakulären Farb- und Stimmungswechsel von Himmel und Wasser.

Heimweh nach dem Dieseldröhnen

Abendliche Highlights sind Ievgeniis Pina Colada in einer ausgehöhlten Ananas oder Schleis goldenes Hochzeitsjubiläum mit fünfzig roten Rosen. Die Gespräche drehen sich um die Qualität von Rademacher oder Warsteiner Bier, die EU, die Teuerung oder Ausländerkriminalität. Persönlicheres wird ausgeklammert.

Nach zehn Tagen stehen wir wieder an Land! Rumschlendern in der Hauptstadt Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe, der lebhafte Gewürzmarkt. Ein Ausflug in den Regenwald bringt überraschenderweise kein Glücksgefühl. Die Hälfte der Passagiere kehrt vorzeitig zurück an Bord. Dies wiederholt sich auf Martinique: Zu zweit durchstreifen wir den Botanischen Garten von Balata, während der Rest der Gruppe lieber in der Stadt und in Hafennähe bleibt. In Cartagena, diesem Juwel spanischer Kolonialarchitektur, warten alle geduldig im Parkcafé, bis es Zeit wird, zum Containerhafen aufzubrechen.

Das Schiffsleben hält uns fest – wir scheinen kaum mehr loszukommen. Vor Moin in Costa Rica warten wir 24 Stunden im Meer auf den Lotsen und einen Platz an der Mole. Moin ist für einige von uns Endstation. In der ersten Nacht an Land suchen wir mühsam den Schlaf – wir vermissen das Geräusch der Schiffsmotoren.

Ein Frachter ist kein Kreuzfahrtschiff, wer als Passagier mitreist, muss sich darauf gefasst machen, während Tagen selbst für Unterhaltung zu sorgen.

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