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Mit Tangoschritten in Richtung Nostalgie

In den seltenen Momenten der Harmonie streift beim Tango manchmal ein Hauch Glück die Seele. In Basel bieten sich dazu viele Möglichkeiten.

Bei Irma Gross gibt es Tangoschuhe in allen Grössen, Formen und Farben. Foto: Kostas Maros
Bei Irma Gross gibt es Tangoschuhe in allen Grössen, Formen und Farben. Foto: Kostas Maros

Eine immer grösser werdende Gruppe von erwachsenen Menschen versucht das Glück durch Tango zu erhaschen. Und dazu bieten sich in Basel viele Möglichkeiten. Denn mit den Tangopionieren Romeo Orsini und Cécile Sidler können Tangotänzer – und solche, die es werden wollen – auf ein engmaschiges Netz von ­Tanzmöglichkeiten und Kursen setzen.

Flüchtig und oft an den Moment geheftet, lässt sich Glück ja nicht erzwingen, ist nicht zu kaufen, nicht zu manipulieren. Doch in den seltenen Momenten der Harmonie, der perfekt aufeinander abgestimmten Bewegungen streift beim Tango manchmal ein Hauch davon die Seele. Doch bis es dazu kommt, liegt ein oft mehr­jähriger Weg mit vielen Holprigkeiten vor dem ­Suchenden.

Eines habe ich im Laufe meines Bemühens um die stimmige Ausdrucksweise gelernt: Um gute Tangoschuhe kommt Frau nicht herum. Zwar gibt es flache Schuhe mit glatter Sohle, auf denen es sich gut drehen lässt, doch diese sind nicht perfekt. Denn das Gewicht liegt beim Tango Argentino auf dem vorderen Teil der Füsse, und da unterstützt ein hoher Absatz die Tanzhaltung der Frau. Ebenfalls fallen die tangotypischen Drehungen auf dem Fussballen dadurch leichter.

Irma Gross hat in ihrem ­Munay-Laden an der Hammerstrasse in Basel handgefertigte Modelle aus Buenos Aires in allen Grössen, Formen und Farben. Auch für Herren ­offeriert sie solche – Klassiker mit Chromledersohle wie auch gewagtere Entwürfe.

Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, doch hat Frau mal mit ihrem hohen Schuh den Frieden gemacht, so entfalten sich seine Vorzüge: Er gibt Halt, lässt schwungvoll drehen und vermittelt Grösse. Das Selbstbewusstsein wächst mit, und man fühlt: Bodenhaftung ist eine Frage der inneren Ruhe. Es ist die Versunkenheit, die Konzentration auf sich selbst, ungeachtet der Blicke der anderen. Es geht um das ­Spielen mit dem Körper, mit den Bewegungen: im Gleichklang mit der Musik, die im Tango so viel bedeutet.

Der Tango Argentino hat in Europa seit Anfang der 80er-Jahre eine erstaunliche Renaissance erlebt. Das ist nicht zuletzt der Musik zu verdanken, diesen Klängen voller Herzschmerz und Melancholie. Und diese dürften mit ein Grund sein, weshalb die Tanzenden manchmal ziemlich humorlos erscheinen.

Die muntere Analyse eines langjährigen Tangotänzers, quasi ein Ordensträger wider den totalitären Ernst, bringt da eine gewisse Leichtigkeit ins Spiel: «Das verbindende ­Element im Tango ist – ich proklamiere das mal als allgemeingültig – Nostalgie», sagt er. Das erklärt er mit hinwendungsvoller, bisweilen auch verklärender Rückschau auf die Vergangenheit. «Nostalgia» bezeichnet im Lateinischen: Heimweh. Beides findet sich im Tango wieder – sowohl die Sehnsucht nach einem früheren Zustand, wie auch der Wunsch nach einer Heimat; aber auch die vorhersehbare, sich endlose wiederholende Enttäuschung. Das ziehe sich wie ein roter Faden durch die grosse ­Mehrheit der Tangotexte.

Tatsächlich: In «La Cumparsita» (spanisch «kleiner Strassenumzug»), einem musikalischen Meisterwerk des uruguayischen Architekturstudenten und Komponisten Gerardo Hernán Matos «Becho» Rodríguez (1897–1948), geht es um eine tragische Begebenheit: Ein Strassenumzug kreist um die Lagerstätte eines Sterbenden, der schluchzend daliegt, denn er ist sich einer grossen Schuld bewusst. Im Winter hat er sein krankes, «heiliges, altes» Mütterchen wegen eines Flittchens im Stich gelassen, und die Mutter ist schliesslich wegen der Kälte gestorben.

Aus Gefühlen der ­Nostalgie heraus lasse sich im Umkehrschluss ableiten, dass sich Tango nie mit der Gegenwart beschäftige, sagt der Szene­kenner. Tango beschäftige sich also nicht mit aktuellen Fragen und Problemen – und er sei auch nie lösungsorientiert. Denn die Hinwendung und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart würden die Nostalgie auflösen und damit dem Tango die wesensbildende Eigenschaft entziehen. Also folgert er: «Tango ist eine erfolgreiche Strategie, um Probleme zu bewahren.» Es sei ein endloses Wünschen und Sichsehnen nach Veränderung eines schmerzvollen Zustands mit der Garantie der Wirkungs­losigkeit, damit Weltschmerz und Selbstmitleid beliebig oft wieder erlebt werden kann, sagt er mit einer erfrischenden Dosis Sarkasmus. Und er schliesst seine Ausführungen in die philosophischen Gefilde des Tangos trocken: «Tango ist Jammern auf hohem ­musikalischem Niveau.»

Sicher lässt sich jedoch der Reiz dieser Tanzart auch eine Spur diplomatischer ausdrücken: «Die Faszination des Tangos liegt im Schulterschluss von Poesie, Musik und Bewegung.»

Schuhe erhältlich im Munay, ­Hammerstrasse 160c, Basel. Tel.: 079 541 95 66. Es wird empfohlen, den Besuch im Voraus anzumelden. www.munay.ch

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