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Instrument der Unterdrückung oder Phallussymbol?

Feministinnen verdammten und Karrierefrauen vergötterten ihn: den Stiletto. Jetzt entdecken junge Mädchen den Schuh mit den Bleistiftabsatz neu – ein schlaues Schuhgeschäft hilft ihnen dabei.

Stiletto-Work-out im Liquid: Hohe Absätze tragen will gelernt sein.
Stiletto-Work-out im Liquid: Hohe Absätze tragen will gelernt sein.
zvg

Der Anblick wäre für Feministinnen der alten Garde ein Gräuel: rund achtzig junge Mädchen, die sich freiwillig in winzige Schuhe mit riesigen Absätzen zwängen – und unter Anleitung versuchen, grazil über die Tanzfläche zu schweben. Ihr Gang ist zuweilen etwas verkrampft und steif, ihre Gesichter sind so ernst und konzentriert, als ob sie gerade eine wichtige Prüfung absolvieren würden.

Max Shoes hat zum Stiletto-Work-out eingeladen. Die PR-Aktion der Vögele-Tochter ist auch im Liquid in Bern – wie zuvor schon in Zürich, St.Gallen und Basel – gelungen: Die Medien sind da, und die Teilnehmerinnen so zahlreich wie erhofft. Dabei ist der Stiletto so ziemlich die unbequemste Option unter den Schuhen mit Absätzen.

Symbol der Unterdrückung

«Rücken strecken, Schultern öffnen – und den Kopf immer schön hoch tragen», ruft Instruktorin Sylvia Stocker in die Menge. Die Mädchen machen brav mit: Bauch rein, Brust raus und Nase hoch. «Und ganz wichtig», mahnt Exmodel Stocker, «immer schön entspannt lächeln – sonst sieht das gar nicht sexy aus.»

Aber hallo, mag der kritische Betrachter denken, wissen diese Mädchen denn nicht, welch üble Fesseln ihre Knöchel zieren? Symbole für die Unterdrückung der Frau, wenn man den Feministinnen der 70er-Jahre glaubt. Stilettos – so sagten sie – zügeln den natürlichen Bewegungsdrang einer jeden Frau, machen sie abhängig von einem stützenden Arm – und lassen sie im entscheidenden Moment wanken. Und dann sind da die ärztlichen Warnungen: verkürzte Achillessehne, deformierte Füsse, chronische Rückenschmerzen und sichtbare Venenleiden – um nur einige zu nennen.

Leiter nach oben

Hammerzehen und Frauenbewegung vermochten den Stiletto jedoch nie wirklich zu brechen. In den 80ern haftete ihm zwar etwas Frivoles an, in den 90ern aber war er bereits wieder positiv besetzt: mit Macht und Autorität. Die ersten Frauen, die damals die Teppichetagen eroberten, machten die High Heels zu ihrem Markenzeichen. Dabei galt: je unbequemer, desto besser. Denn eine echte Führungskraft liess andere für sich gehen. Zudem erhöhen Stilettos im wahrsten Sinne des Wortes – genützt hats aber bekanntlich wenig: Die gläserne Decke konnten die meisten Karrierefrauen nicht durchbrechen, wobei sich so manche wohl den Kopf daran gestossen hat.

Schlag zwischen die Beine

Dabei sind Stilettos durchaus eine geeignete Waffe gegen Machismo. Denn sie treffen die Männer dort, wo sie am schwächsten sind – zwischen den Beinen. Ja, genau. Das kommt daher, dass sich die Körperhaltung mit hohen Absätzen automatisch verändert: Die Brüste fallen nach vorne, der Hintern wird herausgestreckt. So werden die sekundären Geschlechtsmerkmale der Frau deutlich betont, und ihre – zu den Genitalien führenden – Gliedmassen so lang wie Bambis Beine. Die aufgerichtete Ferse, das gedehnte Bein und der gewölbte Fuss versetzen den Unterkörper in eine Spannung, der an den Zustand im Zuge sexueller Erregung erinnert. Und welcher Mann, bitte, kann bei einem solchen Anblick noch klar denken?

Stimuli für die Vulva

Aber nicht nur auf die Betrachter, auch auf die Trägerinnen sollen die schmalen Stelzen eine stimulierende Wirkung haben: «Stöckelschuhe lassen den Hintern doppelt so stark wippen wie flache Absätze und übertragen einen dementsprechend stärkeren Reiz auf die Vulva», schreibt die Feministin Beatrice Faust in ihrem Buch «Women, Sex und Pornography».

Apropos Pornografie: Pornos ohne Stilettos wären wie Bern ohne Bundesplatz – also undenkbar. Man stelle sich mal eine Sexgöttin in Turnschuhen oder eine Domina in Ballerinas vor – unmöglich.

Absatz als Phallus

Ob im Porno oder im Leben: Die Stilettoträgerin ist nicht länger ein passives Opfer. Im Gegenteil: Sie wird Täterin. In der erotischen Literatur für Schuhfetischisten werden Stöckelschuhe oft mit der «phallischen Frau» verknüpft. Sie verfügt über die Macht, ihren unterwürfigen männlichen Partner zu dominieren, ja sogar zu penetrieren.

Neuere feministische Analysen gehen zwar nicht ganz so weit, aber im Vergleich zu ihren Kampfgenossinnen in den 70er–Jahren sehen heutige Feministinnen im Stiletto eher Befreiung als Unterdrückung. Das Tragen von hohen Absätzen sei gerade für jüngere Frauen ein Ausdruck von Rebellion: Auf ironische Weise würden sie die modischen Insignien «böser Mädchen» in ihr Leben integrieren – und so gegen die etablierten Vorstellungen von «netter Weiblichkeit» aufbegehren.

Sturz in die Tiefe

Solche Ambitionen mag man den jungen Mädchen im Liquid nicht wirklich unterstellen. Dafür wirken sie zu brav und ihre Bewegungen zu unsicher. Und o Schreck: In der hinteren Reihe kracht es plötzlich – und eine der Anfängerinnen liegt doch tatsächlich am Boden. Egal. Hier wird schliesslich geübt.

Wie es dereinst aussehen könnte, machen Instruktorin Sylvia Stocker und ihre Kolleginnen vor: Sie hüpfen über die Tanzfläche des Berner Klubs, als ob sie Sneakers tragen würden. Hier ein Spagat auf einem Bein, dort eine Drehung mit wirbelnden Haaren. Die Profis beweisen: Man kann mit diesen Dingern tatsächlich mehr als bloss verkrampft und steif rumstehen.

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