Zum Hauptinhalt springen

Schlafen in Sehenswürdigkeiten

Es nennt sich «Sightsleeping» im Gegensatz oder als Ergänzung zum Sightseeing: das Übernachten in ehrwürdigen Gemäuern.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Amseln ihr morgendliches Konzert angestimmt haben. Aber jetzt werden sie übertönt von einer Reisegesellschaft. Die japanischen Touristen sind schon früh unterwegs, damit sie hinter möglichst viele Sehenswürdigkeiten ein Häkchen machen können. Davon gibt es einige in Bayern; Schloss Neuschwanstein ist Pflicht.

Schloss Pommersfelden, im Nirgendwo zwischen Würzburg, Bamberg und Nürnberg, gehört bestimmt nicht zum Standardprogramm, aber heute hat ein Reisebus in den Morgenstunden schon eine Gruppe Asiaten ausgespuckt, bevor die Gäste des Schlosshotels Pommersfelden das Frühstücksbuffet gesehen haben. Zum Glück hat das grosse Eingangsportal des Schlosses auf der gegenüberliegenden Seite die ausländischen Gäste bald geschluckt, und es geht ruhiger zu.

Auf Bayrisch «Sightsleeping»

Erlebnisse dieser Art gehören dazu, wenn man eine «Sightsleeping»-Reise durch Bayern bucht. «Schlafen in Sehenswürdigkeiten» klang den bayerischen Tourismus-Managern zu sperrig, deswegen haben sie einen englischen Begriff konstruiert. «Den Titel versteht auch ein neureicher russischer Millionär – davon gehen wir zumindest aus», so Ideengeber Martin Spantig.

Er hat eine Jury aus Tourismus-Experten und Wissenschaftlern zusammengestellt, die auswählt, wer beim Projekt mitmachen darf. Momentan umfasst der Katalog 20 Hotels. «Es reicht nicht, gülden und teuer zu sein. Sie müssen schon mehr bieten.» Entscheidend ist der Sightseeing-Faktor. «Die Gäste übernachten dort, wo die Japaner kurz mit dem Bus vorfahren, knipsen und wieder abziehen.»

Während unsere Reisegruppe zum Frühstück trabt, tuckert der Japaner-Bus davon. Ohnehin hat sich für die Asiaten niemand interessiert; zwischen Kaffee, Brötchen und Croissants gibt es nur ein Thema: den Blick auf einen der bedeutendsten Barockbauten Süddeutschlands.

Erbauer Lothar Franz von Schönborn hat Schloss Pommersfelden im beginnenden 18. Jahrhundert so viele Fenster und Figuren, Bögen und Erker, Türmchen und Portale spendiert, dass die fünf Minuten am Morgen nicht einmal reichen, um einen Seitenflügel des Baus optisch zu verarbeiten.

Und auch nach dem Frühstück bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, schliesslich wollen wir ja weitere Hotels besuchen, die sich als Sehenswürdigkeit rühmen. Was liegt näher als ein Abstecher nach Rothenburg ob der Tauber. Eine Kleinstadt, ein riesiges Openair-Museum. Eine Bühne, auf der die Einwohner Tag für Tag nur ein Stück aufführen: Mittelalter.

Besterhaltene Altstadt

Rothenburg ist stolz auf seine Altstadt – die am besten erhaltene in Deutschland. In den verschachtelten Gässchen, auf kleinen Plätzen und vor den Fachwerkhäusern werden immer wieder Filme gedreht, weil niemand so eine perfekte Kulisse nachbauen kann. Die Stadtmauer schlängelt sich um die kleinen Häuschen, und wer ihr folgt, steht alsbald vor dem Burg-Hotel. Die kleine denkmalgeschützte Herberge lehnt an dem alten Gemäuer, damit sie nicht hinabstürzt in das bezaubernde Taubertal, das sich direkt vor den Toren Rothenburgs durch die Landschaft zieht. Wer hier ein Zimmer bezieht, muss sich morgens auf einen atemberaubenden Blick über die braun-roten Dächlein der Stadt gefasst machen.

Auch hier sind überall japanische Gäste unterwegs. Und die knipsen selbst im Hochsommer die Krippen- und Weihnachtsfiguren, die es in Rothenburg ganzjährig zu kaufen gibt. Ein japanisches Paar steht am Morgen vor der Rezeption, es hat sich anziehen lassen von der offenen Tür des Hotels. Es gibt Sprachprobleme. Offensichtlich hatten die beiden ein Museum vermutet. Sie machen ein Foto vom Rezeptionisten und gehen.

Auch unsere Gruppe kehrt dem Burghotel den Rücken. Nächste Station: wieder ein Burghotel, diesmal in Wernberg. Mit dem Auto kann hier niemand vorfahren, die alte Zugbrücke aus dem 12. Jahrhundert existiert zwar nicht mehr, aber auch die jetzige Holzbrücke ist allenfalls für ein oder zwei PS geeignet.

Und so nähern sich die Gäste zu Fuss auf Pflastersteinen dem kleinen Burghof, der ein ruhiges Flair verbreitet, weil hier nichts überdimensioniert ist und das alte ockerfarbene Gemäuer ein warmes Licht zurückwirft.

Die Burg ist das Aushängeschild der Sightsleeping-Hotels und taucht auch im Katalog als erste auf. In der Broschüre sind aber auch Herbergen gelistet, die nicht mit mittelalterlicher Vergangenheit prahlen können. Design-Hotels, Wein-Hotels, Feng-Shui-Hotels, jedes ein touristischer Anziehungspunkt.

«Es sind auch welche dabei, in denen teure Gemälde hängen. Dafür dürfen wir gar nicht so viel Werbung machen, sonst locken wir die falsche Kundschaft an», sagt Ideengeber Martin Spantig.

Hotel mit Madonna

Ins Hotel Burg Wernberg kommen auch viele für einen kurzen Stopp. Sie fotografieren die seltene schwarze Madonna in der Kapelle St. Georg, die zum Hotel gehört. Japaner sind keine da. Heute macht eine Pilgergruppe aus Stuttgart Station. Die Mitglieder beten und singen. Dann steigen sie in den Bus und fahren weiter. Abends ist der Trubel vorbei. Jetzt hat die Madonna Zeit für die Hotelgäste.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch