Jeden Tag ein neues Delfin-Abenteuer

Arbeiten in den Ferien, und das erst noch gratis? Bei einem Freiwilligeneinsatz in Australien sind die Begegnungen mit den Delfinen mehr als Lohn genug.

Langsam kommt sie hoch, diese verflixte Übelkeit. Die unschuldigen Wellen am Strand verwandeln sich hier, rund einen Kilometer weit draussen vor der westaustralischen Küste, in regelrechte Türme und lassen unser Boot schaukeln. Die 22 Gäste an Bord werden immer bleicher. Gekommen sind sie, um wilde Delfine zu sehen und mit ihnen in der Koombana-Bay vor Bunbury zu schwimmen.

Ich versuche mir einzureden, es sei der Hunger und kaue an einem Schokoladenkeks, während ein Jugendlicher seinen Mageninhalt dem Meer übergibt. Die von mir angebotene Wasserflasche nimmt er dankbar entgegen. Bewundernd betrachtet der Junge mein rotes T-Shirt. «Volunteer» steht in blauen, grossen Lettern auf dem Rücken. «Ist dir denn nicht schlecht?», will er wissen. Ich lüge ein bisschen. «Nein. Und jetzt suchen wir Delfine, damit du mit ihnen schwimmen kannst.» Er lächelt tapfer.

Begleitet wird die Tour von einem erfahrenen Meeresbiologen und einem Dreierteam von Freiwilligen. Als Volunteer zu arbeiten ist eine attraktive Möglichkeit, aus dem von Leistung und Stress geprägten Arbeitsalltag zu entfliehen.

Unser Boot ist auf eine Schule mit rund zehn Tieren getroffen. Sie halten jedoch Distanz zum Boot. «Lasst uns aber trotzdem ins Wasser gehen. Vielleicht wecken wir ihre Neugierde, und sie kommen rüber», sagt Phil, der Meeresbiologe. Die Touristen ziehen Flossen und Taucherbrillen an und gleiten, gemeinsam mit zwei Volontären, ins Wasser. Ich bleibe an Bord und behalte von hier aus alles im Auge. Tatsächlich, die Tiere kommen näher. Einige Zweibeiner hätten es gerne noch näher gehabt, doch die Delfine tun ihnen den Gefallen heute nicht.

So helfe ich den leicht enttäuschten Leuten wieder an Bord, sortiere Flossen und Brillen, reiche Wasserflaschen und verteile Muffins. Immer wieder treffen wir auf der gut zweieinhalb Stunden dauernden Tour auf Delfine. Mit einem richtigen «Schwumm» wird es heute leider nichts. Wilde Tiere lassen sich eben nicht auf Kommando abrufen.

Auf der Rückfahrt setze ich mich zum jungen Burschen, seine Wangen leuchten rot, er grinst. «Es geht mir wieder gut.»

Aufpassen, putzen, Auskunft geben

Als Volunteer arbeitet man, wie der Name schon sagt, freiwillig und ohne Lohn. Der Vorteil: Dafür ist kein offizielles Arbeitsvisum nötig, alle können mitmachen, ob Rucksacktourist oder einheimischer Senior (siehe Box).

Es gibt in ganz Australien eine Vielzahl entsprechender Projekte im Umgang mit Flora und Fauna. Eines davon im Bunbury’s Dolphin Discovery Centre (DDC). Dessen Geschichte hat Mitte der 60er-Jahre mit Evelyn Smith angefangen. Die betagte Dame fütterte von einem Bootssteg aus Delfine, was schon bald einmal eine wachsende Zahl von Zuschauern und Besuchern anlockte. 1989 gründete ein Team von Meeresbiologen die Bunbury Dolphin Trust, fünf Jahre später entstand das DDC.

Wer sich für einen Einsatz als Volontär interessiert, muss lediglich genügend Englischkenntnisse und eine gesunde Portion Selbstvertrauen mit nach Down Under bringen. Und ob man seetüchtig ist, stellt sich spätestens bei der ersten Schwimm-Tour heraus.

Morgendliche Sitzung am Strand

Der Arbeitstag beginnt im Sommer, wenn die meisten Volontäre da sind, um 7.30 Uhr mit einer Sitzung am Strand. Es werden Gruppen gebildet, die abwechselnd das Besucherzentrum mit der Ausstellung betreuen oder den Strand. Zwischendurch gilt es auch, kleine Aufräum- und Reinigungsjobs zu erledigen. Und für einen gemütlichen Schwatz zwischendurch bleibt immer Zeit.

Als Volontärin trifft man nicht nur auf faszinierende Meeressäuger, sondern knüpft auch mit Freiwilligen aus aller Welt Kontakte. Die 20-jährige Louise aus Dänemark will einfach «mit den Delfinen schwimmen und sie füttern», wie auch die drei jungen Kolleginnen aus Japan. Helmuts Ziele sind weniger hochgesteckt. Der 50-jährige Schweizer will «primär über sich nachdenken und einfach mal Pause machen.» Kontakte mit den Einheimischen knüpfen ist mein Ziel als vor kurzem aus der Schweiz Zugewanderte.

Bevor man auf Touristen und Meeressäuger losgelassen wird, gibt es einiges zu lernen, der Einführungskurs dauert drei halbe Tage. Rob, Australier und langjähriger Volontär, erzählt uns, dass ein Delfin bis 90 ziemlich scharfe Zähne hat oder dass die rund 200 sogenannten Tümmler, die in der Bucht vor Bunbury leben, bis 3 Meter lang werden können. Schliesslich müssen wir den Besuchern lückenlos Auskunft geben können.

Das rote T-Shirt will verdient sein

In Rollenspielen am Strand lernen wir, wie wir mit Touristen umgehen sollen, beispielsweise wie man sie davon abhält, einem Delfin mit der Kamera zu nahe zu kommen. Auch gilt es, die Delfinbesuche für die Meeresbiologen richtig zu erfassen. Welche Rückenflosse gehört zu welchem Delfin? Absolute Highlights sind dafür die Begleitung der Schwimmtouren und das Füttern der wilden Delfine, die den Strand regelmässig besuchen. Auch das will gelernt sein, gilt es doch, dem Delfin die Fische nicht einfach in die Schnauze zu werfen, die Tiere sollen die Fische im Wasser suchen und finden. Zu guter Letzt bekommen wir unsere roten T-Shirts und werden offiziell zum Volunteer ernannt.

Die 50-jährige Barbara aus Deutschland drückt gelangweilt auf den Knopf des DVD-Gerätes im Besucherzentrum und zeigt Gruppen von Touristen alle dreissig Minuten Kurzfilme über Delfine. Ich ordne Broschüren an der Eintrittskasse und beschreibe zum x-ten Mal den Weg zur Toilette, als das Funkgerät knattert. «Delfine! Levy und Eclipse sind da.»

Levy und ihr Kalb schauen vorbei

Im Nu leeren sich Veranda, Ausstellungsraum und die Kaffeetische, alle laufen zum Strand. Tatsächlich, die grauen Rückenflossen, die wir dort im Wasser sehen, gehören Bunburys bekanntester Delfindame und ihrem Kalb.

Leise gleiten die grauen Tiere vor den im knietiefen Wasser stehenden Menschen durch und beäugen sie. Die mit den roten T-Shirts sind für die Tiere besonders interessant. Haben diese doch mit Sicherheit ein paar Fische parat. Eriko aus Japan ist heute mit Füttern dran. Unauffällig lässt die Volontärin zwei Heringe ins Wasser gleiten. Blitzschnell sind die Delfine an ihrer Seite, die silbernen Fischleiber sind in Bruchteilen von Sekunden verschwunden. Der Besuch dauert nur ein paar Minuten. «Wann kommen sie wieder?» Ich blicke in ein Paar blaue Kinderaugen. «Ich weiss es nicht», muss ich das kleine Mädchen enttäuschen. Scheu nimmt sie meine Hand, «Der Delfin hat mir sehr gefallen». Momente wie dieser entschädigen den Einsatz als Volontärin, das frühe Aufstehen, das «Fötzele» am Strand oder die Übelkeit auf dem Tourboot mehr als genügend.

Tages-Anzeiger

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