Die ersten Schweizer Bergfotos

«Photographische Seiltänzereien»: Im Schweizerischen Alpinen Museum in Bern wird zurzeit gezeigt, wie der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf Jules Beck die Berge sah.

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Es gab noch keine handlichen Digitalkameras, die im Hosensack Platz hatten. Wer fotografieren wollte, konnte nicht einfach knipsen. Er musste auch ein Tüftler sein. Ein Pionier. Und einiges auf sich nehmen, wenn er die Fotoausrüstung, die aus einem halben Labor bestand, dorthin mitschleppen wollte, wo er seine Sujets suchte. Vor allem dann, wenn diese Sujets dort waren, wo selbst Postkutschen oder Maultiere nicht mehr hinkamen – im Hochgebirge.

Pionier der Trockenplattentechnik

Beim 1824 in Biel geborenen Jules Beck, einem Kaufmann und abenteuerlustigen Liebhaber der Fotografie, war ebendies der Fall. Zwischen 1866 und 1890 unternahm er rund hundert grössere Bergtouren, von denen er 1200 Fotografien zurückbrachte – einen phänomenalen Bilderschatz, der in den Archiven des Schweizerischen Alpinen Museums ein Jahrhundert lang gut gelagert worden ist und mit der Ausstellung «Photographische Seiltänzereien» endlich gebührend gewürdigt wird.

Denn immerhin: Jules Beck (1824–1904), der in Bern das Gymnasium besucht hatte und später die Mercerie seiner Mutter in Strassburg führte, darf als erster Schweizer Hochgebirgsfotograf bezeichnet werden – und als Pionier der neuen mobilen Trockenplattentechnik. Diese ermöglichte es ihm, die Berge nicht nur aus der Ferne zu fotografieren, sondern quasi von oben herab und aus ihrem spektakulären Innern heraus für andere sichtbar und erlebbar zu machen. «Für die interessantesten Aussichten, Ausblicke und Momente», sagte er, «muss man über 3000 Meter hinauf kommen. Ein geheimnisvoller Nimbus umgibt diese Regionen.»

Schon 1867 auf der Dufourspitze

Die Bergführer, ohne die er dieser geheimnisvollen Bergwelt nie so faszinierend nahe gekommen wäre, würdigte er damals so: «Sie nahmen öfters den auf dem Stativ aufgerichteten Apparat wie eine Heugabel auf die Schulter und schleppten ihn an die besten Plätze.» Im Alpinen Museum kann man nun mitklettern und mitstaunen. Und da Beck sich seinerzeit als Mitglied der SAC-Sektion Bern in zahlreichen Vorträgen zu seiner Arbeit und seiner Liebe zu den Bergen geäussert hatte, wird er in der Ausstellung nun auch als Mensch fassbar. Als einer, der bei seiner fotografischen Arbeit eigentlich «lieber die reine Gletscherluft und den Spaziergang auf hohe Bergzinnen» wählte als «das Tüfteln an Emulsionen», wie er sagte.

Ohne dieses pionierhafte Tüfteln an Emulsionen und fotografischen Techniken hätte Beck seine «Spaziergänge» allerdings nicht auf jene noch immer recht unhandlichen Trockenplatten bannen können, die ihm die Führer auf die höchsten Berggipfel schleppten. Schon 1867, ein Jahr nach seiner ersten dokumentierten Hochgebirgsexkursion aufs Wetterhorn, fotografierte er auf dem Gipfel der 4634 Meter hohen Dufourspitze, des höchsten Berges der Schweiz – und brachte so «als einer der ersten Fotopioniere Bilder vom Hochgebirge ins Unterland», wie der Foto- und Kunsthistoriker Markus Schürpf sagt.

Für Schürpf, der die Ausstellung zusammen mit Museumsdirektor Urs Kneubühl gestaltet hat, ist Beck der erste Fotograf, der nicht bloss Bergfotos, sondern Bergsteigerfotos machte: «Er ist der Erste, der uns mitten in die Bergwelt mitnahm, der Emotionen in die Bergfotografie brachte. Und der die Berge auch in ihrer Materialität abbildete – vom tiefsten Schwarz bis zum feinsten Weiss.»

Völlig neue Art der Bergfotografie

Doch wer war Jules Beck, dessen fotografischer Nachlass – 1200 Glasplatten und 1700 Bergbilder anderer Fotografen – 1904, ein Jahr vor dessen Eröffnung, in den Besitz des Alpinen Museums kam und danach einigermassen in Vergessenheit geriet? Für Urs Kneubühl ist Beck in dieser Ausstellung (seiner letzten vor der Pensionierung) «eine Entdeckung» – das Schweizerische Alpine Museum schliesse damit «mehr als hundert Jahre später eine kulturgeschichtlich sehr empfindliche Lücke in der Schweizer Bergfotogeschichte».

Zur faszinierenden Entdeckungsreise wird die Ausstellung nun auch für die Museumsbesucherinnen und -besucher. Sie beginnt 1866 in Strassburg und führt mit dem Zug, dem Dampfschiff und der Postkutsche nach Grindelwald, von wo aus Beck seine erste abenteuerliche Fototour aufs Wetterhorn unternahm.

Beck wird dabei, dank geschickter akustischer und visueller Umsetzung seiner einstigen Vorträge, nun selber zum Bergführer. Und es macht Spass, ihm zu folgen. Wenn er witzig und auch selbstironisch beispielsweise beklagt, das schlechte Wetter habe ihm halt wieder einen Streich gespielt und ihm die Sujets, die er auf seinen neuartigen Negativ-Trockenplatten oft minutenlang belichten müsse, vernebelt oder verwackelt. Beck gilt auch als Wegbereiter dieser völlig neuen Art der Bergfotografie.

Eindrückliches Ausstellungserlebnis

Er verabschiedete sich pionierhaft von den aufwendigen nassen Kollodiumplatten, die eine Ausrüstung von mindestens 250 Kilogramm erforderten, und verwendete Tannin-Trockenplatten, die das Gepäck auf 14 Kilogramm reduzierten. Die Mobilität, die er dadurch gewann, wog den Nachteil der zehnmal längeren Belichtungszeiten auf.

Die Originalfotoabzüge von Beck sind nun durch spektakuläre Originalnegativ-Glasplatten ergänzt worden. Diese vermitteln ein eindrückliches Ausstellungserlebnis. Schürpf: «Es handelt sich dabei um den einzigen noch existierenden Bestand an Trockenplatten aus der Frühzeit der Bergfotografie.»

«Nicht mit Berggeistern spassen»

Spannend sind auch die in der Ausstellung präsentierten Vergleichsaufnahmen zu Becks Fotos und die Highlights aus Becks grosser Fotosammlung. Eine Trouvaille ist schliesslich Becks Prachtalbum mit Bergaufnahmen, die er 1889 an der Weltausstellung in Paris präsentieren konnte. Und pfiffig sind die Dohle Klara und das Dreibein Gustave – zwei Cartoons, die auch ein jüngeres Publikum auf spleenig-originelle Art durch die Ausstellung führen.

«Photographische Seiltänzereien» ist also ein sinnlich-nostalgisches Bergerlebnis für Jung und Alt. Doch Vorsicht – irgendwo warnt Beck: «Mit den Berggeistern ist nie und nirgends zu spassen.» Wenn man seine Bilder betrachtet, scheint es allerdings, sie seien ihm, dem mutigen, begnadeten und leider ein bisschen vergessenen Hochgebirgsfotografen, ganz gut gesinnt gewesen.

«Photographische Seiltänzereien», Schweizerisches Alpines Museum, Helvetiaplatz 4, 3005 Bern. 22. Oktober 2010 bis 25. September 2011. Informationen auf www.alpinesmuseum.ch

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