Nackter Bauch und Sonnenbrand

Im Sommer lassen viele die Hüllen fallen. So mancher neigt dann dazu, modisch zu entgleisen.

Hauptsache nicht zu heiss: Während der heissen Jahreszeit tritt die Optik gerne mal in den Hintergrund.

Hauptsache nicht zu heiss: Während der heissen Jahreszeit tritt die Optik gerne mal in den Hintergrund.

(Bild: Thomas Egli)

Andreas Schwander

Der Sommer bringt es gnadenlos an den Tag: Kleidung ist auch eine ­Charakterfrage. In Zeiten, in denen sich jeder vor Bodyshaming im ­Internet fürchten muss, kann das nur eines heissen: Es gibt keine hässlichen Köper, nur hässliche Kleidung. Da kann man tatsächlich sehr weit ­daneben liegen. Und dieses Schicksal trifft vor allem Männer.

Nicht von ungefähr sehen Männer am besten aus, wenn sie sich in Schale werfen. Die Schale wurde speziell für sie erfunden, damit sie ihnen äusseren Halt gibt, eine einheitliche Form, in der sie stehen können, selbst wenn das Rückgrat für etwas mehr Individualität fehlt. Anzüge sehen schon im Laden so aus wie Männer, denen lediglich der Kopf fehlt zum oben Herausschauen. So weit reicht die Vorstellungskraft gerade noch, weiter allerdings nicht. Schon beim Poschettli hört die textile Imaginationsfähigkeit der Männerwelt in der Regel auf.

Bei Frauen ist das ziemlich anders. Sie können anhand völlig unförmig am Ständer hängenden Stofffetzen alle möglichen Bilder vor ihrem geistigen Auge heraufbeschwören – wie sie darin aussehen, wie die beste Freundin darin aussieht, ob es dem Mann oder dem Freund gefällt, was die Kolleginnen auf der Arbeit darüber sagen werden, ob es zu den Augen, zum Lippenstift oder zu den gerade ­gekauften Schuhen passt.

Das erklärt, weshalb Männer so oft entgleisen, wenn sie sich textiltechnisch auch nur eine Spur ausserhalb der stützenden und schützenden Hülle der Schale bewegen. Das ­müssen nicht einmal bleiche Stachelbeerbeine und T-Shirts mit peinlichen Statements sein. Es sind auch Trag­formen an sich normaler Kleider. In China sehen sich die Behörden daher mittlerweile sogar genötigt, gegen den sogenannten Beijing-­Bikini vorzu­gehen. Dabei rollen die Herren der Schöpfung das T-Shirt bis über den Bauchansatz hoch, um der goldenen Mitte etwas Luft und Sonnenbrand zu verschaffen. Optisch ist es meist das Gegenteil von vorteilhaft.

Wenn die Schale mal gerade nicht passt oder in der Reinigung ist oder das Wetter dafür zu heiss ist, sind eingefleischte Schalentiere deshalb mit langen Hosen, einem Poloshirt und geschlossenen Schuhen am besten beraten. Für alles andere gilt: Dies ist ein Kleidungsstück. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Frau, Ihre Freundin, einen schwulen Freund oder eine Kleiderverkäuferin. Die wissen Bescheid.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt