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Hochrisikozone Büro

Unter anderem zeigt das Arbeitsgesetz, in welchem Abstand Stift, Locher oder Bostitch zueinander zu liegen haben. Zudem verbannte das Gesetz den Laser-Pointer vom Bürotisch.

Das Arbeitsgesetz soll einem zeigen, wie die Büroutensilien auf dem Tisch zu liegen haben. (Symbolbild)
Das Arbeitsgesetz soll einem zeigen, wie die Büroutensilien auf dem Tisch zu liegen haben. (Symbolbild)
Keystone

Nur mal so unter uns: Kennen Sie die Grenzen Ihres persönlichen Greifraums? Keine Sorge, das ist jetzt keine unanständige Frage, sondern betrifft lediglich die Ordnung auf Ihrem Bürotisch. Diese ist nämlich, wie fast alles in der Schweiz, streng gesetzlich geregelt. Die Ausführungsbestimmungen zum Arbeitsgesetz zeigen, wo sich Locher, Stift oder Bostitch zu befinden haben. Häufig benutzte Arbeitsgeräte müssen direkt vor dem Körper liegen, während «Geräte für kurzzeitige Arbeiten» 40 cm und selten genutzte Instrumente 60 cm entfernt sein dürfen.

Die wissenschaftlichen Grundlagen der Bürotischregulierung beschreiben millimetergenau das eigentliche Arbeitszentrum, die «erweiterte Einhandzone» sowie den «inneren und äusseren Greifraum». Alles muss seine Ordnung haben, damit die sogenannte «zwanglose Körperhaltung» gewährleistet ist.

Die Grundlagen der Bürotischregulierung beschreiben das eigentliche Arbeitszentrum millimetergenau.

Zur guten Ordnung in der Bürowelt gehört auch ein ausgeklügeltes Verkehrsregime, das einige Parallelen zum Strassenverkehr aufweist. So wird in der Wegleitung zum Arbeitsgesetz zum Beispiel zwischen Haupt- und Nebenverkehrswegen unterschieden. Je nach Verkehrsaufkommen (mehr oder weniger als 6 Personen) müssen die Wege 80 oder 120 cm breit sein. Immerhin: Der Ruf nach Fussverkehrsregeln ist bisher ausgeblieben, obschon es an Gründen dafür nicht fehlen würde. Die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit rechnet nämlich vor, dass 19 Prozent der Bürounfälle durch «Zusammenstossen mit Personen» verursacht werden. Da dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis der Rechtsvortritt im Grossraumbüro kommt.

Fun Fact am Rande: Der Büro-Unfallstatistik ist auch zu entnehmen, dass die Gefahr des Ertrinkens am Arbeitsplatz bei 0,0 Prozent liegt. Das beruhigt ungemein.

Nicht einmal in die Unfallstatistik geschafft haben es Augenverletzungen. Dies hinderte den Gesetzgeber aber nicht daran, einen Gefahrenherd aus der Bürozone zu verbannen: den allseits beliebten «Presenter». Er hilft den Referenten, die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft mit einem kleinen roten Punkt durch die Folienschlacht zu lenken.

Damit ist nun aber Schluss. Denn was für 99,9 Prozent der Büroangestellten einfach ein praktisches Ding war, ist seit vergangenem Sommer eine verbotene «Lasereinrichtung, die mit der Hand geführt werden kann und die für Zeige- und Vergnügungs- sowie Abwehr- und Vergrämungszwecke Laserstrahlung ausstrahlt». Hintergrund: Die gängigen Büro-Pointer waren mit Lasern der Kategorie 2 bestückt, die neu unter das «Gesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch nichtionisierende Strahlung und Schall» fallen. Der Unterstellung unter das Waffengesetz ist der Pointer übrigens nur knapp entgangen.

Der Unterstellung unter das Waffengesetz ist der Pointer übrigens nur knapp entgangen.

Selbstverständlich ist an dieser Stelle zu anerkennen, dass es auch gefährliche Laser-Pointer gibt, die für Blendattacken verwendet werden und deshalb verboten gehören. Eine Regulierung mit Augenmass hätte diese Geräte aber aus dem Verkehr gezogen, ohne auch gleich die beliebten Präsentationshilfen wegzuregulieren. Gut gemeint ist halt oftmals doch nur das Gegenteil von gut.

Der staatliche Regulierungs- und Empfehlungswahn macht auch vor den in diesen Tagen anstehenden Jahresend-Apéros nicht halt. Auch dazu gibt es nämlich – wen wunderts – detaillierte Vorgaben. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt in seinen Apéro-Empfehlungen, dass mindestens zwei Drittel des Buffets aus vegetarischen Produkten bestehen soll und das Vegetarische «an erster Stelle zu platzieren» sei. Dass der gesamte Apéro ausschliesslich biologisch, regional und zertifiziert sein und auf Mehrweggeschirr serviert werden muss, versteht sich von selbst.

Das Apéro-Regulativ verrät aber auch noch einen ultimativen Bonustipp, auf den man in der über 100-jährigen Geschichte des gepflegten Büro-Apéros sehnlichst gewartet hat: Man soll Übriggebliebenes einfach «für spätere Pausen bereitstellen». Wie genial ist das denn! Die Wirtschaft dankt den Apéro-Experten des Bundes für diese bahnbrechende Verhaltensanweisung.

Zugegeben: Es gibt Schlimmeres, als sich über die Vermessung des Greifraums, das Verbot von Zeigehilfen oder die Platzierungsanweisung für Büro-Apéros aufzuregen. Die genannten Beispiele stehen aber sinnbildlich für die zunehmende Tendenz zur entmündigenden Regulierung von Selbstverständlichkeiten. Die aus liberaler Sicht mantramässig vorgebrachte Kritik an der grassierenden Überregulierung zielt genau auf solche Fälle. Sie illustrieren die ernsthaften Bedenken gegenüber einem in Politik und Verwaltung verbreiteten Menschenbild, das den Bürgerinnen und Bürgern jeden gesunden Menschenverstand abspricht.

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