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«Wo bist du?»

Ich mit mir, ich mit dir, du mit dir, wir mit uns, wir mit ihnen.

«Wo bist du?», «Was hast du aus deinem Leben, dem Wertvollsten, das wir haben, im vergangenen Jahr gemacht?» oder «Wohin gehst du?».
«Wo bist du?», «Was hast du aus deinem Leben, dem Wertvollsten, das wir haben, im vergangenen Jahr gemacht?» oder «Wohin gehst du?».
Keystone

Kürzlich unterhielt ich mich gut gelaunt mit einem Oberarzt und dozierte, es sei gut für das Berufsleben, «bei sich zu bleiben». Trocken fragte er mich, da ich dies schon mal gesagt hätte, wie ich dies meinte. Ich überlegte und antwortete, dass jeder eine spezielle Gabe habe und nicht den übermässigen Erwartungen anderer nachrennen solle.

Dabei erinnerte ich mich an einen Arzt, der mir vor Jahren mit düsterem Gesicht von seinen Plänen über eine akademische Karriere berichtete und wenig später strahlend eine erfolgreiche Patientenbetreuung schilderte. Ich konnte sein Verhalten erst später einordnen, als er mir über die Erwartungen seiner Eltern erzählte, die auf eine akademische Karriere hofften.

An den soeben begangenen höchsten jüdischen Feiertagen Rosh Hashana (Neujahr; wörtlich: Kopf des Jahres) und Jom Kippur (Tag der Versöhnung; wörtlich: Entsühnung) war ich in der Basler Synagoge. Die zwei Feiertage bilden einen Zyklus. An Rosh Hashana wird ein Denkprozess eingeleitet – jeder von uns soll sich Fragen stellen: «Wo bist du?», «Was hast du aus deinem Leben, dem Wertvollsten, das wir haben, im vergangenen Jahr gemacht?», «Wohin gehst du?» oder «Hast du deine besonderen Fähigkeiten weiterentwickelt?» Diese Fragen stellen sich nicht nur jedem Individuum, sondern auch uns als Gemeinschaft: «Haben wir als Gemeinschaft genug und das Richtige getan?» An Jom Kippur schliesst sich der Zyklus mit der Versöhnung.

Für mich ist dies wie eine «Versöhnungsdeklination»: Ich mit mir, ich mit dir, du mit dir, wir mit uns, wir mit ihnen, usw. Das klingt abstrakt – ist es aber überhaupt nicht. Sowohl die Fragen als auch die Antworten beziehen sich auf konkrete Situationen aus dem Alltag. Der erste Schritt ist die Selbsterkenntnis, Fehler gemacht zu haben. Der zweite Schritt ist, Fehler gegenüber dem Menschen zuzugeben, dem gegenüber wir uns falsch verhalten haben.

An Jom Kippur wird die berühmte Geschichte des Propheten Jona erzählt, der den göttlichen Auftrag hatte, nach Ninive zu gehen und den Bewohnern ob ihrer Bosheit ein Strafgericht Gottes, die Zerstörung der Stadt, zu verkünden. Die Einwohner der Stadt Ninive besserten sich und Gott sah von einer Strafe ab. Jona wusste, dass Gott gnädig und barmherzig ist und er das Gericht über die Stadt letztlich nicht vollstrecken wird. Aber Jonas Freudlosigkeit blieb dennoch, sogar als die Bewohner ein rechtschaffenes Leben führten.

Nörgler und Bedenkenträger

Heute würden wir Jona als Kritikaster und Bedenkenträger bezeichnen. Wie häufig denken auch wir: «Die Person wird sich nie ändern», «Sie wird es nie lernen» oder «Sie wird mich irgendwann wieder enttäuschen.» Dazu passt die «self fulfilling prophecy», die selbsterfüllende Prophezeiung. Nörgler und Bedenkenträger bekommen demnach, was auch geschehe, immer recht. Sogar dann, wenn sich der Mensch, wie die Bewohner von Ninive, bessert? «Nun – warten wir es ab», werden diese Nörgler sagen und beim kleinsten Fehler, auch wenn dieser erst nach Jahren und viel Gutem geschieht, prophetisch verkünden: «Seht ihr! Ich habe es immer gesagt.» Wie schrieb James B. Cabell, amerikanischer Schriftsteller (1879–1958): «Der Optimist erklärt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, und der Pessimist fürchtet, dass dies wahr ist.»

An Rosh Hashana und Jom Kippur wird von jedem von uns verlangt, dass wir in uns gehen, Fehler er- und bekennen, Reue anerkennen und eine positivere Haltung einnehmen. In der griechischen Mythologie wälzt Sisyphos einen Felsblock einen Berg hinauf, weil er für seinen Frevel bestraft wurde. Fast am Gipfel rollt der Felsblock wieder ins Tal. Jeder wälzt wie Sisyphos etwas mit sich. Aber entgegen der griechischen Mythologie gibt es eine echte Chance auf eine Richtungsänderung und eine Überwindung des Problemberges.

«Bei sich sein, was meinst du damit?» Wahrscheinlich ist die bessere Antwort eine Frage: «Wo bin ich?» «Wohin gehe ich?»

Manuel Battegay ist Professor für Infektiologie und Innere Medizin und als Chefarzt der Klinik Infektiologie & Spitalhygiene am Universitätsspital Basel tätig. Er schreibt diese Kolumnen als Privatperson. Ich danke Rabbiner Moshe Baumel für die anregenden Predigten.

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