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Wir sehen uns in Berlin!

Jüdische Neuberliner werben dafür, angesichts der hohen Kosten in Israel in die deutsche Hauptstadt umzuziehen. Dass ausgerechnet Berlin Zufluchtsort für Juden sein soll, verstört in Israel viele.

Ruft zum Umzug nach Berlin auf: Die Facebookgruppe «Olim LeBerlin». (Screenshot: Facebook)
Ruft zum Umzug nach Berlin auf: Die Facebookgruppe «Olim LeBerlin». (Screenshot: Facebook)

Ein Schokoladenpudding mit Sahnehaube steht derzeit im Mittelpunkt der politischen Debatten in Israel: In einer Berliner Aldifiliale kostet er viermal weniger als im günstigsten Discounterladen von Tel Aviv oder Jerusalem. Darauf verweist die Facebookgruppe «Olim LeBerlin», die anbietet, «beim Ausfüllen von Formularen zu helfen, damit ihr den unerträglichen Kosten für die Grundversorgung in Israel entrinnen könnt.»

Schon die Namensgebung «Aufsteiger nach Berlin» provoziert in Israel gewaltig. Das Land ist vor dem Hintergrund des Holocaust bemüht, möglichst viele Juden aus aller Welt zur Einwanderung zu bewegen. Als Alija (Aufstieg) wird deshalb die Zuwanderung bezeichnet. Auswanderer sind dagegen «Absteiger». Und eine Emigration ausgerechnet in die Stadt, in der der Völkermord an den Juden organisiert wurde, finden viele unerträglich.

Kostet in Berlin viermal weniger: Der Schokoladenpudding mit Sahnehaube von Aldi. (Bild: Olim Le Berlin/Facebook)

Die Macher der Facebookseite halten dagegen, natürlich würden sie gerne in Israel leben, «was nur noch den Reichen und ihren Kindern möglich ist. Mieten und Wohnungspreise dort sind wirtschaftliche Folter. Wir sehen uns in Berlin!» Einer der Autoren erläutert. «Nicht wegen der Dienste als Reservist beim Militär oder Raketenangriffen bin ich an Israel zerbrochen. Es passierte, als ich im Supermarkt überlegen musste, ob ich meinen Kindern eine Viererpackung Schokopudding gönnen könnte.»

«Ein Tiefpunkt auf der Moralskala»

Die Tageszeitung «Maariv» kommentierte am Montag, es sei «unverständlich, dass 75 Jahre nachdem das Berliner Pflaster unter den Stiefeln der Sturmabteilung und von Hitlers SS erzitterte, Israelis zuhauf zurück nach Berlin drängen, als ob nichts passiert wäre». Der frühere Generaldirektor im Finanzministerium Doron Cohen beklagte in der israelischen Wirtschaftszeitung «Globes»: «Wenn jemand das Land verlassen will und ausgerechnet nach Berlin geht, erreicht er den Tiefpunkt auf der Moralskala.»

Nachdem Finanzminister Jair Lapid vor einem Jahr mit einem ähnlich scharfen Urteil über die Berlin-Emigranten einen Proteststurm hervorrief, agierte er diesmal vosichtiger: Er werde für eine ganze Reihe weiterer Produkte des Grundbedarfs eine Preiskontrolle einführen, sagte er in einem Interview mit dem Armeeradio. Zugleich äusserte Lapid Verständnis für diejenigen, «die ständig auf der Suche nach den günstigsten Preisen sein müssen».

Angst vor neuen Sozialprotesten

Lapid sagte, er wolle dennoch hinzufügen, dass «die Frage, ob junge israelische Juden nach Berlin auswandern, sich doch nicht nur um Lebenshaltungskosten» drehen könne. Bildungsminister Schai Piron erklärte im gleichen Radiosender, die Äusserungen der nach Berlin Ausgewanderten hätten ihn «sehr stark aufgewühlt. Wenn der Tag kommt, an dem unsere Zugehörigkeit zum Staat Israel nur noch von wirtschaftlicher Zweckmässigkeit abhängt, dann wird es hier sehr problematisch werden.»

Die israelische Regierung befürchtet ein Wiederaufflammen der Sozialproteste vom Sommer 2011, die sich an den galoppierenden Frischkäsepreisen entzündet hatten und zu wochenlangen Protestcamps Hunderttausender auf den Stadtstrassen führten. Die damals neugegründete Zukunftspartei, der Lapid und Piron angehören, wurde von dieser Protestwelle als zweitstärkste Fraktion ins Parlament getragen.

AFP/ldc

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