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Windige Probleme …

Im Alter wird nicht alles ruhiger. Dem Arzt von einem «Gasausstoss-Problem» zu erzählen kann peinlich sein.

Meinung
Ein ungewollter Gasausstoss ist im Alter nichts ungewöhnliches mehr. (Symbolbild)
Ein ungewollter Gasausstoss ist im Alter nichts ungewöhnliches mehr. (Symbolbild)

Louise sass dem Arzt gegenüber. Sie: Im kleinen Schwarzen, das auch nach 50 Jahren noch seine Dienste tat. Dazu: Perlenkette. Einreihig. Und eine Tasche von Hermès.

Er: Weisse Kittelschürze. Bürstenschnitt. Nickelbrille.

Auf der einen Seite also die dezente Eleganz, welche Jahrzehnte überdauert – auf der anderen Seite: die ­Medizin, die sich jeden Tag mit Lichtgeschwindigkeit weiterentwickelt. Und hier in der weissen Schürze ­daherkommt.

LOUISE WAR DIE SACHE SO WAS VON PEINLICH. ABER DAS PROBLEM MUSSTE AUF DEN TISCH.

Ihr Albert war jetzt 85. Und es wurde immer schlimmer mit ihm.

«Geh endlich zum Doktor!», hatte sie ihn beim Frühstück angebellt.

Es war wieder passiert. Und dies eben, als Lucia ihm den «Royal Blend» von Fortnum & Mason einschenken wollte.

Die italienische Hausperle hatte den Teekrug abrupt abgestellt. Und sofort das Fenster geöffnet.

«Danke, Lucia», hatte Louise geflüstert. Es waren solche Situationen, welche alle Standesunterschiede ohne Marx und Aber vom Tisch fegten.

«Es ist doch ganz natürlich …», hatte Albert sich später verteidigt. Und das Weissbrot dick mit Leberwurst ­bestrichen.

Louise zog ihm das Brot genervt vom Teller: «Ich glaube, du solltest etwas Magenberuhigenderes essen, Albert – nimm ein Honigschnittchen!»

Albert knurrte wie ein Hund, dem man den Knochen weggenommen hat: «Honig macht mir Sodbrennen – ich will Leberwurst!» Louise seufzte: «Gestern hast du mitten im ­Konzert …»

Er winkte verärgert ab: «Diese moderne Zwölftonmusik geht mir direkt auf den Darm …»

«… MITTEN IM KONZERT», WIEDERHOLTE LOUISE EISIG. «… UND ­AUSGERECHNET AN DIESER STELLE, WO DAS ORCHESTER DREI TAKTE PAUSE MACHT! DU HÄTTEST ­ZUMINDEST DIE POSAUNEN ­ABWARTEN KÖNNEN …»

(Sie wusste, dass auch dies vergebene Mühe gewesen wäre. In Bayreuth hatte Albert ein 100-köpfiges Orchester übertönt.)

Deshalb jetzt sanft: «Ich glaube, Doktor Marti könnte dir helfen, Albi …»

Albi war ihr Kosewort für ihn. Früher hatte sie dieses eingesetzt, wenn eine neue Hermès-Tasche fällig war. Jetzt aber «Albi» für die Notsituation.

«Doktor Marti kann mich mal, Louise – er hat mir bereits vor zwei Monaten die Prostata abgetastet …»

Sie erschauderte: «DAS IST DOCH ETWAS GANZ ANDERES, ALBERT …»

Dann stand sie auf. Und zog ihr Handy heraus. Das Fenster blieb offen.

UND DA SASS SIE NUN.

Sie stierte auf das Pult mit dem Kunststoff-Modell, das ein geöffnetes Herz zeigte. Schliesslich holte Louise tief Luft: «Also, Albert ist 85 und …»

Der Arzt schob das Kunststoff-Herz an die Tischkante: «Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Burckhardt … alles perfekt … WIR HATTEN DEN LETZTEN CHECK VOR ZWEI MONATEN …»

«Ja schon, aber …» Dann stammelte sie: «Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll … es ist mir schrecklich unangenehm. Aber seit er älter wird, hat er diese schreckliche Unart, ganz plötzlich und ohne Voranmeldung … das dann mitten in einer Bridgerunde. Oder in der Kirche …»

Doktor Marti stierte sie an: «Ich ­verstehe nicht ganz …»

Gott, war dieser Mann naiv!

Louise versuchte es noch einmal: «Also … ganz schlimm ist es bei ­Zwölftonmusik und nach Leberwurst. Aber er will n u r NOCH Leberwurst. Keinen Honig. Davon bekommt er Magenbrennen …»

«Ach, d a s meinen Sie. Ich verschreibe ihm etwas. Das regelt die Über­säuerung. Da kann er auch wieder Honigbrote …»

Der alte Arzt beugte sich über den Rezeptblock. DA PASSIERTE ES – laut und vernehmlich.

«Das Alter …», lachte er zu Louise.

Zu Hause warf sie das Rezept in die Papierentsorgung. Und öffnete das Fenster.

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