Wieso nerven Kinder?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Kinder haben ist grossartig – meistens jedenfalls, davon kann TV-Held Al Bundy ein Liedlein singen.

Kinder haben ist grossartig – meistens jedenfalls, davon kann TV-Held Al Bundy ein Liedlein singen.

(Bild: Filmstill)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Zunächst die kurze Antwort: Kinder sind Anarchisten. Sie wollen alles, und zwar sofort und meistens das, was schlecht für sie ist. Sie kennen keine Grenzen und keine Regeln, bis man sie ihnen beibringt. Und wenn man das geschafft hat, setzen sie alles daran, sie zu brechen. Und zwar so hartnäckig, dass man den eigenen Vorsatz, den eigenen Kindern gegenüber nie laut zu werden, nie die Geduld zu verlieren, rauchen kann. Und wenn man dann lauter geworden ist, als einem selber lieb ist, und dann noch anderes raucht, um sich wieder zu beruhigen, meldet sich das schlechte Gewissen: Was bist du für eine schlechte Mutter.

Es gibt auch eine längere Antwort. Es muss im Sommer 1999 gewesen sein, ich war gerade von einem Zwischennutzungsprojekt ins nächste gezogen, wo wir wieder als eine Art Kommune lebten. Erfreulicherweise lebten in diesem Projekt auch Familien mit Kindern. Als ich dem Vater eines dieser Kinder vorschwärmte, wie süss ich seinen Nachwuchs fände, sagte er: «Klar. Aber weisst du, wenn es deine eigenen sind, können sie ganz schön nerven.»

Ich konnte es nicht glauben. Dann bekam ich selber Kinder. Und heute habe ich eine Theorie dazu, warum Kinder nerven.

Blut ist dicker als Wasser, oder mit unserer mutmasslichen Lieblings-Betrügerin Loredana gesagt: Familie ist alles. Partnerschaften lösen sich auf, Freundschaften verblassen, aber Familienbande bleiben. Das ist schön, aber es kommt mit einem Preis. Denn Familie ist anstrengend. Niemand kann einen so ärgern wie die eigenen Eltern, niemand einen an so empfindlichen Stellen treffen wie Geschwister, und niemand bringt einen so sehr an die Grenzen wie die eigenen Kinder.

Würden sich Partner oder Freunde dasselbe erlauben, man hätte sie schon längst verlassen oder die Freundschaft beendet. Eine Familie lässt sich nicht so ohne weiteres verlassen, und selbst wenn man das tut, bleibt Familie Familie. Man hat schon so viel zusammen durchgemacht, kennt die besten und die schlechtesten Seiten voneinander. Also reisst man sich zusammen, verzeiht, findet eine andere Ebene, macht weiter. Und dies ist auch der Grund, warum Blut so dick ist und Wasser nicht.

Weil das Band, nennen wir es Liebe, einfach stärker ist. Genau so ist es mit den eigenen Kindern. Bevor man sie hat, kann man sich nie, niemals vorstellen, dass sie einen nerven, an die eigenen Grenzen bringen werden, mit wie wenig Schlaf man auskommen kann, worauf man alles zu verzichten lernt. Das ist der Preis für die Liebe, die sie uns erfahren lassen. Es ist, finde ich, ein super Deal.

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