Wieso arten Fragen der Gleichstellung oft in Kämpfe aus?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Polarisierung.

Zwischen «Hausfrau» und «Berufsfrau» tun sich schnell Gräben auf. Foto: Getty Images

Zwischen «Hausfrau» und «Berufsfrau» tun sich schnell Gräben auf. Foto: Getty Images

Peter Schneider@PSPresseschau

Am Weltfrauentag liess sich wieder gut beobachten, wie hehre Anliegen in Sachen Gleichstellung oftmals in Kämpfen zwischen zwei Lagern ausarten. In der Regel sind das Frau versus Mann (und vice versa) oder berufstätige Mutter versus «Hausfrau». Dabei würde die Gleichstellung der einen Partei meines Erachtens in der Regel auch der anderen Partei dienen. Zum Beispiel indem man akzeptiert, dass «muttergerechte» Arbeitsbedingungen auch eine 80- bis 100-Prozent-Stelle mit guter Entlohnung bedeuten können (wenn der Mann zu Hause bleiben will oder die Teenager-Kids schlicht vor allem unterhaltsintensiv geworden sind). Warum diese Polarisierungen?
S. L.

Liebe Frau L.

Ich fürchte, die Polarisierungen kommen daher, dass hier nicht einfach Fragen der Gleichberechtigung, sondern dass hier Lebensformen verhandelt werden. Es ist ähnlich wie bei der Ehe für alle. Eigentlich kann es ja jedem heterosexuellen Paar wurscht sein, wenn auch homosexuelle Paare heiraten (und vielen ist es auch egal).

Aber es gibt gleichzeitig eine Fraktion von Menschen, die sich damit in ihrer Lebensform angegriffen fühlen. Man kann solche Kämpfe nicht nur bei anscheinend hochideologisierten Themen wie zurzeit bei Genderfragen beobachten. Man hat den Eindruck, die Leute empfinden die Frage, ob man in einem 60-, 80- oder 100-Prozent-Pensum arbeitet, nicht nur als Frage, wie viel Geld man zum Leben braucht und wie man gegebenenfalls die Kinderbetreuung organisiert, sondern als identitätsstiftende Art, das gesamte Leben zu gestalten – eben als Lebensform.

«Wir ernten hier die Früchte einer Privatisierung gesellschaftlicher Fragen und politischer Probleme.»

Lebensformen zeichnen sich dadurch aus, dass darin ganz viele Dinge miteinander verknüpft sind; auch Dinge, an die man zunächst gar nicht denken würde. Wer zu 100 Prozent arbeitet, missachtet die Würde der Familienarbeit, fliegt lieber übers Wochenende zum Shoppen auf die Malediven, als sich um seine Kinder zu kümmern, die wahlweise den ganzen Tag in der Kita beziehungsweise vor dem Tablet hocken?.?.?.

Oder aber die Hausfrauen fliegen als Helikoptereltern gekleidet den ganzen Tag ihre Kinder zwischen Frühchinesisch, Ballettstunde und Hochbegabtenförderung hin und her, natürlich im SUV. Kein Wunder, wenn die Kinder dann anorektisch, orthorektisch oder übergewichtig werden. Wir ernten hier die Früchte einer Privatisierung gesellschaftlicher Fragen und politischer Probleme. Es geht dann weniger darum, politische Lösungen und politische Änderungen herbeizuführen, sondern darum, RICHTIG ZU LEBEN. Konkurrenz ersetzt Solidarität. Es ist zum Haarölseichen.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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