Weshalb sind wir nur so inkonsequent?

Leser fragen

Erwachsene, die versuchen, konsequent zu sein, nerven damit ihre Kinder und sich selber. Obwohl sie es doch mit ihrer Konsequenz gut meinen.

Peter Schneider@PSPresseschau

Allerorten zeigt man schon bald allergrösste Besorgnis über Klima, Energie, die Hinterlassenschaft an unsere allerliebsten Kinder und beklagt die diesbezügliche Untätigkeit der Entscheidungsträger oder generell der «anderen». Und fast im selben Atemzug beginnt man zu schwärmen über den kürzlichen Gadget-Kauf, Kurzurlaub (mit Flugzeug), Umzug in die (natürlich grössere) Wohnung etc. Wie schaffen wir es nur immer wieder, mit ernster Miene das immer gleiche verlogene Theäterli vorzuführen, ohne je in lautes schallendes Gelächter auszubrechen? Kinder würden das nämlich.
S. K.

Lieber Herr K.Würden sie? Ich glaube eher nicht. Denn Inkonsequenz ist eines der Privilegien der Kinder. Sie weigern sich, Fleisch von herzigen Tierli zu essen, und wollen darum ab sofort nur noch Fischstäbli oder Würschtli verzehren; sie finden die Umweltzerstörung mindestens so schlimm wie Familienwanderferien im Schwarzwald und ziehen ein iPad allemal der Quality Time mit Papi vor. Die Kleinen sind keineswegs konsequent, und das nervt die Erwachsenen.

Erwachsene hingegen, die versuchen, konsequent zu sein, nerven damit ihre Kinder und sich selber. Obwohl sie es doch mit ihrer Konsequenz gut meinen. Was ist der Haken an der Konsequenz? Brecht hat das Land gepriesen, das keine Helden braucht. Man könnte den Satz so variieren: Gelobt seien Verhältnisse, in denen es keine Konsequenz braucht. In denen jeder tun kann, was er will, und letztlich kommt es doch gut. Die bürgerlichen Marktapologeten haben diese Vision der automatisch bestmöglichen Gesellschaft. Sie berufen sich auf die von Adam Smith in die Welt gesetzte «unsichtbare Hand», die es letztlich schon richtet: Individuelle Unvernunft kumuliert sich auf rätselhafte, aber wirksame Weise zu ökonomischer Vernunft.

Den Linken fehlt eine solche Utopie. Von der marxschen Auffassung, dass es «die Verhältnisse» sind, die den Gang der Geschichte bestimmen (und nicht der gute Wille der Individuen), ist schliesslich nur der Glaube übrig geblieben, dass es die Konsequenz der Gutmeinenden, die Kongruenz von Privatem und Politischen ist, die unseren Planeten noch erlösen kann.

Verglichen mit der katholischen Nonchalance der Unsichtbaren-Hand-Ideologie ist das ein tristes protestantisches Programm, das jeden Einzelnen zu einem hilflosen Atlas (resp. Christopherus) macht, dem es aufgegeben ist, die Last der ganzen Welt zu tragen – und daran zu verzweifeln.

Wie es denn aber richtig sein soll? Keine Ahnung. Aber jeder Städtereise nach Paris, New York oder Berlin die Verantwortung für das Sein oder Nicht-Sein des menschlichen Lebens auf unserem Planeten aufzubürden, scheint mir jedenfalls weniger eine politische als vielmehr eine kryptotheologische Forderung zu sein.

Tages-Anzeiger

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