Wer guckt heute nicht in den Mond?

In den 50 Jahren seit der ersten bemannten Mondlandung am 20. Juli 1969 wurde die Idee, dass im Weltraum Neues zu entdecken ist und dass sich dort grosse Horizonte öffnen, unseren Kindern gründlich ausgetrieben.

Edwin «Buzz» Aldrin, am 21. Juli 1969, nach Neil Armstrong der zweiter Mensch auf dem Mond. Im Hintergrund ist die Mondlandefähre «Eagle» zu sehen.

Edwin «Buzz» Aldrin, am 21. Juli 1969, nach Neil Armstrong der zweiter Mensch auf dem Mond. Im Hintergrund ist die Mondlandefähre «Eagle» zu sehen.

(Bild: Keystone Nasa / Neil Armstrong)

Martin Suter@sonntagszeitung

Es ist überstanden, das grosse Jubiläum von Apollo 11. Am Samstag war es fünfzig Jahre her, seit die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen den Mond betraten. Doch die Würdigungen dieses welt­historischen Ereignisses in Zeitungen und elektronischen Medien wirkten halbherzig, wie Pflichtübungen. Von einer echten Begeisterung über die beispiellose Leistung der ersten Mondlandung war wenig zu spüren.

Wie anders fühlte es sich 1969 an! Wer alt genug ist, erinnert sich an die durchwachte Nacht des damaligen 20. Juli. Die ganze Familie unterbrach den Schlaf, um auf dem schwarz­weissen Fernsehschirm die bewegten und bewegenden Bilder vom «grossen Schritt für die Menschheit» mitzuerleben. Für mich war damals die Weltraumfahrt das höchste der Gefühle. Ich hielt an der Schule Vorträge darüber, und in der Freizeit zeichnete ich Raumschiffe.

Lieber Vlogger oder Stars auf Youtube

Macht das heute noch ein Bub oder ein Mädchen? Nicht im Westen. Nach einer Umfrage von Lego rangiert der Berufstraum Astronaut unter 8- bis 12-Jährigen in den USA wie in Grossbritannien mit bloss 11 Prozent auf dem fünften Platz. Am liebsten wollen diese Kids Vlogger werden, Stars auf Youtube. Die Idee, dass im Weltraum Neues zu entdecken ist, dass sich dort die ­grossen Horizonte öffnen, ist unseren Kindern gründlich ausgetrieben worden.

Schuld daran trägt die Babyboomer-Generation: Nach der Eroberung des Mondes liessen die USA den Erdtrabanten links liegen, anstatt ihn zu kolonisieren und von ihm aus­gehend weiter ins All vorzustossen. Nachfolgende Generationen beurteilten den stupenden Erfolg des Apollo-Programms nach den öden Mass­stäben politischer Korrektheit. Die US-Weltraumbehörde Nasa habe damals weder Frauen noch Schwarze auf den Mond geschickt, kritisieren Kommentatoren dieser Tage in US-Zeitungen.

China will ebenfalls in den Weltraum

Einen kollektiven «can-do spirit», das Gefühl «Wir schaffen das» gibt es nur in China. Die aufstrebende Macht, die im Januar eine Sonde auf der Rückseite des Mondes landete, will es auch im All dem Westen zeigen. Raumflug­pläne sind für die kommunistischen Machthaber in Beijing keine Debattenpapiere, sie werden ausgeführt. Entsprechend herrscht Begeisterung. Nach der Lego-Umfrage steht der Traum, Astronaut zu werden, bei chinesischen Buben und Mädchen auf Platz eins. Über die Hälfte von ihnen will in den Weltraum.

Und wir? Wir gucken in den Mond.

Basler Zeitung

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