Warum sind Fussballfans aggressiv?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Die Luft brennt: FC Sion gegen FC Basel, 18. März 2018.

Die Luft brennt: FC Sion gegen FC Basel, 18. März 2018.

(Bild: PD)

Florian Raz@razinger

Eine Aufgabenstellung, die fast ebenso sehr Vorurteil wie Frage ist. Zumindest sagt sie viel darüber aus, wie eine kleine Gruppe das Bild eines Ganzen prägen kann. 2018 setzten die Teams der Super League rund 2Millionen Tickets ab. Im selben Jahr wurden in der Schweiz 216Personen neu als Gewalttäter in der Hooligan-Datenbank des Bundes erfasst.

Das Verhalten von Fussballfans wird oft durch (lokal-)patriotische Gefühle beeinflusst, die bei Teamsportarten stärker sind als bei Einzelsportlern wie etwa Schwingern. Ein Team vertritt die Farben einer Stadt, eines Landes. Es hat ein ­einheitliches Trikot und ein Logo, mit denen sich Fans schmücken können, um zu ­signalisieren: Ich gehöre dazu!

Schön zu erkennen ist dieser Unterschied beim Tennis, wenn man die Stimmung von normalen Einzelturnieren mit jener vergleicht, die bei Fed-Cup oder Davis-Cup herrscht, wo Länderteams antreten. Kaum treten die Spielerinnen und Spieler in Landesfarben an, wird die Atmosphäre lauter, hektischer.

Zuschauer eines Fussballspiels denken zudem, dass sie den Ausgang des Spiels beeinflussen können. Das steht zwar wissenschaftlich auf wackligen Beinen. Seit die Stadien überall ähnlich aussehen und die Reisen weniger beschwerlich sind, nimmt der Heimvorteil weltweit ab. Trotzdem glauben Fans, dass eine laute Kulisse Gegner verunsichert und das eigene Team beflügelt. Wer laut ist, ist emotionaler als sonst. Wer emotional ist, kann ­aggressiv werden.

Bei klassischen Hooligans geht die Verbundenheit mit dem eigenen Team noch weiter. Sie sehen sich als so etwas wie eine «zweite Mannschaft» des Clubs. Verliert ihr Team, können sie doch noch gewinnen, indem sie sich in der Schlägerei mit der gegnerischen «Firm» durchsetzen.

Die Schweizer Fankurven werden durch Ultras geprägt. Sie suchen nicht gezielt die Gewalt, pochen jedoch auf Autonomie und brechen ­Regeln. Bei ihnen kommt ein wissenschaftlich erwiesenes Phänomen der Massenpsychologie zum Tragen. Weil sie als potenzielle Gewalttäter gelten, werden sie häufig selbst dann von einem massiven Sicherheitsaufgebot empfangen, wenn sie noch gar nichts ­verbrochen haben.

Menschen, die sich ohne Schuldbewusstsein als Menge eingekesselt fühlen, verändern ihr Verhalten. Sie sehen dann plötzlich Gewalt als legitimes Mittel der Selbstverteidigung. Dieses Wissen setzt die Schweizer Liga um. Seit 2015 werden Auswärtsfans weniger martialisch empfangen. Die Folge: Bei Stadioneingängen ist es seither zu keiner Gewalt mehr gekommen.

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