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Wann hat der Mensch Mitleid verdient?

Voraussetzung für Mitleid ist, dass wir im anderen einen Gleichen erkennen. Foglich muss man sich Mitleid nicht verdienen, sondern abringen.

Was ist Mitleid? Muss man sich Mitleid verdienen, wie es die Formulierung «Ein Junkie verdient kein Mitleid» impliziert? M. B.

Lieber Herr B. Mitleid, so erklärt uns die Neurophilosophie, ist ein Effekt des Wirkens der Spiegelneuronen. Vor knapp zwanzig Jahren zum ersten Mal beschrieben, machten diese Neuronen seither eine grandiose Karriere. Sie sind seither nicht nur dafür verantwortlich, dass wir gähnen, wenn der andere gähnt, sondern auch dafür, dass wir mitleiden, wenn wir sehen, dass ein anderer leidet. Die Entdeckung schien wie eine empirische Bestätigung der Schopenhauerschen Mitleidsethik. Schopenhauer hielt das Mitleiden allerdings keineswegs für einen naturwüchsigen und gleichsam automatisch sich vollziehenden Vorgang. Es bleibt für ihn «mysteriös», wie es gelingt, den «natürlichen» Egoismus zu überwinden, sodass sich die Schranke zwischen Ich und Nicht-Ich für einen Moment auflösen und ich den Schmerz des anderen mitfühlen kann, obwohl «seine Haut meine Nerven nicht einschliesst».

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