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Von der Sprachpolizei übersehen

Holocaust ist ein ungemein praktisches Wort. Holocaust klingt viel netter als Völkermord.

MeinungChristine Richard
Im Sprachgebrauch bezieht sich Holocaust ausschliesslich auf den Völkermord an Jüdinnen und Juden. Christoph Soeder (Keystone)
Im Sprachgebrauch bezieht sich Holocaust ausschliesslich auf den Völkermord an Jüdinnen und Juden. Christoph Soeder (Keystone)

Holocaust, Holocaust, Holocaust. Je länger man dieses Wort anschaut, desto seltsamer schaut es zurück. Zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager ist jetzt wieder viel von «Holocaust» die Rede. Als wüsste man, was das ist, so ein Holocaust. Ich zum Beispiel weiss es nicht. Bezeichnet das Wort die Ermordung des jüdischen Volks durch die National­sozialisten? Oder schliesst Holocaust auch andere massenhaft getötete Nazi-Opfer mit ein, die Sinti und Roma, die Regimegegner, die Zwangsarbeiter? Das Berliner Holocaust-Mahnmal jedenfalls ist ein «Denkmal für die ermordeten Juden Europas». Ein deutsches Holocaust-Denkmal für jene Menschen, die gegen Hitlers Truppen kämpften, existiert nicht. Die Sowjetunion verlor nach seriösen Schätzungen zwischen 8 und 13 Millionen Soldaten, dazu 12 bis 17 Millionen Zivilisten.

Im Sprachgebrauch bezieht sich Holocaust ausschliesslich auf den Völkermord an Jüdinnen und Juden. Dabei hat das Wort, aus dem Griechischen stammend, einen Bedeutungswandel hinter sich. Ursprünglich die totale Verbrennung von Opfertieren bezeichnend, wurde Holocaust im Englischen zum Terminus für Kata­strophen schlechthin, «gleich ob durch Feuer oder nicht, oder für ein Massaker oder einen Massenmord» (Encyclopædia Britannica, 1910). Insoweit kann man die Massaker von Ruanda 1994 durchaus als «Holocaust» bezeichnen. Auch die Terror­anschläge am 11. September 2001?

Merkwürdigerweise machte sich die alte Bundesrepublik den neu­modischen englischen Begriff sofort zu eigen.

Vieles ist unbestimmt, eines ist sicher: In die deutsche Sprache geriet das Wort Holocaust durchs Fernsehen. Deutschlands dritte Fernseh­programme zeigten zwischen 22. und 26. Januar 1979 die US-amerikanische TV-Serie «Holocaust». Der Vierteiler begleitet eine jüdische Arztfamilie aus Berlin durch die NS-Zeit, Vernichtungslager, Warschauer Ghetto und Widerstand. Von linker Seite kam Protest gegen den kommerziellen Kitsch der US-Serie. Von Rechts­extremen kamen Bombenanschläge gegen zwei Sendemasten der ­«Nestbeschmutzer». Das Massen­medium Fernsehen führte den Begriff Holocaust ein.

Merkwürdigerweise machte sich die alte Bundesrepublik den neu­modischen englischen Begriff sofort zu eigen. Anders bei harmlosen ­Anglizismen wie Fitness, Camping oder Know-how: Gegen solche ­englischen Ausdrücke hatte die deutschkonservative Sprachpolizei mit starker Abwehr reagiert. Holocaust indes ging glatt durch. Der Begriff Holocaust, der war super, auf Deutsch gesagt: tadellos.

Holocaust ist ein ungemein praktisches Wort. Holocaust klingt viel netter als Völkermord. So ein englisches Wort, das hört sich modern an, geradezu hip. Holocaust. I know what you mean. Ich weiss, was du meinst. Du musst es gar nicht so genau wissen. Ich auch nicht. ­Holocaust ist im Deutschen ein Selbstschutzwort, ein Plastikwort, ein Schlaumeier-Wort.

Anders als Holocaust setzte sich der Begriff Schoah im ­Deutschen nie durch. Zu jüdisch, um ihn «einzubürgern»?

Der US-amerikanische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim schrieb 1978: «Vom Holocaust zu sprechen, macht es uns möglich, den Sachverhalt intellektuell zu bewältigen, während die nackten Tatsachen, bei ihrem gewöhnlichen Namen genannt, unser Gefühl überwältigen würden.»

Bettelheim wies darauf hin, dass sogar die Nazis davor zurückschreckten, ihr schreckliches Vorhaben beim Namen zu nennen. «Endlösung» nannten sie die Vernichtung. War das nun zynisch oder feige oder menschenverachtend? Alle drei Haltungen gehören letztlich zusammen. Und weiter: Bei den Nürnberger Prozessen (1945–1949) retteten sich die Juristen in das Wort «Genozid». Das klingt wissenschaftlicher als Massenvernichtung. Ein Fachbegriff kühlt verlässlich die Emotionen herunter. Holocaust ist heute das Lieblingswort der ­Medien für den Völkermord an Jüdinnen und Juden.

Es gäbe da, nebenbei gesagt, noch einen zweiten Begriff: Schoah. Schoah ist das hebräische Wort für Kata­strophe, Untergang. Warum nicht ­Schoah benutzen? Sieben Jahre nach der «Holocaust»-Serie kam Claude Lanzmanns zweiteiliger Dokumentarfilm «Shoah» ins Fernsehen. Er zeigt Interviews mit Zeitzeugen, Überlebenden von Konzentrationslagern, auch SS-Leuten, Lokführern der Deportationszüge und die Stätten der Qual. Lanzmann hatte elf Jahre an seiner überaus eindrucksvollen Dokumentation gearbeitet. Wieder kam der Film nur in die dritten ­Programme, nicht ins ARD-Haupt­programm. Anders als Holocaust setzte sich der Begriff Schoah im ­Deutschen nie durch. Zu jüdisch, um ihn «einzubürgern»?

Vor 80 Jahren kaufte die SS eine Industriellenvilla am Berliner Wannsee. Am 20. Januar 1942 lud SS-Führer Heydrich zu einer «Besprechung mit Frühstück». Innert 90 Minuten wurde die «Endlösung der Judenfrage» organisiert. Man sprach nicht von Deportation und Tötung, sondern von ihrer «Evakuierung».

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