Vergebung!

Warum sich der Papst für den Antisemitismus der Katholischen Kirche entschuldigen sollte.

Grösste Mühe mit dem Kernthema. Papst Franziskus (l.), Vorgänger Benedikt XVI.

Grösste Mühe mit dem Kernthema. Papst Franziskus (l.), Vorgänger Benedikt XVI.

(Bild: Keystone)

Haben Sie schon jemanden getötet? Klauen Sie wie ein Rabe? Lügen Sie, dass sich die Balken biegen? Spannen Sie Ihren Kollegen regelmässig die Freundin aus oder betrügen Sie ständig Ihren Ehepartner? Behandeln Sie Ihre Eltern wie den letzten Dreck? Sind Sie von Neid zerfressen?

Wenn Sie diese Fragen verneinen können, leben Sie weitgehend nach den zehn Geboten. O.k., vielleicht haben Sie sich Gott mal als bärtigen Opa vorgestellt (Du sollst dir kein Bildnis machen), an einem Ruhetag gearbeitet (Gedenke des Sabbats) oder es rutschte Ihnen ein «Gopferdammi» raus (Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen), aber das sind vernachlässigbare Sünden.

Gemäss dem jüdischen Tanach wurden die Gebote Moses auf dem Berg Sinai von Gott offenbart. Ich tendiere jedoch eher zur Ansicht, dass sie vor Tausenden Jahren – lange bevor der erste christliche Mensch auch nur ein Schimmer im Auge seiner Mutter war – von gescheiten Juden erdacht wurden, um mit dem Monotheismus (Du sollst keine anderen Götter neben mir haben) dem damaligen ethisch-moralischen Schlamassel einigermassen Herr zu werden. Wie dem auch sei, seitdem bildet der jüdische Dekalog die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens in der westlichen Zivilisation.

Geschwisterreligion

Das Christentum – ursprünglich nur eine Art Reformjudentum, denn Jesus rebellierte zwar gegen die jüdische Elite, sah sich selbst aber als Jude – hatte von jeher seine liebe Mühe mit dem Judentum, seiner Mutter- oder – je nach Auffassung – Geschwisterreligion. Nun konnte man den unliebsamen Verwandten, dem man übel nimmt, dass man ihm seine Existenz verdankt, nicht einfach liquidieren, wie das Kain mit Abel tat.

Stattdessen wird im Neuen Testament, der heiligen Schrift der Christen, eine verheerende Kampagne gegen die Juden gefahren, perfiderweise getarnt als «innerjüdischer» Konflikt. «Diese (die Juden) haben auch den Herrn Jesus und die Propheten getötet und uns verfolgt; sie gefallen Gott nicht und sind allen Menschen Feind», wird da Paulus in den Mund gelegt (1. Tessalonicher 2, 14-16). Noch bunter treibt es Johannes im Kapitel «Abrahamskinder und Teufelskinder»: «Ihr (die Juden) seid von dem Vater, dem Teufel» (Johannes 8, 37).

Die Substitutions-Theologie – dass die Juden aufgrund des im Neuen Testament behaupteten Gottesmords (Deizid) für alle Zeit von Gott verflucht sind, ihr «Heil» nur in der Aufgabe ihrer Religion finden können und dass an ihre Stelle das Christentum tritt – wird geboren. Sie zeitigt einen 2000 Jahre dauernden christlichen Feldzug gegen die Juden – verhasst, weil sie der Menschheit ein Gewissen aufnötigten und Jesus nicht als Erlöser akzeptieren –, der im Holocaust seinen vorläufigen Höhepunkt findet.

Nach Auschwitz dauert es nochmals 20 Jahre, bis sich die christliche Kirche anlässlich des Zweiten Vatikanischen Konzils vom 28. Oktober 1965, unter heftigen Widerständen einiger Konzilsväter, dazu durchringt, mit der halbherzigen und nicht verpflichtenden Erklärung «Nostra Aetate» das Verhältnis der Kirche zu den Juden zu thematisieren.

Wahnwitzige Rede

Wer in diesem verschwiemelten Pamphlet das Eingeständnis konkreter Fehler, Versäumnisse oder Verbrechen der Kirche während des Holocausts, eine Wiedergutmachung, Entschuldigung, Scham oder Reue, eine ernst zu nehmende Schuldanerkennung oder auch nur ehrliches Bedauern erwartet, wird enttäuscht.

«Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben», wird mit Verweis auf das Neue Testament proklamiert, «kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen». Es waren demnach nicht «alle damals lebenden Juden» verantwortlich für den Tod von Jesus Christus, aber Juden waren es allemal.

Antisemitismus wird in «Nostra Aetate» nur in einem dürren Satz erwähnt. Begangen wurde dieser aber nicht von der Kirche oder den gütigen Christenmenschen, die in den Tötungsfabriken der Nazis arbeiteten, nicht von den Kirchgängern, die ihre langjährigen Nachbarn, Bekannten und Geschäftspartner denunziert haben, auch nicht von den Gläubigen, die die wöchentlich am Hamburger Hafen eintreffenden «Judenkisten» mit dem «arisierten» Hab und Gut der ermordeten Juden plünderten und sich für eine Handvoll Reichsmark Nerzmäntel kauften. Nein, verantwortlich für diese «Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus» war «irgendjemand» zu «irgendeiner Zeit».

Joseph Ratzinger

Dazu der Kommunikationswissenschaftler Maximilian Gottschlich in seinem Buch «Ungelöste Schatten»: «Der Holocaust wurde nicht von einem blindwütigen Neoheidentum vorbereitet und durchgeführt. Es waren getaufte Christen, die das teuflische System in Gedanken, Worten und Taten mitgetragen haben. Das wird bis heute verdrängt.»

Auftritt Joseph Ratzinger, emeritierter Papst Benedikt XVI., der sich aus Altersschwäche als erster Papst frühpensionieren liess. Dieser Ratzinger, dessen Mentor, Kardinal Michael Faulhaber, nach Georg Elsers gescheitertem Attentat auf Adolf Hitler im November 1939 im Münchner Dom ein Te Deum aufführen liess, «um im Namen der Erzdiözese der Göttlichen Vorsehung zu danken, dass der Führer dem verbrecherischen Anschlag, der auf sein Leben gemacht wurde, glücklich entronnen ist»; dieser Ratzinger, Flakhelfer bei der Hitlerjugend, der als Papst die Exkommunikation von vier Bischöfen der antisemitischen Piusbrüderschaft aufhob und die umstrittene Karfreitagsfürbitte wieder einführte, die Christen auffordert, «für die treulosen Juden (pro perfidis Iudaeis)» zu beten, «dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus»; dieser Ratzinger, der in seiner wahnwitzigen Rede in Auschwitz die Toten missbrauchte und von Juden schwafelte, die dort «gestorben» seien, wie wenn diese ohne Zutun der Nazimörder einen Herzinfarkt erlitten hätten; dieser Ratzinger, der in Auschwitz Täter zu Opfern machte, indem er die Millionen, die beim Massenmord mitmachten, als Verführte und Verblendete hinstellte, als «gebrauchte und missbrauchte» Opfer einer kleinen «Schar von Verbrechern», und damit die Kirche von aller Mitverantwortung am Judenmord freisprach.

Ausgerechnet dieser Ratzinger kommt nun daher und propagiert in seinem Beitrag «Gnade und Berufung ohne Reue», erschienen in der theologischen Fachzeitschrift Communio, die Substitutions-Theologie, diese ungeheuerliche Anmassung des Christentums gegenüber seiner Ursprungsreligion: «Die Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu, das heisst in seiner den Tod überwindenden Liebe, gibt dem Bund eine neue und für immer gültige Gestalt.» Der Neue Bund tritt an die Stelle des Alten, auch wenn dieser «im Kern» weiter bestehe.

Allgemeinplätze

Rabbiner David Bollag, den ich persönlich kenne und schätze, hat in der Neuen Zürcher Zeitung Ratzingers Thesen ausführlich analysiert. Er spricht von einem «christlich-jüdischen Dialog», wobei sich mir der Nutzen eines solchen nicht erschliesst, denn Juden werden wegen dieses Dialogs nicht weniger gehasst. Während Ratzingers Pontifikats sei dieser Dialog «immer wieder stark belastet, wenn nicht gar gefährdet» worden. Seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus im Jahr 2013 habe sich der «Dialog zwischen dem Judentum und dem Christentum wieder beruhigt».

Dem kann ich nicht beipflichten. Auch Papst Franziskus ist mehr als fünfzig Jahre nach «Nostra Aetate» Lichtjahre davon entfernt, sich mit der christlichen Schuld gegenüber den Juden angemessen auseinanderzusetzen.

Für eine echte Aufarbeitung der Verbrechen der Kirche an den Juden braucht es einiges mehr als die zwei Allgemeinplätze, die Franziskus bei seinem Auschwitz-Besuch ins Gästebuch des KZ-Museums kritzelte: «Herr, habe Erbarmen mit deinem Volk! Herr, vergib uns so viel Grausamkeit.» 2015 beeilte sich der Heilige Vater im Namen der katholischen Kirche und deren antijüdischer Tradition, mit «Palästina» einen Nicht-Staat anzuerkennen, dessen politische Parteien Hamas und Fatah in ihren Chartas unverhohlen die Vernichtung Israels fordern. Trotzdem sah Franziskus die «Voraussetzungen» für eine Anerkennung von «Palästina» durch den Vatikan als «erfüllt».

In Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, einem Holocaustleugner, glaubte Franziskus gar einen potenziellen «Engel des Friedens» entdeckt zu haben. Im Vorfeld der Anerkennung eines Staates, der das heutige Israel «vom Jordan bis zum Meer» von Juden säubern will, traf Franziskus den aktuellen palästinensischen Mufti von Jerusalem, Mohammed Hussein, einen bekennenden Judenhasser, der in einem auf Youtube dokumentierten Video öffentlich zum Judenmord als «muslimische Pflicht» aufrief.

Am 26.1.2016, einen Tag vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag, konferierte der Papst «in herzlicher Atmosphäre» mit dem iranischen Präsidenten Rohani, dessen «gemässigten Kurs» Franziskus bereits mehrfach gewürdigt hatte.

Inakzeptables Verhalten

Seit Langem gibt es regelmässige Treffen zwischen vatikanischen Vertretern und führenden iranisch-schiitischen Theologen, während denen auch die «gemeinsamen spirituellen Werte» zur Sprache kommen. Nach dem beschämenden Schulterschluss der Kirche mit den Nazis verbrüdert sich der Papst erneut mit Bevölkerungsgruppen und theokratischen Gewaltregimes, deren Ziel die Vernichtung Israels und damit das Töten von Juden ist.

Durch dieses inakzeptable Verhalten legitimiert der Papst als Autorität, von der sich Milliarden Menschen Antworten erhoffen, die antisemitischen Positionen der genannten Personen und Unrechtsstaaten und ermöglicht es Judenhassern, sich auf ihn zu berufen.

Deutlich weniger gesprächig als mit Abbas, Hussein oder Rohani war Franziskus, als er 2016 auf Einladung von ehemaligen Häftlingen das Vernichtungslager Auschwitz besuchte, diesen unseligen Ort, der wie kein anderer den versuchten Genozid der Nazis an den europäischen Juden symbolisiert. Schweigend hielt der Papst ein medienwirksam inszeniertes Betroffenheitsritual ab, das bezeichnenderweise in der Zelle von Pater Maximilian Kolbe, einem Christen, stattfand, und nicht in einer der Baracken, in der die todgeweihten Juden hausten.

Nicht einmal ein Brief der Auschwitz-Überlebenden («Wir wollen nicht, dass dieser Ort des Grauens in die Stille fällt») hielt den Papst von seiner selbstherrlichen Entscheidung ab, «das Dröhnen der Stille wirken zu lassen». Das weltweit hysterisch bejubelte Schweigen des Papstes kulminierte in der pathetischen Frage: Was hätte er denn sagen können? Wie wäre es mit: «Es tut uns leid»?

Von den sieben Päpsten seit dem umstrittenen, während des Zweiten Weltkriegs amtierenden Pius XII. hielten es lediglich drei der Nachfolger des Apostels Petrus für nötig, nach Auschwitz zu kommen. Angesichts der unsäglichen Verbrechen der christlichen Kirche gegen die Juden hätte jeder Papst von sich aus eine jährliche Pilgerreise nach Auschwitz antreten sollen, statt auf Einladungen von Holocaust-Überlebenden zu warten.

«Hirten der Universalkirchen»

Die «Hirten der Universalkirchen» hätten den Weg von Rom nach Auschwitz auf den Knien, nein, auf allen vieren zurücklegen sollen, in den Holzschuhen, die auch die Auschwitz-Insassen tragen mussten, um die Gelegenheit wahrzunehmen, ihre geheiligten Häupter in unendlicher Scham zu senken vor dem Andenken an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder, an deren millionenfacher Ermordung sie mitschuldig waren und sind.

Doch ausgerechnet die Exponenten der Religion der Empathie und Nächstenliebe, deren jüdische Galionsfigur Jesus Christus einst die andere Wange hinhalten wollte, bekunden grösste Mühe mit dem Kernthema und erklärten Unterscheidungsmerkmal des Christentums gegenüber den anderen monotheistischen Weltreligionen: der Vergebung. Im Judentum existiert keine Vergebung im Namen eines anderen, da nur die Geschädigten selbst vergeben können.

Im Christentum hingegen ist jede Sünde ein Vergehen gegen Gott und kann von ihm stellvertretend vergeben werden. So kann von jüdischer Seite den Christen zwar keine Vergebung gewährt werden, da ihre Opfer nicht mehr leben. Durch Gottes Vergebung würde jedoch eine Versöhnung zumindest in den Bereich des Möglichen rücken.

Nichtssagendes Schweigen

Statt sich mit Holocaustleugnern und Hasspredigern wie Abbas, Hussein und Rohani in trauter Einigkeit zu zeigen, inflationär mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zu kokettieren, sich in nichtssagendem Schweigen in Auschwitz zu gefallen und seine vermeintliche Demut mit medienwirksamen Fusswaschungen von Flüchtlingen zu zelebrieren, sollte der Hirte der weltweit grössten Religionsgemeinschaft – Befürworter einer «würdevollen» Prügelstrafe für Kinder (derweil steht Kardinal Georg Pell, einer seiner engsten Vertrauten, wegen «historischem» Kindsmissbrauch vor Gericht), erbitterter Gegner der Homosexuellen-Ehe und angeblich von Gott gesandter irdischer Vertreter des Allmächtigen – sich wie ein Christ im Sinne der Lehren Jesu (der zu sein er ja nicht müde wird zu betonen) verhalten und Gott um Vergebung bitten:

«Allmächtiger Gott, wir Christen haben die Juden jahrtausendelang als Gottesmörder und Kinder des Satans diffamiert, wir haben sie ausgegrenzt, verleumdet, verfolgt, betrogen, enteignet, beraubt, erschlagen, ersäuft, verbrannt, erschossen und vergast.

Das war eine Sünde, ein Vergehen gegen deine Gebote. Was wir getan haben, tut uns aus tiefstem Herzen leid, und wir bitten Dich dafür um Vergebung!»

Mit weniger sollten sich die Juden nicht zufrieden geben.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt